18.03.2010 (m) – Hukeng – Pinghe: 96km, 800Hm

Wenn man sich in ein „Mehrfamilienhaus“ dieser Bauart einquartiert, dann kann man sich sicher sein, dass man nicht verschläft. Geschrei, klapperndes Geschirr, undefinierbare Geräusche. Die kleine Schießscharte – auch genannt Fenster – hätte das Licht wohl soweit aus dem Zimmer herausgehalten, dass wir noch ein Weile geschlummert hätten. Es schadet aber sicher nichts, ein wenig früher aufzubrechen, müssen wir doch knapp 100 Kilometer bewältigen. Vor dem Gebäude zeigt sich der Tag dann in seiner ganzen Pracht – blauer Himmel, Wärme, strahlender Sonnenschein! Mist, müssen wir alle Bilder von gestern nochmal machen. Durch das noch leergefegte Dorf rollen wir hinaus, durch enge Gassen, vorbei an den noch verwaisten Verkaufsständen, dem „idealen Rundhaus“, den Wachpolizisten an der Einlassschranke. Erste Touristen entern doch tatsächlich bereits wieder das Dorf – eine neue Runde beginnt.

Wir schlabbern mal wieder unsere in Südchina leider sehr dünne und milde Morgensuppe, die aber, pragmatisch gesehen, ihren Auftrag erfüllt: Energie liefern. Geschmack ist Luxus. War gestern noch alles verhangen und nieselig, genießen wir heute blauen Himmel und klare Luft. Auf kleinen Sträßchen kurbeln wir in Richtung der nächsten Rundhäuser, die hier reich gesät in der Landschaft liegen. Einige sind eben touristisch aufgemotzt, kosten Eintritt und werden von allen besucht. Dies ist wohl die einzige Möglichkeit, dass die Bewohner der regulären Rundhäuser weiter in Frieden leben können, ohne dass jeden Tag irgendein Reisebus vor ihrer Türe hält…Wir haben jedenfalls durch den gestrigen Nachmittag und die Nacht im Dorf unsere lohnenswerte „Hakka“-Erfahrung gemacht und lassen heute ohne schlechtes Gewissen auch mal die ein oder anderen „Attraktion“ links liegen. Schön zu sehen ist es, dass , sobald man die Touristenzone hinter sich gelassen hat, alles wieder seinen geregelten Gang geht (wobei man der Fairness halber sagen muss, dass das Touristendorf von gestern nach Abfahrt der letzten Busse auch eine ganz tolle Atmosphäre geboten hat). Kleine Straßendörfer mit gackernden Hühner, die über die Straße rennen, faulen Hunde, die nicht mal ein Auge auftun, wenn wir vorbeirollen, über-überladene Fahrzeuge, die Gräser, Büschel, Müll oder sonstwas rumtuckern, über-überladene Lastenträger, die Gräser, Büschel oder Müll herumschleppen. Und wie in jedem Dorf der Welt versetzt der Markttag alle Bewohner in helle Aufruhr – Fische, Fleisch (oder was der entsprechende Verkäufer eben dafür hält), Klamotten, Obst, Gemüse werden angepriesen und in kleinen und großen Plastiktüten nach Hause gebracht.

