29.10.2009 (m) – Songgui – Xiaguan: 107 km, 1200 Hm

Mal lieber noch eine kräftige Suppe einwerfen, direkt hinter Songgui geht’s schließlich kontinuierlich bergan. Die Nacht im Karaoke-Hotel war gemütlich, wir müde genug, um zu schlafen und die zahlreichen chinesischen Sänger gegen Mitternacht heiser genug, aufzuhören. So sitzen wir also an einem größeren Tisch in der Morgensonne und warten auf unsere Nudeln in würziger Brühe. Mit uns am Tisch der dreijährige Schuljunge und dessen Mutter, der genauso seine morgendliche Stärkung einnimmt wie wir. Die Haltung seiner Stäbchen erinnert an meine, na also, immerhin kann ich schon wie ein Dreijähriger chinesisch Essen. Wer sagt’s denn!

Dann aber geht’s raus auf die Piste, die wir uns bis zum Erhai-See mit etwa Hundert Tourbussen teilen müssen. Eine Autobahn, wie in diversen Karten verzeichnet, gibt es noch nicht, und so ist dies die einzige Verbindung zwischen Lijiang und Dali auf dieser Seite des Gebirges. Dementsprechend frequentiert ist die Route. Es vergeht kaum eine Minute, in der nicht ein Bus mehr oder minder schnell an uns vorbeirauscht. Schade eigentlich, denn die Strecke ist schön. Langsam zieht sich die Straße auf 2500m hinauf, ehe sie im Folgenden leicht wellig verläuft. Die Ausblicke auf das Tal unter uns und die umliegenden Berge sind bei erneutem Kaiserwetter wunderbar. Etwa 20km vor dem See fällt die Straße steil ab und in vielen Kehren erreichen wir rasch die Ebene. Hier legen wir (glücklicherweise, wie sich später zeigen soll) eine ausgedehnte Mittagspause ein und spachteln ordentlich.

In der fast schon heißen Mittagssonne radeln wir weiter bis zu der Stelle, an der sich die Straße verzweigt. Die eine Route verläuft weiter am Westufer des Sees und erreicht Old Dali nach ungefähr 40km. Wir wählen ab hier aber die Straße auf der Ostseite, die uns bis Wase bringen soll. Von hier, so glauben wir, bringt uns eine Fähre dann gemütlich über den Erhai nach Dali. Wir freuen uns über den äußerst geringen Verkehr und nehmen so den holprigen Beginn der Straße in Kauf. Zwar rätseln wir ein wenig, wie das wohl so weitergeht, doch schon die ersten spektakulären Blicke auf den See und die vorgelagerten saftig grünen Felder, auf denen die Bauern von ihren großen Sonnenhüten geschützt, schaufelweise Wasser auftragen, lenken uns von den bösen Gedanken ab. Das Wasser glitzert, der Himmel erstrahlt in kräftigem Blau, in der Ferne die bis zu 4000m hohen Berge und schemenhaft Dali.

Steigungen sind zunächst keine zu erwarten und so kurbelt jeder gemütlich vor sich hin, nur unterbrochen vom ein oder anderen Film- oder Fotostopp. Nach und nach wird uns aber bei all dem Gehoppel über die wieder einmal komplett zerstörte Straße klar, dass hier wohl noch ein Stück Arbeit vor uns liegt. In China werden neue Straßen offenbar nach dem Motto gebaut: Weg mit dem alten Scheiß, wir machen ALLES neu. Das führt dann dazu, dass man oft kilometerlang (gerne auch mal 100-200km) kein Stückchen Asphalt mehr vorfindet. Der alte Belag wird komplett entfernt, es bleibt nur eine Staub-, wahlweise auch Matschpiste zurück. Wir teilen uns die neu angelegte Küstenstraße vorwiegend mit Baufahrzeugen, die uns regelmäßig in eine Staubwolke hüllen, in der man es kaum wagt zu atmen. Endlich erreichen wir Wase! Gottseidank. Wir brausen durch die engen Altstadtgassen, vorbei an den üblichen, kleinen chinesischen Läden, werden von staunenden Blicken verfolgt und weichen geschickt den fetten Säuen aus, die von ihren Besitzern mit kleinen Ruten im wahrsten Sinne durchs Dorf getrieben werden. Am „Hafen“ angelangt, ist da natürlich kein Hafen, nur eine Dreckstraße und ein paar Erdhaufen…und ein netter, alter Mann, der uns mitteilt, dass die Fähre drei Kilometer weiter ablegt. Ah, immerhin gibt es eine. Die drei Kilometer Geholper schaffen wir auch noch. Nur leider sagt man uns an der anvisierten Stelle, dass da heute kein Bootle mehr vorbeikommt. Ja, morgen schon…vielleicht…irgendwann.

