24.10.2009 (k) – Ninglang – Shudizhen: 84km, 1100Hm

Über Hotelfrühstücks in China muss man sich ja meist nicht genauer auslassen, doch sollte man es, wenn eines im Preis inbegriffen ist, stets probieren, denn man weiß nie, ob es sich vielleicht doch lohnt. So wie heute, als wir uns mit würzigen Bratkartoffeln, kurzgebratenem Chinakohl, gekochtem Ei, frischen Mantou, Nudeln mit zimtig-süss-scharfer Hackfleischsoße und gebratenem Reis die Ranzen vollschlagen. Wohl wissend, dass uns während der Fahrt meist nichts Herzhaftes mehr erwartet, es sei denn, es gibt ein kleines Nudelrestaurant am Weg (doch das war schon länger nicht mehr der Fall) oder wir haben rechtzeitig Baozi geladen. Muffins, French-Bread und Schokolade hätte unser Trainingslehre-Dozent Herr Engelhardt sicher nicht gern als Wegzehrung gesehen.

Gut 10 km südlich der Stadt schlagen wir östliche Richtung ein, dem Schild „Lijiang 115 km“ folgend. Aufgrund der Topographie ist klar, dass wir heute nicht ganz bis dorthin fahren, sondern die letzten 1000 Hm und 35 km für morgen aufheben. Das Flusstal steigt zunächst nur mäßig an,  die Felder zu beiden Seiten sind fast alle abgeerntet und jede klein umrandete Terrasse liegt brach und braun da, gepflügt und bereit für den anstehenden Winter. Auch hier steht die Arbeit vor allem noch im Zeichen des Maises, der an beinahe jedem Haus und Balkon in großen leuchtenden Bündeln hängt. An die ländlichen Bilder sind wir mittlerweile gewöhnt, die Arbeit scheint überall gleich mühsam, egal, ob es um Rinder, Ziegen, Schafe, Yaks, Schweine oder Hühner, ob es um Gras, Sichuanpfeffer, Weizen, Gerste, Chili, Kürbis, Spinat, Chinakohl oder Mais geht. Dennoch ist das Beobachten beim Vorbeiradeln immer wieder interessant, denn Menschenantlitze, Kleidung und Baustile der einfachen Häuser ändern sich alle paar Tage.

Nach 20 km wird der Tritt schwerer, das liebliche Tal verwandelt sich in einen steileren Pass und lässt uns Höhe machen. Als wir meinen, den höchsten Punkt erreicht zu haben und vor uns Yunnans Fünftausender mit Schneehäubchen auftauchen, ist Zeit für ein Suppenpäuschen. Erst ein Mal hatten wir bisher auf einer Etappe die Muße, selbst eine Suppe zu kochen. Im Anschluss gibt es noch Kekse und Kaffee – schön, wenn man weiß, dass es jetzt nur noch 45 km bergab geht!

Dieses Wissens sollte man sich aber in China nie zu sicher sein: erstens waren wir noch nicht auf der Passhöhe und dürfen noch 5 km bergauf strampeln. Naja, nicht so schlimm, aber wenn man im Kopf und kleidungstechnisch schon bei der Abfahrt ist… zweitens wird die Abfahrt, die auf einem nagelneuen herrlichen Teersträßchen beginnt, immer wieder von Abschnitten alter Steinstraße unterbrochen. 25 km holpern wir so hinab zum Yangtse – idyllisch, doch ein Fully ohne Gepäck würde hier den Spaßfaktor um ein Vielfaches erhöhen! Die Sonne, die tollen Ausblicke und die Tatsache, dass wir hier nicht bergauf fahren müssen und auch schon tolle Abschnitte mit Teer hatten, sorgen aber dafür, dass uns die „Römerstraße“ nicht groß bekümmert. Der Wechsel des Belags ist nur so überraschend und plötzlich, dass man das Gefühl hat, zwischen Gestern und Morgen zu pendeln. Eine nagelneue, perfekt ausgebaute Teerstraße mit feinstem Asphalt, dann wieder eine vorsintflutliche Steinpiste. Dieser Wechsel steht symbolisch für ein Gefühl, das ich hier in China sehr oft habe: modernste Stadtbauten, nobelste Boutiquen und davor Müllsammler auf einfachsten Drahteseln oder Walnussverkäufer im Mao-Anzug mit geflochtenen Transportkörben, dutzende nagelneue, herauspolierte Geländewägen neben vollbeladenen Handwägen, KFC neben kleinen Essbuden oder Spießlebrätern, blitzende Hotels neben Arbeiterzelten, … die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Das eindrückliche in diesem Land für mich: es existiert nicht nebeneinander (so wie Slums und abgeriegelte Bonzenviertel), sondern ineinander. Die Bankangestellten im Anzug sitzen dann in der Nudelbudel, die Anlieferung von 5 Granitplatten für den Neubau der edlen Appartements erfolgt mit einem Transportfahrrad. Zwischen gestern und morgen dieses Land!

So, genug abgeschweift: wir nähern uns unablässig – wenn auch holpernd – dem Yangzi und plötzlich werfen wir den ersten Blick auf ihn: braun und zügig windet er sich ca. 400Hm unter uns durch die Schlucht. Wie bei den ersten Kamelen, den ersten Yaks, den ersten einfachen Bauern auf dem Feld schießen wir auch jetzt wahrscheinlich einige Fotos zu viel – aber im Zeitalter der Digitalen Fotografie ist das ja kein Problem.

Einige Kilometer weiter, kurz vor der Brücke über diesen berühmten Fluss, steht zu unserer Rechten ein Gästehaus. Kommt wie gelegen, und da wir nicht wissen, ob sich im Ort, der wohl an der Brücke sein soll, überhaupt noch eine Übernachtungsmöglichkeit bietet, schwenken wir ein. Für Essen wird auch gesorgt. Heute belassen wir es mal bei vegetarischen Gerichten – ein paar Vitamine können wir gut gebrauchen.

25Okt2009