Jetzt sind wir doch tatsächlich schon in Indien. Hatten wir nicht gerade noch die Befürchtung, dass die zwei Monate „in Staub und Sand“ ganz schön lang(atmig) und etwas – sagen wir mal – eindimensional werden könnten? Weit gefehlt! Es kam wie das manchmal eben ist, ganz anders…
Nach schließlich 10 Tagen verließen wir unsere temporäre Heimat in Muscat. Dank Isaac und seiner Freunde konnten wir ein sehr persönliches und heimeliges Muscat erleben. Ganz nebenbei hatten wir danach auch unser Indienvisum in der Tasche, respektive im Pass. So hieß es am ersten Weihnachtsfeiertag Abschied nehmen, auch von Marco, dem jungen deutschen Reiseradler auf dem Weg von Aßling nach Peking (www.assling-peking.de). Er hatte am Heiligen Abend seine Großeltern auf Kreuzfahrt-Zwischenstopp in Omans Hauptstadt getroffen. Neben einer neuen Hose bekam er auch drei große Kartons mit Plätzchen, von denen er gleich mal eine als kleines Präsent an uns weiterreichte. Lange mussten wir sie nicht schleppen, zu gut!
Marco flog weiter nach Indien, wir bogen hinter Muscat ab, wieder in Richtung der Berge des Hajar. Wir hatten uns in der Zwischenzeit sehr an Land, Leute, Bräuche, Sitten und Kultur gewöhnt, so dass zweieinhalb unglaublich intensive, erlebnis- und genussreiche Wochen folgten. Wir verzichten an dieser Stelle mal auf einen chronologischen Ablauf der Ereignisse und gehen mehr auf Allgemeines und Besonderes, Spezielles und “Normales” ein.

Kann man sich das Reisen im Oman überhaupt leisten?

Ganz klares: Jein. Das Land kann sehr teuer sein, wenn man sich einen Allrad-Mietwagen nimmt (500€ pro Woche), in Hotels schläft (mindestens 50€ pro DZ, meist aber 70€ oder mehr), in Restaurants isst (europäische Preise) und gerne mal einen Cocktail oder ein Bier in der Hotelbar genießen will (die 10€-Marke ist dabei schnell geknackt). Das Land kann aber auch sehr billig sein: Man reist per Fahrrad, trinkt keinen Alkohol, isst in den Coffee-Shops der Inder (mit 3-4€ sind zwei Leute ziemlich satt) oder kocht selbst und stellt sein Zelt an den coolsten Plätzen des Landes auf. 10€ für zwei am Tag – kein Problem.

200€ und mehr für zwei am Tag, auch kein Problem. Wie fast überall auf der Welt. Wobei, der Oman will ausdrücklich kein Billig-Reiseland sein, soll der Tourismus doch ein festes wirtschaftliches Standbein für die Zukunft werden. Dass man aber trotzdem so günstig und zudem so genussvoll reisen kann, das ist ein ganz dickes Plus für den Oman.

Aber nur in so kleinen Buden essen, das ist doch nix!?

Zugegeben, indisches Essen muss man schon mögen. Tut man das, dann sind selbst im kleinsten Kaff Gaumenfreuden zu erwarten. Klar, manchmal ist es auch nur ein Ragnak (Knusperfladen mit Schmierkäse aus dem Glas), oft aber würziges Dhal, Shabzi oder Chicken-Curry mit knusprig-frischem Paratha (in Ghee gebratener Teigfladen). Dazu gibt es fast immer Lebensgeschichten aus Indien (meist Kerala oder Tamil Nadu ganz im Süden) und Reisempfehlungen für die geliebte Heimat auf dem Subkontinent. Die vielen Begegnungen waren ein nicht ganz unwesentlicher Ausschlag dafür, dass wir uns zu einer Weiterreise nach Indien entschlossen haben. Einmal wurden wir in der Nähe von Samail bei Izki von einer indischen Familie zur Mittagsrast nach Hause eingeladen. Und, während der Vater für uns zum Sandwich-Kaufen geschickt wurde, folgte die Einladung ins zu Hause in Indien bei Thrissur.

