23.02.2010 (m) – Anning – Kunming: 39km, 200Hm

Nun ja, soll man dies jetzt als Erfolg werten, wenn man aus den derzeit hochsommerlichen Gefilden Südostasiens und Südchinas zurück in den Frühling kommt? Aber hallo, eine Zeitreise aus dem Sommer zurück in den Frühling und der Sommer beginnt von neuem. Wenn das mal nichts ist! Ja, Kunming, die Stadt des ewigen Frühlings kommt uns dafür gerade recht. Seit wir das Tal des Roten Flusses durchquert und uns wieder in größere Höhen begeben haben, ist vor allem der Wind merklich kühler geworden, die Luft aber klar und frisch, das Licht und damit die Farben der Landschaft frühlingshaft. Katrin würde sagen „angenehmer“, ich habe mein langärmliges Hemd und den Windstopper wieder ausgegraben. Aber, in kurzen Hosen sind wir beide noch immer unterwegs…

Aninng verlassen wir nach einer gemütlichen Aufwachphase mit Kaffee und Olympia-News im Fernsehen nach dem obligatorischen Nudelfrühstück auf der Bundesstraße 320. Die leidvolle Erfahrung der letzten gut 30 Kilometer vor Anning lassen uns schon erschaudern, die Fahrt erweist sich dann aber als deutlich weniger staub-, abgas-  und verkehrslastig als noch gestern. Neben der vierspurigen Straße befindet sich nämlich ein Fahrrad-/Fußgänger-/Ochsenkarren-/Mofa- und alleswasnochlangsamist-Weg, der eine stattliche Breite einnimmt. So kurbeln wir relativ entspannt über den dafür holprigen Weg und einige langgezogene, aber harmlose, Anstiege in die Hauptstadt Yunnans. Erstmals seit Beginn unserer Reise kreuzen sich also unsere eigenen Reisewege an einem Punkt. Prompt beschleichen einen leicht sentimentale Gefühle: Wir erinnern uns daran, als wir im Oktober aus dem Grasland und den Schluchten Sichuans hierher nach Kunming kamen. Vietnam, Laos, Thailand, all das lag noch vor uns – jetzt ist es bereits seit Monaten Vergangenheit. Ohne ins Philosophische abdriften zu wollen, muss man wohl im Kleinen wie im Großen akzeptieren, dass alles endlich ist. Hm, nun war’s doch philosophisch. Wie dem auch sei, wir drängen die Gedanken beiseite, freuen uns, dass wir all dieses erleben konnten und „trösten“ uns damit, dass die Reise ja (hoffentlich) noch eine ganze Weile fortgesetzt werden wird.

Nach einem letzten Anstieg sehen wir in der Ferne bereits die ersten Wolkenkratzer. Wir passieren den wunderschönen Dian Lake, dessen Wasser vom Wind gekräuselt wird und dessen Blau von der Sonne hervorragend unterstützt wird. Der Expressway hat nun auch an dieser Stelle das Stadtgebiet erreicht, verläuft aber hoch oben auf Betonpfeilern, so dass wir mit dem übrigen Tuckerverkehr untendurch rauschen können. Noch immer ist auch an Bahnen für Fahrradfahrer gedacht. So gelingt es, ohne größere Stresssituationen in die Millionenstadt einzufahren. Als wir dem Zentrum recht nahe sind, springt das Gehirn in den „hey, hier war ich schon mal“-Modus um und wir steuern zielgerichtet ins Studentenviertel, um unser Mittagessen einzunehmen. Im einzigen muslimischen Restaurant gibt’s scharfes Rindfleisch, fettige Aubergine und mit süßer Bohnepaste gefüllten, frittierten Fladen – man hat schon besser gegessen, aber auch schlechter. Das „French Café“ versorgt uns mit einem kleinen Braunen und kalten Crèpes. Nun ja, auf zum Hotel. Kunmings Straßen weisen wieder die von uns bereits im Herbst geschätzten Fahrrad-Spuren auf, die zwar auch von den unzähligen Elektrorollern genutzt werden, uns jedoch noch genug Raum lassen, entspannt und mit den Augen auch mal abschweifend unserem Ziel näher zu kommen. Auch bei der Zimmerwahl erweisen wir uns als Wiederholungstäter. Das ziemlich neue „Fairytale Hotel“ soll uns in den nächsten Tagen erneut den geeigneten Standort bieten, um die planerischen Aufgaben in Kunming in angenehmer Atmosphäre bewältigen zu können.

Als erstes befördern wir mal die durch Dreck und Schweiß aufs doppelte Gewicht angewachsene Wäsche in eine große Tüte und auf direktem Weg zum Wäsche-Service. Nächste Baustelle: Hunger! Das große Nudelrestaurant auf der gegenüberliegen Seite gibt es immer noch und wir schreiten wie alten Hasen an die Kasse um eine Schüssel der von uns bevorzugten Variante – Eiernudeln mit einer Hackfleisch-Nuss-Mischung – zu ordern. Mit Händen und Füßen zeigen wir auf das Schild, fragen nach dem Namen, wehren die Empfehlung eines Angestellten ab, der uns einen leckeren Topf von irgendwas (und es gibt hier um uns herum auch eine ganze Menge, was wir nicht unbedingt essen wollten) anbietet und schaffen es letztlich das passende Gericht zu erhalten. Na, wer sagt’s denn. Uns macht in China bald keiner mehr was vor! Zumindest bis zum nächsten „mei you“…

23Feb2010