Unsere Blicke schweifen ans andere Ufer, wir sind in etwa auf Höhe Dali. Drei, vier Fähren tuckern gemütlich auf das Städtchen zu. Dummerweise aber gut zehn Kilometer von uns entfernt, auf der anderen Seite. Das Ziel vor Augen, können wir nichts weiter tun, als kräftig in die Pedale treten und das Ostufer weiter beackern. Es gibt noch eine kleine Touristeninsel, die vom Schiffsverkehr bedient wird und die etwa 15 Kilometer weiter südlich liegt. Bei ausbleibenden 90 Minuten Sonnenlicht könnte das zu schaffen sein. Kräftig genug vom Mittagessen gelingt es auch, den Ort noch zu erreichen. Dass uns die miserable Straße dabei nochmal eine gute Stunde den Arsch versohlt – was soll’s. Doch, Dali zum Greifen nahe, heute fährt kein Schiff mehr. Ein Bus? Ja, den könne es noch geben. Wir hetzen zur Hauptstraße zurück, keine 300m von uns, ein blauer Bus. Wir stellen uns brav am Straßenrand auf, winken ihn herbei. Kopfschütteln! Ne, zwei Räder, wir haben’s eilig: „Meiyou!“. Ein flehender Blick nochmals von mir mit einem Wink aufs Dach, wo unsere Räder zum Liegen kommen könnten….der Fahrer schaltet den Motor ab! Yes!! In Windeseile entladen wir die Räder, die sogar ins Innere des Busses dürfen. Wir helfen so gut es geht mit und beeilen uns, nicht dass der Fahrer oder die Insassen des Busses  – dreckverschmierte, geschaffte Arbeiter, die einfach nur nach Hause wollen – noch böse werden. Aber, alle haben ein nettes Schmunzeln auf den Lippen und begrüßen uns als Mitfahrer. Uns so holpern wir die letzten 20 Kilometer über die Uferstraße, ehe wir am Seeende wieder Asphalt unter die Räder bekommen. Nochmals zehn Minuten fährt der Bus, dann werden wir mitten in Xiaguan (Neu-Dali) abgesetzt. Ausgerechnet heute dauert die Zimmersuche länger, viele „Schuppen“ haben doch exorbitant hohe Preisvorstellungen. Wir finden aber doch noch ein kleines, kürzlich renoviertes Hotel, dessen junges Personal gegenüber uns Ausländern sehr schüchtern ist. Nach jeder Aktion Hand vor den Mund und mal schnell gekichert. Na, so oft kommen halt keine Langnasen, völlig in Staub gehüllt und auf zwei Fahrrädern hier vorbei. Hungrig kämpfen wir uns durch den nächtlichen Sturm, der jetzt aufgezogen ist. Und ausnahmsweise ist mal kein Lokal um die Ecke bzw. haben viele schon geschlossen. In unserer Verzweiflung entern wir ein großes, nobles Hotel und dessen angeschlossenens Restaurant: WESTERN RESTAURANT steht in großen Buchstaben über der Küche! Oh nein, das kann nicht wahr sein. Aber was soll’s, wir haben so Kohldampf, egal. Wir werden von mindestens drei Bedienungen gleichzeitig umsorgt und speisen mit Messer und Gabel ein Clubsandwich, Tagliatelle, Hühnchencurry und Hühnchen-Rollbraten mit Gemüse. Na ja, alle waren sehr bemüht, wir sind satt, kulinarisch gesehen war’s aber keine Offenbarung. Morgen gibt es wieder Nudelsuppe.

30Okt2009