11.09.2009 (k) – Xiaolaoba – Balikun: 120km, 600Hm

Molles Klingelton reißt uns aus unseren Zelt-Träumen. Die Gegenwart der chinesischen Trucker hat an unserem gutem Erholungsschlaf nichts geändert – jetzt produzieren wir (als Revanche für ihre nächtliches Geplapper, Gerauche und Getelefoniere ;-)) eine Geräuschkulisse wie auf der Mindelheimer Hütte um 5.30 Uhr: Tütenrascheln, Flüstern, Klappern,…

Die kühle des Morgens nimmt uns draußen in Empfang. Es ist 7.45 Uhr und bereits wieder hell. Wir biegen ein auf die Seidenstraße –  leer und kalt; der Blick auf die Berge ist noch unverschleiert – es erwacht wieder ein sonniger Tag. Gleich zu Beginn geht es durch eine Schlucht steil hinab durch die zerklüftete Mondlandschaft. Wir genießen die Morgenluft, doch frieren wir fast auf unseren Rädern fest, bis uns die Sonne nach einer guten halben Stunde wieder Gefühl in unseren Gliedern verschafft. Heute soll es eine recht geruhsame Etappe werden: nach dem, was wir gelesen haben, können wir damit rechnen, am frühen Nachmittag schon Balikun zu erreichen. Wir freuen uns und nutzen das gute Morgenlicht für zahlreiche Fotostopps inmitten der bizarren Hügel-Stein-Welt. Die Straße folgt einem breiten, teilweise sogar etwas grünem Tal hinauf, durch das die Nomaden bereits ihre Schaf- und Ziegenherden treiben. An einer kleinen Erhöhung machen wir eine gemütliche Frühstückspause und reduzieren unsere Food-Vorräte um Vollkornbrot und Kaminwurzen aus Wien. Das Zeug muss jetzt endlich mal weg. Es genügt schon, wenn wir immer mehr als genug Wasser („Notwasser“ ;-)) mit uns herumschleppen! Als wir gegen 9.00 Uhr die Pause beenden bläst uns eine steife Brise direkt von vorne ins Gesicht! Wie? Was? Nach dem gestrigen Tag sind wir davon ausgegangen, dass es selbstverständlich auf dieser Route nur Rückenwind gibt!

Die Straße steigt stetig an – so verdeckt, dass man es nicht sieht, aber spürt: zusammen mit dem Gegenwind hat man das Gefühl, fast auf der Stelle zu treten. Spätestens hier realisieren wir, dass mit dem frühen Einlaufen in Balikun nicht mehr zu rechnen ist. Nach gut 45km bergauf sind wir ziemlich gefrustet: wie sollen die knapp 130km heute überhaupt zu schaffen sein, wenn sich dieses Plateau so sehr in die Länge zieht? Nicht, dass wir kein Zelt dabei hätten – aber diese Option erscheint uns hier oben in Dreck und Wind auch nicht als wirkliche Alternative. Also heißt es kämpfen. Nach über 50km senkt sich das Plateau auf die Gegenseite ab – wir rollen – soweit es der Wind zulässt – nun geschwinder ins Tal. Vor uns liegt wie eine weiße Wand der Lake Barköl (bzw. vor allem der ihn umgebende Salzrand) und das Grasland vor uns; endlose Geraden bringen uns immer näher heran, doch die Wand weicht immer nur ein kleines Stück vor uns zurück. Als um 15.30 Uhr nur noch 40km Ebene vor uns liegen sind wir gewiss, das Tagesziel noch bei selbigem Licht zu erreichen und  fahren weniger gestresst. Molles Runner’s Knie muss wohl in Biker’s Knie umbenannt werden. Es schmerzt ihn so stark, dass er hin und wieder meint, kaum weiterfahren zu können. Tiiiiiiiiiiiiinnnnnnnnaaaaaaaaaaaaaaa – wo bist du?????

20 km vor Balikun fahren wir durch die Vorboten der Stadt: kleine Straßendörfer mit Ziegel- und Lehmhäusern säumen unseren Weg. Die Menschen leben hier von der Landwirtschaft. Zu unserer linken liegt der Barkölsee bzw. sieht man eigentlich kein Wasser, sondern nur ein Grasufer mit vielen, kilometerweit verstreut liegenden Jurten und die Anflüge eines Salzsees. Rechts von uns reichen Korn- und Grasfelder golden leuchtend bis an die Füße der aufstrebenden Berge des Bogdan-Shan, der sich hier im unteren Bereich mit Nadelwald zeigt. Auf den Staubstraßen der Dörfer treffen rasende Kinder auf trottende Kühe – hin und wieder schlachtet jemand am Straßenrand ein Lamm oder versucht einen störrischen Esel nach Hause zu ziehen. Auf den Feldern bewegen sich zahlreiche Heugabeln von bunten Gewändern angetrieben mühsam auf und ab, um die Ernte auf den Anhänger zu hiefen. .. Mit dem Blick des westlichen Reisenden könnte man wieder von ländlicher Idylle sprechen – doch es ist harte körperliche Arbeit. Unsere Anstrengungen kommen uns dabei wieder recht nichtig vor.

Wir erreichen Barköl gegen 18.30 Uhr, checken gleich mal für zwei Nächte ins Stadthotel ein, finden ein kasachisches Restaurant, in dem wir allein an einem großen runden Tisch in einem Separé sitzen und unter anderem kalten Hammel serviert bekommen und ungefähr auf 25 Starfotos mit den Besitzern, dem Koch und dem Junior- der schließlich schon mal in Frankreich war (;-) – posieren dürfen. Nebenan scheint die riesige Party abzulaufen: als wir beim Gehen in den Raum hineinsehen tanzen hingegen ca. 15 Frauenpaare Paartanz auf laute chinesische Musik. Alles wieder mal sehr lustig und unerwartet. Erwartungsgemäß hingegen schlafen wir im Hotel bald ein – aber nicht, bevor wir ein Gläschen Wein der Region probiert haben, der so teuer war, dass mir die Besitzerin des Supermarktes gleich einen Korkenzieher mitgab (trotz meiner vehementen Aussage, ich besäße selbst einen, konnte ich sie nicht davon abbringen – ich habe bis heute nicht verstanden, warum ich ihren ausleihen musste?), und der schmeckt, wie Traubensaft mit Portweinaroma…Naja, vielleicht kaufe ich nächstes Mal einfach einen billigen?!

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