Pause und kleine Stärkung bei einer indischen Familie aus Kerala

Die Adresse ist notiert, das vielfache Bitten – „And please, surely come to my house!“ – gespeichert, wir planen es fest ein.

Und wo stellt man das Zelt dann hin?

Wie so oft zeigte sich, dass bei einer Reise so viel von den Menschen abhängt, die man trifft. Und wir hatten überall das Gefühl, dass die Leute echt und aufrichtig an uns interessiert und wir im Land willkommen sind: „Welcome to Oman! You came to a safe place. Enjoy!“, so schallte es uns ziemlich oft entgegen. Dies zu glauben viel uns schon nach kurzer Zeit nicht mehr sehr schwer. Und daher genossen wir es, unser Zelt, ungeachtet (fast) aller Regeln des Wildcampens, einfach dort aufzustellen, wo es uns am besten gefiel!

Der perfekte Zeltplatz…

Klar, direkt neben die Hauptstraße wollten wir schon deshalb nicht zelten, weil die fetten Karossen doch ziemlich furchteinflößend und laut sind. Und auch dort, wo man Reifenspuren im Gelände sah, waltete erhöhte Vorischt. Nicht wegen der bösen Menschen, nein vielmehr wegen des Hobbys vieler Omanis oder Emiratis, abseits des Asphalts zu zeigen, was ein ordentlicher Geländewagen so drauf hat. „Dune-bashing“ oder „Wadi-bashing“ nennt man das. Und wenn daraus kein Zelt-bashing werden soll, stellt man seine vier Wände besser nicht genau hinter eine Kuppe oder eine andere unübersichtliche Stelle.
Uns gefielen Plätze auf kleinen Hügeln, etwas außerhalb, aber dennoch in Sichtweite eines Ortes.

Camp oberhalb von Al Hamra

Belohnt wurde das meist mit einem wunderschönen Ausblick, dem oft gänsehaut-verursachenden Wohlklang des Muezzin-Chors und wenig bis keinem Besucher, da der Weg aus dem Ort bis auf den Hügel vielen wohl doch zu weit war. Stressen ließen wir uns bei der Standplatzsuche eigentlich nie, da wir irgendwann wussten, dass mit ein bisschen Geduld sicher noch ein wunderschönes Plätzchen auftauchen würde. Und letztlich war es eigentlich auch egal, wo man sich hinstellte, gesehen wurde man sicher immer von irgendeinem Ziegenhirten oder Beduinen auf dem Weg zur Tierfütterung.

Wieder mal der Versuch, ein “draußen-zu-Hause-Bild” zu machen

Diese waren in keinster Weise bedrohlich, im Gegenteil, oft ergab sich ein kleines Gespräch, während die jungen Männer ihrer Arbeit nachgingen. Besonders schön war es in völliger Dunkelheit, da sich hier die volle Pracht des Sternenhimmels genießen ließ. Manchmal gab es auch genug Treibholz aus den Wadis um ein stattliches Lagerfeuer zu machen. Wie überhaupt nicht langweilig es doch sein kann, zwei Stunden in ein Feuer zu blicken und Äste nachzulegen! Unvergesslich auch die Nacht an erhöhter Stelle im Wadi Muaydin. Abends schallte nur zweimal kurz das Keifen zweier Katzen zwischen den senkrechten Wänden hindurch, dann war absolute Stille. Der Morgen gehörte uns und einem erfrischenden Bad in einem der Pools. Dieses Erlebnis wünschen wir wirklich jedem einmal.

Kann man in der Wüste überhaupt Rad fahren?

