21.02.2010 (m) – Heijing – Lufeng: 89km, 750Hm

Rückblende: 01.11.2009. Wir besteigen um 20:10 Uhr den Nachtzug von Xiaguan nach Kunming. Draußen ist es bereits dunkel, als der Zug losrumpelt. Wir richten uns auf den Pritschen gemütlich ein und werden in den Schlaf geschaukelt. Wir erwachen kurz vor Kunming. Und dazwischen?

Wir verlassen Heijing durch die so schöne Altstadtgasse, vorbei an den kleinen Lädchen und vielen Händlern, zahlreichen Suppenküchen und staunenden Blicken. Das Kopfsteinpflaster rüttelt schon wieder unerbärmlich am Rad und den Packtaschen. Da wir nach Kunming wollen, müssen wir zunächst ein Stück zurück in die Richtung aus der wir gestern kamen, war doch der Besuch der hiesigen Altstadt das, was man landläufig als „Abstecher“ bezeichnet. Es gäbe zwar eine Route über einen stattlichen Bergrücken hinaus aus dem Tal, doch schon die Besitzer unseres Gasthauses schütteln nur den Kopf, als wir nach dieser Straße fragen. Dicke Steine würden da auf uns warten. Darauf haben wir heute nicht ganz so viel Lust, zumal erneut mindestens 1200 Höhenmeter zurückzulegen wären. Der „Umweg“ hinaus aus dem Tal und um das Massiv herum beträgt ziemlich genau acht Kilometer. Wir winken also kurz nach links und rollen auf dem vorzüglichen Asphalt immer entlang der Bahnlinie Chengdu – Xichang – Panzihua, die etwas östlich von Chuxiong auf die Linie Dali/Xiaguan – Kunming trifft. Wollen wir doch mal sehen, was wir da damals des Nachts so verpasst haben…

Zunächst kämpfen wir uns aber über eine wahrlich hügelige Strecke aus dem Tal des Longchuan Jiang. Das Wetter ist wieder mal prächtig und die Fahrt trotz einiger steiler Passagen wunderschön. Verkehr herrscht praktisch keiner. Nach gut 35 Kilometern erreichen wir die alte Burmastraße, die in deutlich schlechterem Zustand ist, jedoch durch nicht minder hübsche Abschnitte führt. Immer wieder fahren wir unter Eisenbahnbrücken hindurch, die wir vor Monaten selig schlummernd überfahren haben. Immer wenn die Bahn in den Tunnel darf, müssen wir über die oder neben den Hügeln strampeln. Die Strecke wird dadurch sehr kurven- und damit abwechslungsreich. Der Wind bläst wohlwollend von hinten und so sausen wir zügig dahin. Große Ausblicke bieten sich natürlich nicht, aber das Tal erstrahlt in warmen, kräftigen Tönen, was vor allem an der vielen roten Erde liegt. Schnell ist also auch dieser Teilabschnitt absolviert und wir erreichen Yipinglang. Hier mündet die Bergstraße, die wir heute Morgen ausgelassen haben herein. Was folgt sind nochmals gut 25 Kilometer der alten Burmastraße. Wir fahren nun in eine enge Schlucht ein und wundern uns bald, das jenseits des Flusses eine weitere schöne, kleine Straße verläuft. Wo geht die wohl hin? Flugs befragen wir die „Google Mappe“ und wissen kurz darauf: Beide Straßen sind Einbahnstraßen. Das ist ja cool. Wir müssen also nicht mal mit Gegenverkehr rechnen. So ist’s recht. Was nun kommt, kann man getrost als Genussradeln bezeichnen. Erst  folgt die Straße einem Fluss abwärts und als der eine Biege macht, geht das Ganze flussaufwärts, dem Kollegen aus dem Osten kommend entgegen. Aber alles so gemächlich, dass es einfach nur Spaß macht. Mir fiele absolut nichts ein, was einem das Fahren hier verleiden hätte können. Ein kleiner Anstieg, eine scharfe Linkskurve noch und wir passieren das Werkstatt- und Fabrikviertel vor Lufeng. Holprig, staubig und dreckig geht es hier zu. Wenig später aber ist die Zufahrtsstraße erreicht – große, breite, neue Straßen. Wie immer. Wie immer biegen wir auch recht schnell ins Neubauviertel ab und haben mit dieser Strategie erneut Erfolg: nagelneues Hotel zum (für Europäer) mehr als fairen Preis (14 Euro). Wir sind heute irgendwie sehr froh, dass dem Hotel ein Restaurant angeschlossen ist. So müssen wir nicht mehr raus auf Entdeckungstour in die Stadt. Wir haben es zwar kaum bemerkt, aber es waren dennoch 90 Kilometer heute und die Oberschenkel strahlen ein wohliges Gefühl der Anstrengung aus. Außerdem haben wir im Hinterhof bereits hühnerrupfendes Küchenpersonal und eine Menge Köche mit hohen weißen Mützen erspäht. Die zahlreichen Servicekräfte in ihren türkisen Uniformen sie dann auch sehr nervös, die „Weiguoren“ zu bedienen. Mit unserer gedruckten Liste „How to order chinese food“ bekommen wir leckere und „besondere“ (Beijing Food) Gerichte präsentiert. Müde und zufrieden ziehen wir uns zum Feierabendbier vors Olympiafernsehen zurück.

21Feb2010