17.12.2009 (m) – Kong Chiam – Khemmarat: 120km, 890Hm

Der Hahn im nächsten Garten hinter dem Bungalow schreit sich die Lunge aus dem Hals. Und das schon ab 4:30 Uhr. Für uns entschieden zu früh. Wir ignorieren ihn gepflegt und bleiben unserer Linie treu. 7 Uhr aufstehen, packen, auf die Suche nach einem Frühstück machen – doch Moment, was ist das? Als ich eine Tasche aus dem Zimmer trage stehen plötzlich vier Mönche mit ihren leuchtend orangenen Kutten und blanken Füßen im Hof. Jeder hat seinen Bettel-Napf vor sich. Einer winkt mich mit einer Geste zu sich herüber. Schnell hole ich noch vier kleine Scheine und trete ehrfurchtsvoll auf sie zu. Unterdessen ist die Hausherrin dazugekommen und legt jedem der Mönche eine kleine Packung Milch in den Napf. Ich blicke fragend zu ihr, ob ich denn mein Geld auf den noch warmen Reis, der auch in den Schalen liegt, legen soll! Klar, kein Problem. Die Hausherrin faltet daraufhin die Hände und geht ganz tief zu Boden, dann beginnen die Mönche ein Gebet zu singen. Ein schöner Moment!

Unsere Mägen sind dagegen noch leer und so zieht es uns zum lokalen Markt, wo unter einem großen Dach vereint alles zu finden ist, was das Herz begehrt. Nach einer Thai-Style-Suppe gibt es noch Kaffee und „Fettteilchen“ (frittierter Teig in lustigen Variationen).

Die Sonne steht schon wieder glühend am Himmel, als wir dem Schild in Richtung Khemmarat folgen. Manchmal ist es definitiv besser, wenn man vorher nicht weiß was kommt! Es reicht, in genau diesem Moment zu erfahren, dass der gewünschte Ort 117 Kilometer entfernt ist. Und zwischen hier und dort ist nicht viel außer Wald, einer Straße und stets zu unserer Rechten der Mekong, von dem allerdings im Verlaufe der Fahrt nichts, aber auch gar nichts zu sehen sein wird. Dies ist einer der Tage, an dem außer Fahrrad fahren wirklich nicht viel mehr auf der Habenseite stehen soll. Von Minute zu Minute wird die Tageshitze stärker, drückender. In unserem kleinen Thailand-Radführer, der vor 20 Jahren erschienen ist, ist noch von einer Schotterpiste die Rede. Immerhin das bleibt uns erspart. Im Gegenteil. Hier wurde in den vergangenen Jahren ganze Arbeit geleistet und größtenteils rollen wir auf einer nagelneuen Piste dahin. Natürlich sind zwischendurch Slalomfahrten durch Abschnitte zu meistern, von denen man nicht weiß, ob man den Schlaglöchern ausweichen muss, weil noch der Teer die Oberhand hat oder ob man den Teerflecken ausweichen muss, weil der Schotter sich hier schon durchgesetzt hat. Die Antwort auf diese Frage kommt meist nicht schnell genug, da man unterdessen das sichere Ufer in Form der neuen Asphaltdecke schon wieder erreicht hat.

Haben wir zu Beginn noch leichten Rückenwind, oder zumindest keinen Wind, so ändert sich dies im Tagesverlauf zu unseren Ungunsten – am Ende des Tages steht ein strammer Nordostmonsun „into the face“. Das fahrradtechnische Fiasko besiegelt die Topografie. Lange, sehr lange Geraden, an deren Ende man zwei, drei Wellen langgezogener Anstiege erkennen kann. Dann wieder eine Abfahrt derselben Art, bei der man schon wieder beste Aussicht auf die nächsten Hügel hat. Und dies den ganzen Tag, ohne Gnade!Jetzt könnte man meinen, dass wir uns hier zähnefletschend den Mühen des Tagwerks entgegen werfen, um am Abend, 20km vor dem Ziel erschöpft im Straßengraben zu enden. ..dafür ist der Tag zu schön, die Landschaft zu angenehm, der Teer zu gut, die Menschen zu nett, wir einfach zu gut drauf. Wir nehmen es mit sportlichem Ehrgeiz, treten, treten und treten. In den kurzen Pausen kippen wir Wasser in unsere ausgedörrten Kehlen und hier und da gibt es einen Bananenkuchen oderNüsse. Die Tankstellen sind hier wieder besser ausgestattet und haben stets eiskaltes Radler-Öl auf Lager: das gute alte Cola.

Es macht richtig Spaß durch Thailand zu fahren. Die Leute wirken richtig entspannt, sie scheinen mit sich und der Welt im Reinen. Sie scherzen, johlen, winken, wenn wir sie passieren. Aus einigen Höfen klingt das unvermeidliche Karaoke. Eine gute Stunde vor Khemmarat dreht die Straße nach Westen und damit haben wir die Böen im Rücken. Mit des Windes Hilfe drücken wir auch die letzten Anstiege und erreichen das kleine Örtchen im Abendlicht. Ein bisschen fragen, ein bisschen suchen, dann stehen wir im „Feriendorf“ am Mekong. Viele Bungalows und Reihenhäuschen drängen sich am Ufer. Mit dem Blick auf Laos, das in Steinwurfweite am andern Ufer liegt, rinnt das wohlverdiente Feierabendbier in die Kehlen. Nach der Abendwäsche ist es leider auch schon dunkel und wir verspüren absolut keinen Drang danach, erneut auf die Räder zu steigen und nochmals zwei Kilometer in den Ort zu strampeln. Mutig stürzen wir uns in das Haupthaus, wo wir so etwas wie ein Restaurant vermuten. Die Tochter des Hauses versteht nicht und vermittelt uns weiter zur Mutti. Wir schaufeln mit unseren Händen imaginär Reis in uns hinein, doch die Geste prallt am Gegenüber ab und purzelt traurig zu Boden. Katrin versucht noch verzweifelt auf die Dame einzureden,doch als ich sie mir genauer betrachte, möchte ich sowieso spontan außer Haus essen. Sie sieht aus, als wäre sie zu den Klitschko-Brüdern frech gewesen. Hoffentlich kommen die beiden heute Nacht nicht wieder und schauen mal in die Bungalows…

Wir treten ins Freie und starren in den Sternenhimmel. Wird wohl auf ein Fertig-Süppchen im Zimmer hinauslaufen. Nach 120 Kilometern sind wir ohnehin zu erschöpft zum Essen, so trösten wir uns. In diesem Moment biegt ein schwarzer PKW in die Einfahrt, hält auf uns zu – „die Klitschkos“, denke ich! Aber es sind zwei Touris (Marc&Emma aus Frankreich bzw. der Schweiz), die auch hier übernachten wollen. Wir kommen ins Gespräch, auch die beiden sind sehr hungrig. Sollten sie auch hierbleiben, könnten wir mit ihnen in den Ort zurückfahren…sie bleiben!! Manchmal passieren Dinge, da weiß man nicht so genau, wer das eingefädelt hat. Jedenfalls sitzen wir lange in einem kleinen Thai-Restaurant, essen Panaeng-Curry und Chili-Morning-Glory (grünes Gemüse à la Spinat). Wir bestellen vier Flaschen Bier und unterhalten uns angeregt. Dabei bemerken wir zwar, dass unsere Gläser sehr zuvorkommen ständig nachgefüllt werden, nicht aber, dass aus den vier Flaschen schon acht geworden sind. An so einem lauschigen Abend kräht danach aber auch kein Hahn mehr…

17Dez2009