Je nach Wüste. In der Sandwüste ohne Straße? Ganz klares nein. Dafür reichte aber auch schon eine sandige Stelle im Wadi. Hier ging mit Reisrad gar nix mehr. Unbedingt meiden oder eben schieben. Was nicht schön ist ist, dass das Rad immer seitlich „abschmiert“. Ebenso verhielt es sich übrigens bei grobem Schotter, der sich gerne in breiten Wadis bzw. an Stellen findet, wo kleine Wadis in größere einmünden. Auch hier gilt: Scheiße.

Tiefer Schotter – unfahrbar. Fahrrad schieben ist aber auch doof…

Was ebenfalls ziemlich mühsam war, sind Pisten, die vor laaaaanger Zeit gemacht wurden. Hier haben die vielen Fahrzeuge im Laufe der Zeit hervorragende Waschbretter angelegt bzw. dicke Steinbrocken „freigelegt“. Kategorie: hart zum Material, hart zum Hintern. Kopf abschalten, weiterfahren. Traf man auf diese Wege, verschlechterte sich die Laune trotz Sabbatjahr ein ganz klein bisschen…manchmal.


Aber: Im Oman werden Straßen gebaut, viele Straßen! Wenn man eine frisch geteerte erwischte oder eine neu gemachte Piste oder eine zum Teeren vorbereitete planierte und/oder die Autos aus unerklärlichen Gründen ganz wo anders fuhren, dann ist der Oman ganz großes Radler-Kino! Und da wir eine gute Karte auf dem GPS und eine Omani-SIM hatten, fanden wir auch gute Alternativen zu den Straßen, wo aus unerklärlichen Gründen eben ganz viele Autos fahren. Und dann ist der Oman ganz großes…das hatten wir ja schon.

Und die Araber, sind die nicht gefährlich – wegen Islam und so?

Blöde Frage – erstens gibt es „den“ Araber genauso wenig wie „den“ Deutschen und zweitens, wie vorurteilsbeladenen ist das denn!
Kürzlich las ich Bemerkenswertes über Vorurteile: „Sie machen das Leben übersichtlicher und die Einordnung beängstigender Entwicklungen leichter. Und genau das ist gefährlich.“ Tja, und das beste Gegenmittel gegen Vorurteile: klar, das Reisen.
Und tatsächlich ist es erstaunlich, wie die eigene Meinung durch die Medien beeinflusst wird und ist. In den ersten Tagen in den Emiraten ertappte man sich tatsächlich das ein oder andere Mal, in einem „besonders Bärtigen“ den Islamisten zu erkennen…bis man ihn anlächelte und er zurückstrahlte. Sogleich war einem der eigene Gedanke unendlich peinlich.

Das Selfie war nicht meine Idee!

Und spätestens im Oman waren wir dann umringt von offenen und herzlichen Menschen. Es folgten viele kurze oder auch mal längere Gespräche am Straßenrand, Einladungen zu Kaffee und Datteln, zum Mittagessen. Mal wurden wir zur Rast eingeladen, mit Reis und Hühnchen verpflegt und in der Umgebung herumgefahren, mal durften wir im Gästehaus übernachten. Und natürlich, die große Einaldung im Tal des „Al Badi“-Stammes bei Yanqul. Insgesamt fünf Nächte waren wir dort zu Gast. Als wir auf dem Rückweg nach Dubai nochmals vorbeischauten, waren wir fast schon in die Familie integriert. Besuche bei Onkels, Tanten und Cousinen, zum Kaffee oder zum Essen: Honigpfannkuchen, Trockenfisch mit Limette und Holzkohle-Brot oder über dem offenen Feuer gegrillte Brotfladen.

Ein großer Grillabend mit entfernteren verwandten und Freunden und zahllose Gespräche über islamische Traditionen, das Leben in Europa, das Reisen, die Familie. Wir haben speziell die Omanis als unglaublich gastfreundlich erlebt – noch ein ganz dickes Plus für das Land!