09.08.2010 (k) Ulbjerg – Silkeborg: 72 km, Hm

„Chiligriller“, das klingt doch nach was. Aber wenn man nur ein Chiligriller ist, neben köstlich marinierten Schweinesteaks, in Speck gewickelten Putenmedaillons, Rosmarinkartoffeln, Gemüsesäckchen, Tortellinisalat und Insalata Calabrese, dann rückt man als Chiligriller eben mal ganz schnell ganz nach hinten in der Rangliste, weil der Name allein nicht genügt darüber hinwegzutäuschen, dass sich nur ein konsistenzloses, gepökeltes Grillwürstchen dahinter verbirgt, das wahrscheinlich noch nie in seinem kurzen Leben eine leibhaftige scharfe Schote gesehen hat. Doch halt, den ganzen Tag über ist das Grillwürstchen die Motivation zur Weiterfahrt! Der Plan gibt vor: fette Grillage mit Steffi und Markus auf dem Campingplatz in Silkeborg. Steffi und Markus sind auf dem Weg zur Fähre nach Norwegen, die sie für morgen Mittag 12.15 Uhr gebucht haben. Silkeborg liegt so ziemlich im Weg und sie freuen sich genauso auf unser Treffen seit über einem Jahr wie wir! Geschätzte 55, aufgerundete 60 Kilometer stellt Molle in Aussicht – mit den Grillwürsten vor Augen tritt auch unser Dicker vollmotiviert in die Pedale. Gut 20 Kilometer bis Viborg auf der Hauptstraße, die heute, weil Montag, recht stark auch mit Schwerlastverkehr befahren ist. Ein schräg von hinten böiger Wind. Plötzlich sehen wir ein paar Hundert Meter vor uns ein grünes Überzelt im Sturm zappeln. „Oh nein!“, brülle ich zu Molle hinüber, „der Irre will doch tatsächlich ein Segel bauen!“ Vor unseren Augen sehen wir schon, wie sich unser schönes Zelt von schmierigen Kettenblättern zerfetzt in einem Gewirr aus Mensch, LKW und Fahrrad ein letztes Mal aufbäumt. Endlich erreichen wir René. In seiner Verzweiflung steht er im Gras neben dem Randstreifen: „Ich will ein Mechano bauen, das…“, weiter kommt er nicht. „Vergiss es! Einpacken!“ Die Raupe von gestern muss wohl überlebt haben, ich wusste gar nicht, dass die Suizid-Tickets übertragbar sind! Mit solch miesen Tricks versucht der ausgebuffte Schweizer nun also seinen Edelkörper zu schonen. Aber nicht mit uns. Wir nehmen ihn in die Zange und weiter geht die Fahrt aus eigenem Antrieb. Vielleicht hätte es Viborg verdient gehabt, dass wir uns länger aufhalten, doch der ungemütliche Wind lädt uns nicht dazu ein und so belassenen wir es mit einem Blick auf eine Decke voller scheinheiliger Menschen (zumindest tragen alle einen großen goldenen Heiligenschein) in der überschwänglich bemalten Domkirche und einem Kurzeinkauf für die bald darauf folgende Mittagspause. Molle findet auf seinem GPS kleine Straßen, denen wir bis Silkeborg folgen können. Allerdings scheint in dieser Gegend zu gelten: je kleiner die Straße, desto malerischer, desto hügeliger. Keiner von uns hätte damit gerechnet, dass sich auf den nächsten 45 Kilometern noch solch steile Hügel auftun, geschweige denn, dass es noch 45 Kilometer sein würden. Dafür ist die Landschaft allerdings wirklich herrlich. Seen in der Ebene, Schafe in heideartiger Landschaft in der „Höhe“, knorrige, vom Wind gebeugte Bäume überall, alte Bauernhöfe und Mühlen verstreut. Molle ist mittlerweile schon bei der Hinhaltetaktik, die man für kleine Kinder verwendet, angelangt: nur noch … dann sind wir da. Nur dass dieses „nur noch…“ sich ständig automatisch erneuert. „Wir nähern uns bald der 10 km Marke“, macht er René Mut. Acht Kilometer später dann die Gewissheit: „Jetzt noch ein Zehner. Und wir wissen ja: ein Zehner geht immer!“ Der Alte stöhnt, aber er kämpft sich tapfer weiter. Schließlich geht es heute um die Wurst! Als wir nach einer kleinen Abfahrt endlich am Supermarkt in Silkeborg einschwenken, nimmt René seinen Wachposten zu Füßen der Fahrräder ein. 20 Minuten später kommen wir vollbeladen mit feinsten Grillagezutaten und einer Menge Alkohol wieder heraus und, „he, René, wo sind die Räder?“ Eine schlafende Wache mit einem Schocker zu wecken, ist einfach Teil dieses fiesen Spiels. Wir entscheiden uns für den nächstmöglichen Camping, der ohne Hügelauffahrt zu erreichen ist und landen am dem Gudannaes-Camping, nicht weit vom Zentrum der Stadt, am Fluss gelegen.  Auf der überdimensionalen Waldlichtung, die die Campingwiese ist, errichten wir das Lager. Steffi und Markus melden per SMS, dass sie wohl nicht vor halb neun Uhr da sein werden. Das heißt: Zwischenmahlzeit mit Flips und Tortillachips. Dazu 0,75 Liter Leffe-Bier und René fällt ins Zelt, um etwas vorzuschlafen. Molle und ich bereiten die Leckereien für den Abend. Gegen 21 Uhr treffen Stema ein. Ein großes, freudiges „Halli und Hallo!“, so lange nicht gesehen, und doch, als wäre es erst gestern gewesen, dass wir das letzte Mal zusammen grilliert hätten. Das, stellen wir nun (nach Uli, Matze und René) in kürzester Zeit zum dritten Mal fest, macht echte Freunde aus. Wenn es nach – egal wie langer Zeit in der man sich nicht gesprochen und geschweige denn gesehen hat – so vertraut, unverkrampft und einfach wundervoll ist, als wäre man nie getrennt gewesen. René ist pünktlich aufgestanden, und versucht sich mit mir letztlich erfolgreich am Zusammenbau des nagelneuen, extra für diese Grillage gekauften Grills, nach Bild-Aufbauanleitung alla Ikea. Bis die Kohlen heiß sind, vergnügen wir uns mit Wein und Bier und den ersten Geschichten des Abends. Und dann die Enttäuschung für die Chiligriller: sie werden zurückgestellt. Die Kartoffeln dürfen zuerst auf den Grill, gefolgt von allen Steaks. Wer will sich schon seinen so lange gehegten Hunger mit Chiligrillern kaputtmachen. Als alle pappsatt sind, dürfen sie auf die jetzt – wie bei jedem Grillabenteuer – genialste Glut. Um für morgen schon gebrutzelt zu sein. Doch oh weh, die Kohlen sind so heiß, kurz weggeschaut und schon haben die Chiligriller ihre Farbe gewechselt: schwarz. Klassisch um die Wurst gebracht. Aber, wer will schon ein konsistenzloses, gepökeltes, schwarzes Grillwürstchen. Auch wenn es Chiligriller heißt.