06.06.2010 (k) Huanghuachang – Changping: 40 km, 200 Hm
Ein früher Blick aus dem Fenster genügt, um festzustellen, dass sich ein hektischer Aufbruch wegen klarer Sicht am Morgen nicht lohnt. Um halb sieben ist es bereits oder besser noch genauso dunstig wie wohl zu späterer Stunde. Wahrscheinlich sind wir hier wirklich schon unter Pekings Smogglocke gelandet. Also lassen wir uns gemäß unserer Natur Zeit mit dem Aufbruch. Als wir einen halben Kilometer nach unserem Gästehaus anhalten, um das Stück chinesische Mauer, das sich hier auf beiden Seiten der Straße wie ein Wurm die Hänge hinaufwindet zu inspizieren, ist es trotzdem erst halb zehn. Molle macht zuerst den Mauerläufer. Die Mauer hier bei Huanghua ist touristisch noch nicht so stark erschlossen, weshalb es auch keinen Ticketschalter gibt. Am Wegesrand im Schatten sitzt nur ein alter Mann mit Hut und einem handgeschriebenen Schild. Zwei Yuan pro Nase erlauben den Zutritt. Der untere Abschnitt fällt extrem steil zur Staumauer des Reservoirs hin ab, weshalb man erst ein Stück am See entlang und bergauf gehen muss, um dann über eine Eisenleiter auf die Mauer zu klettern. Ich beobachte Molle von unten, wo ich auf die Räder aufpasse. Nach einer Dreiviertelstunde kommt er wieder heruntergejoggt. In die Ferne sieht man logischerweise nicht, doch trotzdem ist er ganz angetan vom Abschnitt. Da bleibt mir wohl nichts, als auch noch kurz hinauf zu huschen. Ich starte meinen Berglauf und ziehe an allen keuchenden und staunenden Menschlein vorbei. Nicht weniger keuchend, versteht sich. Schon lange nicht mehr gelaufen! Man könnte auch hier noch viel weiter gehen, doch der zunächst höchste Punkt genügt mir als Stippvisite. Dieses Bauwerk ist wirklich an Perversion kaum zu überbieten! Aber Wahnsinn – ich stehe noch einmal auf der Chinesischen Mauer! Bevor ich noch sentimental werde, trete ich den Rücklauf an.
Kurz nach der Mauer biegen wir auf ein kleines Betonsträßchen ein, das uns durch ein Dorf und die angrenzenden Obstbaugebiete führt. Hier vergisst man wirklich, wo man ist, so sehr ähnelt das  einem Familienradweg im Etschtal. Ein Genuss – doch bevor wir sentimental werden können, holt uns die Hauptstraße zurück in die Realität. Ein bisschen stutzen müssen wir noch immer, wenn Mountainbiker uns entgegen kommen oder Rennradler an uns vorbei hinabflitzen. Das Bild ist einfach noch so ungewohnt für uns. Mit einem jungen Mann kommen wir kurz später in Changling ins Gespräch. Er ist der Meinung, in China gibt es viele Radler. Vielleicht haben wir sie bisher einfach nicht gesehen? Ja, und das Ming-Grab sei gleich da drüben, aber er kenne es nicht. Er wohnt zwar hier um die Ecke, aber er war noch nie dort. Allerdings war er letztes Jahr am Qinghai-See im Urlaub (an dem wir knapp vorbeigefahren sind). Wie es oft so ist – die Ziele in der Ferne erscheinen reizvoller als das Nahe. Molle war auch noch nie im Schloss Neuschwanstein. Und als wir auf den Parkplatz der Minggräber einrollen, sehen