Die Straße steigt stetig an, bis wir einen vergleichsweise winzigen Pass überqueren und in der frischen Morgenluft hinabrollen. Laut verschiedener Informationen, die wir recherchiert haben, führt eine Straße direkt nach Luxixiang, obwohl in den meisten Karten nicht verzeichnet. Wir finden den Weg auch, stehen aber kurze Zeit später vor einem Kassenhäuschen! Oh nein, nicht jetzt, nicht heute, nicht in Zeiten unserer selbstverschuldeten Haushaltssperre! Natürlich werden wir gestoppt, mit Studentenrabatt bleiben genau 100 Yuan, um die – wie sollte es anders sein – „Hakka Scenic Area“ zu durchfahren. Katrin wurschtelt im Geldbeutel und es sind – ohne Witz – genau 100 Yuan darin. Wenn das mal kein Zeichen ist. Ich habe nun noch einen Not-Zehner (1 Euro), Katrin noch 3 Yuan (30 Cent) vom Frühstückswechselgeld. Das muss bis heute Abend reichen. Wie viele Menschen leben auf der Welt gleich nochmal von einem mickrigen Dollar pro Tag? Unglaublich viele auf jeden Fall –  da werden wir ja wohl ein Tägchen Vergnügungsfahrt bis zum nächsten Geldautomaten überstehen. Trotzdem ist es komisch, unsere letzte momentan verfügbare Kohle für einen Eintritt auszugeben. Es sollte sich jedoch lohnen. Zunächst erreichen wir ein – zugegeben wieder sehr auf Tourismus getuntes Dorf, das in den Seitengassen und vermeintlich „uninteressanten“ Häusern allerdings jede Menge kleine Erlebnisse und Anblicke bereit hält. Wenige Kilometer weiter wartet das „King of Toulu“ (Fujian Tulou), das 700 Jahre auf dem Buckel hat und schon mehrere Erdbeben überstanden hat. Im Inneren ist es hoffnungslos kommerzialisiert. Dafür ermöglicht der dahinter aufragende Hügel nach ein paar extra Schweißtropfen wunderbare Blicke von oben in das Gebäude. Auf diese Weise sieht man sehr gut die einzelnen Stockwerke. Außerdem ist der Blick in das Tal, wo weitere Rundhäuser und Nebenbauten liegen und die in der Ferne aufragenden Berge, herrlich. Wir sind so richtig auf Spazierfahrt, genießen das Wetter, Natur und Kultur. Allerdings haben wir so erst gut 20 Kilometer geschafft und es ist bereits deutlich nach Mittag. Jetzt aber. Wir schrauben uns in einigen steilen Kehren aus dem Tal heraus und rollen in einer tollen Abfahrt ins nächste. Das kleine Betonsträßchen ist gut in Schuss und wenig befahren. Am Ende des Downhills erwartet uns aber ein anderes Bild – die Staubstraße ist von Schlaglöchern wie Bombenkrater gesät. Ein übles Geschunkel beginnt, das bis Luxixiang anhält. Ab hier stoßen wir wieder auf die Hauptstraße. Wo ist die denn gleich? Ein Local hilft uns weiter, zeigt aber in die komplett andere Richtung als die von uns angenommene. Er brabbelt barsch in der Gegend rum und gestikuliert: da lang, basta! Wir trauen uns ehrlich gesagt erstmal nicht, unserer GPS-Route zu folgen, der Typ würde uns sicher gleich an die Gurgel gehen. So fahren wir halt in die gedeutete Richtung. Das kann nicht stimmen…wir fragen nochmal. Ja, ja, das ist die tolle Straße nach Pinghe, sechst Kilometer weiter, aber viel besser, die andere: rumpel, rumpel, ganz mies. Jedoch sei diese hier eine „shan lu“ (Bergstraße). Na also, nichts wie los. Schnell sind wir im Anstieg, den wir nur für eine kurze Suppenpause (Thermoskanne spendet Wasser für Tütensuppe) verlassen. Dann erleben wir mal wieder eine erfreuliche Überraschung. Obwohl stetig bergan, ist die Straße, die wir hier vorfinden allererste Sahne! Ein fantastisches, kleines Passsträßchen. Die Betonplatten sind sauber verlegt, die Kurven ideal ins Gelände eingepasst – ja, Straßen für Radfahrer bauen, das können die Chinesen! Wir machen schnell Höhe und so sind wir trotz fortgeschrittener Stunde ziemlich sicher den Zielort Pinghe noch bei Tageslicht zu erreichen. Schließlich liegt der ca. 50m über dem Meer, und der Höhenmesser zeigt am Pass gute 900. So sind sogar 40 Kilometer in eineinhalb Stunden gut zu bewältigen und wir haben dabei sogar auch noch die Ruhe für ein paar Landschaftsfotografien.

Pinghe ist eine Kleinstadt, die neben den üblichen Geschäften auch einen Bankomaten der „Bank of China“ hat. Wir finden ein gutes Hotel, einen Supermarkt und ein kleines Restaurant nach unserem Geschmack – und ein traumhafter Tag findet sein Ende.