So landeten wir also in Sitia, ganz im Osten Kretas. Touristisch eher im Schatten der berühmten großen Schwestern Rethymon und Chania, dafür aber um einiges ruhiger und gelassener. Natürlich nicht so herausgeputzt und voller toller Bauwerke, dafür aber mit jeder Menge herbem Charme.

Der alte Grieche, der uns ein Zimmer vermietete, kam nicht mal von seinem Balkon herab. Ja, der Schlüssel stecke, Raki stünde auf dem Tisch, schönen Aufenthalt. Ziemlich lässig. Irgendwann knatterte er dann mit seinem Moped in die dunkle Nacht davon – im Anzug. Es war die „Große Woche“, so heißt in Griechenland die Woche vor dem orthodoxen Osterfest. Und da ist fast jeden Abend irgendein wichtiger Gottesdienst. Kurz sahen wir ihn dann doch noch, als er die „Miete“ von uns eintrieb. Derweil hatten wir schon über 20 Moskitos erschlagen und in der letzten Not das Zelt auf das Doppelbett gestellt. An Schlaf wäre sonst kaum zu denken gewesen. Wie das hier wohl im Sommer erst sein mag?
Am nächsten Morgen strampelten wir aus der Stadt heraus, hinauf auf den ersten kleinen Pass mit gut 300m Höhe.

Ein tolles Sträßchen und viel besser als erwartet. Denn zum Glück für uns (und zum Pech der Umwelt und vieler Geschäftsbesitzer) wurde quer durch den Norden der Insel eine neue Straße gebaut. Die alte dafür wie so oft vom großen Verkehr verlassen. Der kleine Supermarkt, die verfallene Tankstelle, die bröckelnde Taverne, sie alle winken traurig in Richtung der neuen Spur. Und natürlich fragt man sich dann oft, warum für ein paar Höhenmeter weniger, für ein paar Minuten gesparte Fahrzeit so viel Dreck verschoben, so viel Stahl in die Erde gerammt und so viel Beton und Teer über den ganzen Käse gegossen werden muss. Ja und natürlich Milliarden Euro verpulvert werden.
Jedenfalls war der neue Highway oft in Sichtweite, mal verschluckte ein Tunnel die Blechkolonne, mal wurde eine gigantische Brücke errichtet. Und wir, wir fuhren die schönsten Kehren rauf und runter und bekamen einen schönen Blick auf die Küstenlinie nach dem anderen. In den immer noch existierenden Dörfern entlang der alten Straße gab es verwunderte Blicke und Kaffee für einen Euro. Alles unter den strengen Blicken der Dorfpolizei, behängt mit schweren Colts und undurchdringlich, dank bierdeckelgroßer verspiegelter Sonnenbrillengläser.

Es folgte der Touristenort Agios Nikolaos. Wow! Cafés, Kneipen, Restaurants, am Hafen, hinter dem Hafen, in den Seitengassen. Klein, neu, alt, groß, cool, verratzt. Alles da. Und dazu eine sehr entspannte Atmosphäre. Die Griechen sind wohl Weltmeister im Weggehen. Immer ist was los, es wird einen Frappée getrunken, gelacht, geschaut. Und dazu ein Partie Backgammon.

Wir blieben jedenfalls noch einen Tag länger, ein bisschen auch, weil der Wind mit 50 km/h aus der Richtung blies, in die wir eigentlich fahren wollten. Wir erkundeten also stattdessen die Umgebung, kurbelten durch die riesigen Olivenhaine, hinauf zur Ruinenstadt Latos und weiter nach Kritsa, wo es eines der welt besten Olivenöle gibt. Was für ein Superlativ! Aber auf jeden Fall wanderte ein kleines Fläschchen davon in unsere Tasche. Die Gassen waren noch ziemlich leer, die Frauen in ihrer kretischen Tracht oder den schwarzen Gewändern blinzelten noch müde in die Frühlingssonne. Wenn erst die Busladungen an Tagestouristen im Sommer hier anlanden, wird der Kampfgeist zum Verkauf der eigenen Ware sicher geweckt sein, sein müssen.

Bei nurmehr mäßiger Brise erlebten wir eine zweigeteilte Fahrt nach Gournes, kurz vor den Toren Heraklions. Zunächst traumhaft schöne Sträßchen,

dann mit einem Schlag Eintritt ins Massentourismus-Universum.

Geschickt: Fastfood und Gym unter einem Dach. Kreislauf des Geldes.

Riesige Strandanlagen, Hotelburgen, Restaurants, deren Inneres man wegen des Schilderwalds im Außenbereich nur erahnen konnte. Dafür wusste man, dass man zum billigen Bier eine übergroße Portionen Gyros zum Schleuderpreis dazu bekommt. Eigentlich will man dann schon gar nicht mehr wissen, wie‘s drinnen aussieht. An anderen Stellen lagen Touristen zwischen quietschbunten Plastikrutschen, sonderbar geformten Poollandschaften und karibischen Sonnenschirmchen.

Dabei glotzten sie auf die Bildschirme ihrer Phones und Pads – anstatt auf das türkisblaue Meer, das hinter den Anlagen glitzerte. Das Schöne war: wir konnten einfach zwei Gänge hochschalten und weiterradeln. Die mussten bleiben.

Irgendwann 15 Kilometer weiter erreichten wir dann den auch touristisch erschlossenen, aber doch etwas ruhigeren Strand von Gournes. Der Camping, direkt am Meer, alt aber zweckmäßig, reichte vollkommen aus.