wir viele Westnasen, die durch das rote Tor zum Mausoleum schlüpfen. Wir wechseln uns mit der Besichtigung ab. Das Changling-Grab ist das größte und am besten erhaltene der Ming Gräber, die hier im am Fuße der Tianshou-Berge verstreut sind. Dieser Ort wurde extra nach Feng-Shui Kriterien ausgewählt. Der Bau begann 1409 und wurde 18 Jahre später fertiggestellt. Unter der dicken Stele schläft hier der Yongle-Kaiser Zhudi, der dritte Ming Herrscher. Er regierte ganze 22 Jahre und verlegte den Sitz der Hauptstadt von Süd nach Nord, also von Nanjing nach Beijing. Um zum eigentlichen Grab zu gelangen passiert man zunächst ein kleines und dann ein größeres Tor. Alles ist weitläufig angelegt. Die große Ling’en Halle stellt ein architektonisches Meisterwerk der Ming Dynastie dar: Das Holz, das für die 1956 Quadratmeter große Halle verwendet wurde, stammt allesamt aus tausende Kilometer entfernten Provinzen. 32 Säulen halten das Bauwerk im Inneren aufrecht – sie alle sind 12,58 Meter hoch und bestehen aus ganzen Nanmu-Baumstämmen. Es hat damals wohl allein über fünf Jahre gedauert, diese gewaltigen Stämme aus Sichuan anzuliefern. In der Halle findet sich das Museum, das einige Erläuterungen zum Grab liefert und Reliquien in Glasvitrinen bereithält.
Die Anlage ist interessant, aber sie zieht mich nicht in ihren Bann. Vielleicht würde alles magischer wirken, wenn man ganz alleine in den frühen Morgenstunden hier stehen könnte. Obwohl nicht viel los ist, ist man trotzdem inmitten anderer Touristen unterwegs, die auch wieder so viel Sehenswertes bieten, dass man einfach abgelenkt wird.
Den sieben Kilometer langen „Spirit Way“, der auf das Grabareal von Changping aus zuführt, sehen wir im Vorbeifahren, als wir uns der Stadt nähern. Wir lösen aber kein Ticket, um ihn genauer unter die Lupe zu nehmen. So entgehen uns die Tore und Brücken sowie die zahlreichen Steintiere und versteinerten Offizielle, die zum Schutze Spalier stehen mussten und die sich bis heute nicht von der Stelle bewegt haben.
In Changping selbst dauert es wieder eine Weile, bis wir ein passendes Hotel gefunden haben. Zum einen liegt das daran, dass ich einen gut ausgestatteten Fahrradladen im Augenwinkel entdecke, vor dem ein paar Mechaniker ein flottes Rennrad reparieren. Wenn hier schon so viele Radler unterwegs sind, dann muss es doch auch gute Mechaniker geben, denken wir. Und das trifft sich, denn seit kurzer Zeit wackelt Molles Hinterrad trotz fester Verankerung bedenklich hin und her. Wir haben aber kein Werkzeug dabei, um es auf Zahnkranzseite oder auch auf der anderen festzuziehen. Wir zeigen das Problem und flugs wird das Rad ausgebaut, die Ritzel entfernt und das Problem behoben. Außerdem bekommt Molle noch sein gesamtes Ritzelpaket mit Zahnbürste und Hölzchen geputzt. Als es ans Kassieren geht, kostet der einstündige Spaß doch ganze 60 Cent. China ist durchaus noch ein Billiglohnland, auch wenn es in den öffentlichen Medien gerade eine Diskussion darüber geben mag.
