20.02.2010 Heijin

Wir treten in die Altstadtgasse und ein Sonnenstrahl, der es gerade über den Berg geschafft hat, begrüßt uns. Die Luft ist noch sehr kalt, und so sind wir froh, dass wir beschlossen haben, heute hier zu bleiben, um in Ruhe das alte Heijing anzusehen. Wir setzen uns auf die kleinen Holzschemel an einem unmerklich größeren Tisch in einer gut besuchten Frühstücksbeiz. Die Zeit des Selberwürzens scheint vorbei, doch die korpulente Suppenköchin stellt aus den acht verbeulten Töpfchen die richtigen Würzmischung für unsere Nudeln zusammen und wir genießen das heiße, leckere Mahl.  

Die Hauptgasse füllt sich allmählich mit Leben. Gegenüber sitzt eine alte Muslimin und frittiert  kleine, runde Teiglinge zu Fettfladen, die dann Babas heißen. Einige Menschen kommen schon vom Markt zurück – sie tragen Tüten und Taschen aus denen grüne Stängel in verschiedener Form und Schattierung herausstehen. Frauen mit von der Sonne gegerbtem Gesicht, pink-bunten Kopftüchern und großen Körben auf dem Rücken gehen eilig ihrer Feldarbeit entgegen. Ein Mann mit einer Krücke hinkt vorbei. Er wirft einen Blick in unsere Richtung und hält einen Moment länger drauf, als gewöhnlich. Ja, hier sind wir ein besonderer Anblick.

Nach dem Frühstück schlendern wir durch die Gassen. Abseits der „Hauptgasse“, die vorwiegend aus Garküchen, China-Mobile Shops  oder anderen kleinen Läden besteht, folgen wir kleinen, verwinkelten Gässchen zwischen alten Wohnhäusern hindurch. Manche stehen so schief auf ihrem Fundament und man weiß nicht, ob sie immer schon so dastanden oder der Zahn der Zeit sie heruntergedrückt hat. Andere haben erst kürzlich einen neuen Anstrich oder neue Holzverzierungen für die Fenster bekommen. Eine alte Oma tritt aus ihrem dunklen Wohnzimmer hinaus auf die Gasse, stülpt ihre Schmutzwasserschüssel um und schlurft wieder hinein. In den Wohngassen ist es sehr ruhig und beschaulich. Nach kurzer Überlegung ist uns klar, woran das liegt: die Stadt Heijing ist auto- und mopedfrei. Die Gassen sind zu eng und sollen wohl auch geschützt werden. Für Transporte von und zu den auswärts gelegenen Dörfern stehen Pferdefuhrwerke  und auch Minibusse bereit, die auf der Straße, die am Fluss entlang verläuft, fahren dürfen. Gestern, auf unserem Weg hierher, sind uns in den Dörfern bereits Pferde- und Eselgespanne begegnet, die Menschen und Material transportieren. Sie scheinen intensiv genutzt zu werden – schön zu sehen, dass das hier nicht für Touristen existiert, wenn auch die wenigen chinesischen Touristen, die uns in Heijing begegnen, sich mit so einer Kutsche zum knapp zwei Kilometer außerhalb gelegenen Windrad bringen lassen. Von den äußeren Gassen geht es direkt in die Höhe, manche Häuser und vor allem auch Tempel sind an den Hang gebaut. Wir steigen die Stufen hinauf und genießen den Blick von oben. Etwas eingepfercht liegt diese alte Stadt vor uns. Die Berge zu beiden Seiten und der Fluss lassen nicht viel Platz. Von oben sieht die alte Fabrik mit ihrem Klinkerkamin und den verrotteten Fenstern zusammen mit den dunklen Ziegeldächern der Holz-Steinhäuser aus wie die Kulisse für einen Historienfilm. Am nördlichen Rand der Stadt verläuft die Eisenbahnlinie etwas erhöht auf einer Brücke. Buddhistischer Mönchsgesang dringt an meine Ohren. Ich gehe etwas höher und gelange zu einem der 93 Tempel, die in und um Heijing verteilt sind. Als ich durch das Tor trete, sehe ich eine junge Nonne auf einem Sofa sitzen. Sie ist in ein blaues Gewand gehüllt und trägt ein braunes Käppi. Der Gesang kann unmöglich von ihr kommen, denn ich höre Männerstimmen! In einem Seitenraum hat die Nonne die Anlage voll aufgedreht. Also nichts mit singenden Mönchen! Aber die Atmosphäre passt auch so. Ich kaufe zwar keine Räucherstäbchen und auch kein chinesisches Gebetsheftchen, doch die Nonne schlägt für mich die Klangschale und schickt ein paar gute Wünsche wohin auch immer, als ich im Tempel vor einer bunten Gottheit knie. Ich kehre zu Molle zurück, der etwas unterhalb gewartet hat und wir laufen weiter und genießen den Ausblick und die Ruhe. Etwas, das man in chinesischen Städten nicht so leicht findet. Sogar ein paar Stühle und Tische aus heimischem, rotem Stein stehen für Ruhesuchende auf einer Terrasse hoch über der Stadt. Auf dem Weg hinunter kann man sich in einigen kleinen Pavillons ausruhen, bevor man auf einen Platz trifft, den eine schwarze Ochsenstatue ziert. Der schwarze Ochse ist verantwortlich für Heijings früheren Wohlstand: … Nach so viel Besichtigung legen wir erstmal eine Mittagspause. Am Nachmittag radeln wir das Kopfsteinpflaster bis zur Windmühle hinaus – wobei wir nicht so recht wissen, welche Bedeutung diese Bambuskonstruktion hat und ob es überhaupt eine Windmühle ist. Am Straßenrand kochen wir Kaffee und beobachten eine gute Weile lang passierende Menschen zu Pferde, zu Fuß, auf dem Rad, mit Esel oder Motorrad. Gerade in Beobachterlaune streifen wir nochmals durch die ganze Stadt, zu einem Tempel am anderen Ende, deren Nonnen eine braune Kluft tragen. Die Tempel gefallen uns sehr, nicht unbedingt, wegen der Sehenswürdigkeiten, sondern weil sie besonders gemütliche Orte zu sein scheinen. Mit Pflanzen im Hof, mit Bäumen, die Schatten spenden – wenn man meditieren wollte, wäre das hier der perfekte Platz. Wir wollen aber lieber fotografieren und begeben uns daher wieder zurück in die Gassen, um Besonderheiten zu erspähen.

Als es dunkel wird, geht ein gemütlicher Tag in der alten Salzstadt dem Ende entgegen. Hier muss man herkommen, wenn man eine Altstadt sehen will, die nicht für den Tourismus aufbereitet ist. In der die Häuser noch und die manche Menschen schon wirklich alt sind. Ungeschminkt, ihrem Alltag nachgehend, verrunzelt, windschief, knarzend – lebendig eben.