Froh, dass wir ein Zelt dabei haben.

Wir folgten weiter der Küstenstraße und gelangten bis direkt hinein nach Heraklion. Die Hauptstadt der Insel, steter Anlaufpunkt für Kreuzfahrtschiffe. Das kennen wir ja unterdessen schon. Liegt ein Schiff im Hafen, besser nicht in die Altstadt. Wir hatten eh noch ein paar Höhenmeter vor uns und ließen Heraklion Heraklion sein. Es ging noch durch ein paar rustikale Vorörtchen, dann wand sich die Straße in steilen Kehren und Rampen die Berge hinauf. Wir tauchten ins Hinterland ein und schnell bekamen wir wieder eine ruhige und beschauliche Bergwelt mit teils verlassenen Dörfern zu Gesicht. Wenn man mal ein Gesicht sah, blickte es oft ein bisschen mürrisch und misstrauisch drein, oft gab es aber im letzten Moment doch noch ein Nicken oder Lächeln. Die Landschaft zeigte sich weiter überbordend grün und jetzt im Frühjahr gab es immer wieder prächtige Wild-Blumenfelder und riesige Orleander-Büsche in dreierlei Farben am Straßenrand zu sehen. Dazu der Duft des Südens, Erinnerungen an die Sommerurlaube in der Kindheit.


Nahe Axos, einer Region wo ein renitentes Stämmchen hin und wieder Scharmützel mit der Polizei ausficht, fanden wir ein tolles Appartement mit Bergblick. Alles blieb ruhig, keine Schüsse (nur die “Böller” zum Osterfest) in der dunklen Nacht und so mundeten das Bier und die Nudeln nach einer bergigen Etappe auf dem kleinen Balkon gar fürstlich. Und wieder mal stellten wir fest: Meer und Strand sind ja fein, aber in den Bergen ist‘s irgendwie immer noch schöner, da weniger touristisch, einfach unverfälschter.

Am nächsten Morgen konnten wir die am Vortag gewonnenen Höhenmeter gegen eine rauschende Abfahrt eintauschen und waren flugs in Rethymnon.

Durch die Berge ist es immer ruhiger. Hier mit Blick auf den Höchsten: Psiloritis

Ein genialer Campingplatz mit Frühstücksplatz direkt am Strand ließ uns einen Tag länger verweilen. Auch um den malerischen Ort mit seinen unzähligen Gässchen zu erkunden. An jeder Ecke, an jedem Platz lauern Cafés, eines gemütlicher und einladender als das andere. Aber irgendwann wird einem von dem ganzen Kaffee ja leicht schwummrig und dann ist es wieder an der Zeit sich treiben zu lassen, zu riechen, zu schauen, zu genießen und das osmanisch-venezianische Erbe zu bestaunen.

Am nächsten Morgen folgten wir weiter der alten Küstenstraße, die sich hügelig bis Chania zog. Recht gut zu fahren war sie, der Verkehr wieder mal schneller auf dem neuen Highway unterwegs.

Kilometerlang säumt blühender Oleander die Straßen Kretas.

Chania selbst hatte durchaus auch Charme, aber es wirkte um Längen touristischer als noch Rethymnon und so kehrten wir dem Ort nach einer Stippvisite den Rücken.

Nicht zuletzt, weil der Campingplatz doch ein gutes Stück hinter dem Ort liegt und es ziemlich nach Regen aussah.

Auf dem Campingplatz waren wir in dieser Nacht die einzigen Touristen. Der Platz, wieder einmal wie aus der Zeit gefallen. Hinter einem übergroßen, alten und dunklen Schreibtisch saß der dickbäuchige Manager (wie wohl seit 50 Jahren schon) und kassierte mit grimmiger Miene die 15 Euro. Zigarettenrauch, schwer wie sein Schreibtisch, hing über der Szenerie. Der rasselnde Husten seines angestellten Platzwartes verabschiedete uns in den Abend.
Wenig spektakulär war die Straße zunächst ab Chania. Ziemlich lange ging es wieder durch touristisch erschlossenes, oder schon wieder verschlossenes oder gar nicht erst aufgeschlossenes Gebiet. Kurz vor Kissamos aber galt es dann noch einen kleinen aber feinen Pass zu überwinden.

Blick auf die Bucht von Kissamos

Ein radlerischer Leckerbissen, dem kurz darauf ein kulinarischer in einer unscheinbaren Taverne folgte. Ja, so lecker können Souvlaki-Spießchen tatsächlich sein, nichts gemein mit den ledrig gebratenen, fettigen „Bollen“, die man auch schon als selbige angedreht bekam. Am Camping in Kissamos ein ähnliches Bild wie so oft zuvor: Direkt am Meer und: Was? Touristen? Jetzt schon. Na, sucht euch einen Platz. Alles noch im Winterschlaf, aber alles da und wir so gut wie allein. Nurmehr ein Katzensprung war‘s dann bis nach Kissamos, wo wir uns tags darauf in ein ordentliches und vor allem hafennahes Zimmer einbuchten.

War uns einfach lieber so, denn die Fähre lief am nächsten Morgen schon um 7:30 Richtung Peloponnes aus und vom Camping hätten wir fast eine Stunde zum Hafen gebraucht. So waren es nur zehn Minuten. Genau richtig.
Ziemlich windig war es und drei, vier Meter hohe Wellen rollten von Westen her an, als wir die offene See auf dem Weg nach Githio auf dem Peloponnes erreichten. Wir wir das überstanden haben, lest ihr bald.