Ganz im Zentrum stoßen wir schließlich auf das Dushihuayu Shangwu Hotel, das genau richtig für uns ist. Esstempel und –buden sind viele in der Nähe. Am Abend ist es richtig toll sommerlich warm – man könnte ewig herumspazieren. Ein alter Mann entlockt seiner Teufelsgeige auf dem Gehsteig ein paar traurige Klänge gegen ein paar schnell hingeworfene Scheine. Wir lauschen eine Weile. Doch bevor wir zu sentimental werden, gehen wir weiter. Neben dem Hotel ist ein kleiner, kreisrunder Platz. Hier wird mal wieder getanzt. Standardtanz ist die Devise. Paare mittleren Alters aber auch Frau-Frau-Paare (auch in China tanzen wohl die Frauen lieber als die Männer) sind im abgesperrten Areal mit den Schrittkombinationen von Walzer, Diskofox, Tango und Samba beschäftigt. Es ist so schön zum Zuschauen. Einer singt ohrenbetäubend vor Freude jedes Lied mit, manch ein Paar tanzt richtig professionell, andere nehmen es lockerer – doch man sieht allen den Spaß und das Glück ins Gesicht geschrieben. Bevor wir zu sentimental werden, gehen wir hinauf ins Zimmer.

06.06.2010 (k) Huanghuachang – Changping: 40 km, 200 Hm
Ein früher Blick aus dem Fenster genügt, um festzustellen, dass sich ein hektischer Aufbruch wegen klarer Sicht am Morgen nicht lohnt. Um halb sieben ist es bereits oder besser noch genauso dunstig wie wohl zu späterer Stunde. Wahrscheinlich sind wir hier wirklich schon unter Pekings Smogglocke gelandet. Also lassen wir uns gemäß unserer Natur Zeit mit dem Aufbruch. Als wir einen halben Kilometer nach unserem Gästehaus anhalten, um das Stück chinesische Mauer, das sich hier auf beiden Seiten der Straße wie ein Wurm die Hänge hinaufwindet zu inspizieren, ist es trotzdem erst halb zehn. Molle macht zuerst den Mauerläufer. Die Mauer hier bei Huanghua ist touristisch noch nicht so stark erschlossen, weshalb es auch keinen Ticketschalter gibt. Am Wegesrand im Schatten sitzt nur ein alter Mann mit Hut und einem handgeschriebenen Schild. Zwei Yuan pro Nase erlauben den Zutritt. Der untere Abschnitt fällt extrem steil zur Staumauer des Reservoirs hin ab, weshalb man erst ein Stück am See entlang und bergauf gehen muss, um dann über eine Eisenleiter auf die Mauer zu klettern. Ich beobachte Molle von unten, wo ich auf die Räder aufpasse. Nach einer Dreiviertelstunde kommt er wieder heruntergejoggt. In die Ferne sieht man logischerweise nicht, doch trotzdem ist er ganz angetan vom Abschnitt. Da bleibt mir wohl nichts, als auch noch kurz hinauf zu huschen. Ich starte meinen Berglauf und ziehe an allen keuchenden und staunenden Menschlein vorbei. Nicht weniger keuchend, versteht sich. Schon lange nicht mehr gelaufen! Man könnte auch hier noch viel weiter gehen, doch der zunächst höchste Punkt genügt mir als Stippvisite. Dieses Bauwerk ist wirklich an Perversion kaum zu überbieten! Aber Wahnsinn – ich stehe noch einmal auf der Chinesischen Mauer! Bevor ich noch sentimental werde, trete ich den Rücklauf an.Kurz nach der Mauer biegen wir auf ein kleines Betonsträßchen ein, das uns durch ein Dorf und die angrenzenden Obstbaugebiete führt. Hier vergisst man wirklich, wo man ist, so sehr ähnelt das  einem Familienradweg im Etschtal. Ein Genuss – doch bevor wir sentimental werden können, holt uns die Hauptstraße zurück in die Realität. Ein bisschen stutzen müssen wir noch immer, wenn Mountainbiker uns entgegen kommen oder Rennradler an uns vorbei hinabflitzen. Das Bild ist einfach noch so ungewohnt für uns. Mit einem jungen Mann kommen wir kurz später