01.06.2010 (k) Miyun – Miyun Reservoir: 22 km, 100 Hm

Heute fehlt das Gas, von Anfang an. Wir bummeln uns in den Tag, fahren auf der Suche nach dem Nudelrestaurant, in dem wir gestern Mittag waren, noch einige Kilometer in die falsche Richtung, kommen schließlich zurück und brechen letztlich auf nach dem Frühstück, das sowohl zeitlich als auch inhaltlich ein Mittagessen hätte sein können. Das Wetter hat auch schon auf die Mitte des Tages geschaltet. Es ist heiß und diesig, Gewitterwolken rotten sich zusammen. Die Sicht geht gegen Null, das wird uns einige Kilometer außerhalb Miyuns klar. Heute stehen eigentlich gute 70 Kilometer und eine angeblich atemberaubende Schlucht auf dem „Programm“, doch alles was wir sehen ist der immer dunkler werdende Himmel. Wir spielen mit dem Gedanken, direkt wieder in ein Hotel am Miyun Reservoir, das wir gerade passieren, einzuchecken. Zunächst sehen wir nur etwas abgehalfterte Restaurants und ein paar Wegweiser zu „Scenic Spots“. Hier im Großraum Peking sind sicherlich viele Stellen einfach zu solchen „Spots“ ernannt worden, auch wenn sie nicht allzu viel hergeben, denken wir. Die Dörfer am Rand der Straße, die aussehen wie eben ganz gewöhnliche chinesische Dörfer überall im Land, haben hier Schilder am Eingang: „XY-Folk Village“. In einer kleinen Bungalowanlage erkundige ich mich vorsichtshalber schon mal nach dem Übernachtungspreis, falls es bald zu regnen beginnt und wir umkehren müssen. Es ist günstig aber auch äußerst einfach und muffig, so dass wir nicht so recht wüssten, was wir hier ab ein Uhr mittags mit dem Rest des Tages anfangen sollten. Nur wenige Meter weiter steht ein Wegweiser zu einem Hotel am Straßenrand. Wir treten die steile Straße hinauf. An der Einfahrt steht ein junger Portier, was auf ein gehobenes Niveau schließen lässt. Wir stellen die Räder bei ihm ab und ich erkunde das Gelände. Das von uns im ersten Moment für das Hotel gehaltene Gebäude ist allenfalls die Angestelltenunterkunft, so viel wird mir schnell klar. Ich folge der Straße weiter aufwärts und so langsam merke ich, wo wir hier sind. Linkerhand taucht ein Tennisplatz auf, dann das große Restaurant und schließlich das moderne Hauptgebäude in dessen Innerem ich die Rezeption finde. Ich denke daran, auf dem Absatz kehrt zu machen, doch ich entschließe mich noch interessehalber nach dem Zimmerpreis zu fragen, jetzt, wo ich schon so weit in das „Mountain Village“ (so der Untertitel des Hotels) vorgedrungen bin. Die netten Rezeptionistinnen zeigen mir den Flyer des Hotels: mit dem günstigsten Einzelzimmer starten wir hier bei ungefähr 75 Euro, das Doppelzimmer liegt bei 100. Oder wie wäre es mit der Villa für unschlagbare 18000 Yuan (2000 Euro)? Ich bedanke mich mit der Erklärung, dass dieses Hotel wohl zu teuer für uns ist. Da fragt die Dame, was wir denn zahlen könnten. „300 Yuan“, sage ich (35 Euro), um nicht völlig unverschämt zu klingen. Ob ich das Zimmer vielleicht sehen wollte? Ich folge ihr in das Nebengebäude. Das Einzelzimmer (in China aber üblich mit großem Doppelbett) ist geräumig, modern, mit Internetanschluss und Regendusche. Insgesamt ein gehobenes Zimmer aber nichts so Außergewöhnliches, dass man den offiziellen Preis zahlen würde. Für 300 Yuan ist es allerdings sehr attraktiv und ich ziehe mich zur Besprechung mit Molle zurück. Der hat sich schon mit den jungen Pförtnern angefreundet und erfahren, dass es für diesen Job 1000 Yuan im Monat gibt. Wir ringen mit uns, ob wir hier einchecken sollen. In so einer edlen Ferienanlage haben wir das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Es ist uns außerdem peinlich vor den Pförtnern – wie reich wir für sie sein müssen, wenn wir hier einfach so ein Zimmer nehmen können, das mehr als die Hälfte ihres Monatslohns kostet. Man kommt sich so dekadent vor. Andererseits, was ist, wenn hier niemand absteigt – dann wären die auch ihren Job los. Aber könnte man die Angestellten nicht besser bezahlen? Und wer verdient sich hier überhaupt eine große Nase? Ist es vielleicht staatlich und unterstützen wir das „falsche“ Lager? So viele Fragen gehen uns durch den Kopf und dann entschließen wir uns, zu bleiben. Ich erkläre zu meiner Entschuldigung noch, dass wir wirklich einen günstigen Preis bekommen haben. Doch das ist völliger Schwachsinn, denn die 300 Yuan sind noch immer ein Drittel des Monatslohns und die Angestellten hier haben tagtäglich mit tausendfach reicheren Leuten zu tun als mit zwei bunten Vögeln, die auf Fahrrädern hier ankommen. Für uns ist das hier einfach die günstigere Wahl für das kommende Regenwetter, denn wir können mit der Zimmerzeit wirklich etwas anfangen. Da es hier keinerlei Einkaufsmöglichkeit gibt, drehe ich noch eine Runde auf der Suche nach einem Geschäft in der Nähe. Die Straße schraubt sich allerdings in den Wald hinein und außer ein paar Imkern und Obstverkäufern, die am Straßenrand auf ein Geschäft hoffen, bietet sich auf den nächsten Kilometern nichts. Der Wald duftet regelrecht nach Sommerurlaub – kaum zu glauben dass so nah an Peking so viel Grün und „echte“ Natur zu finden ist. In einem Restaurant erstehe ich schließlich doch noch Bier und Wasser und kehre mit den ersten Donnerschlägen ins schützende Zimmer zurück. Wir begnügen uns gerade mit einer Tütensuppe zum Abendessen, da klingelt das Telefon: Wann wir denn morgen unser Frühstück möchten und ob es recht wäre, wenn sie es ins Zimmer servierten? „Ins Zimmer – äh ja, um 8 wäre gut!“ Oho, wo sind wir denn hier gelandet?

01Juni2010