in Changling ins Gespräch. Er ist der Meinung, in China gibt es viele Radler. Vielleicht haben wir sie bisher einfach nicht gesehen? Ja, und das Ming-Grab sei gleich da drüben, aber er kenne es nicht. Er wohnt zwar hier um die Ecke, aber er war noch nie dort. Allerdings war er letztes Jahr am Qinghai-See im Urlaub (an dem wir knapp vorbeigefahren sind). Wie es oft so ist – die Ziele in der Ferne erscheinen reizvoller als das Nahe. Molle war auch noch nie im Schloss Neuschwanstein. Und als wir auf den Parkplatz der Minggräber einrollen, sehen wir viele Westnasen, die durch das rote Tor zum Mausoleum schlüpfen. Wir wechseln uns mit der Besichtigung ab. Das Changling-Grab ist das größte und am besten erhaltene der Ming Gräber, die hier im am Fuße der Tianshou-Berge verstreut sind. Dieser Ort wurde extra nach Feng-Shui Kriterien ausgewählt. Der Bau begann 1409 und wurde 18 Jahre später fertiggestellt. Unter der dicken Stele schläft hier der Yongle-Kaiser Zhudi, der dritte Ming Herrscher. Er regierte ganze 22 Jahre und verlegte den Sitz der Hauptstadt von Süd nach Nord, also von Nanjing nach Beijing. Um zum eigentlichen Grab zu gelangen passiert man zunächst ein kleines und dann ein größeres Tor. Alles ist weitläufig angelegt. Die große Ling’en Halle stellt ein architektonisches Meisterwerk der Ming Dynastie dar: Das Holz, das für die 1956 Quadratmeter große Halle verwendet wurde, stammt allesamt aus tausende Kilometer entfernten Provinzen. 32 Säulen halten das Bauwerk im Inneren aufrecht – sie alle sind 12,58 Meter hoch und bestehen aus ganzen Nanmu-Baumstämmen. Es hat damals wohl allein über fünf Jahre gedauert, diese gewaltigen Stämme aus Sichuan anzuliefern. In der Halle findet sich das Museum, das einige Erläuterungen zum Grab liefert und Reliquien in Glasvitrinen bereithält. Die Anlage ist interessant, aber sie zieht mich nicht in ihren Bann. Vielleicht würde alles magischer wirken, wenn man ganz alleine in den frühen Morgenstunden hier stehen könnte. Obwohl nicht viel los ist, ist man trotzdem inmitten anderer Touristen unterwegs, die auch wieder so viel Sehenswertes bieten, dass man einfach abgelenkt wird. Den sieben Kilometer langen „Spirit Way“, der auf das Grabareal von Changping aus zuführt, sehen wir im Vorbeifahren, als wir uns der Stadt nähern. Wir lösen aber kein Ticket, um ihn genauer unter die Lupe zu nehmen. So entgehen uns die Tore und Brücken sowie die zahlreichen Steintiere und versteinerten Offizielle, die zum Schutze Spalier stehen mussten und die sich bis heute nicht von der Stelle bewegt haben. In Changping selbst dauert es wieder eine Weile, bis wir ein passendes Hotel gefunden haben. Zum einen liegt das daran, dass ich einen gut ausgestatteten Fahrradladen im Augenwinkel entdecke, vor dem ein paar Mechaniker ein flottes Rennrad reparieren. Wenn hier schon so viele Radler unterwegs sind, dann muss es doch auch gute Mechaniker geben, denken wir. Und das trifft sich, denn seit kurzer Zeit wackelt Molles Hinterrad trotz fester Verankerung bedenklich hin und her. Wir haben aber kein Werkzeug dabei, um es auf Zahnkranzseite oder auch auf der anderen festzuziehen. Wir zeigen das Problem und flugs wird das Rad ausgebaut, die Ritzel entfernt und das Problem behoben. Außerdem bekommt Molle noch sein gesamtes Ritzelpaket mit Zahnbürste und Hölzchen geputzt. Als es ans Kassieren geht, kostet der einstündige Spaß doch ganze 60 Cent. China ist durchaus noch ein Billiglohnland, auch wenn es in den öffentlichen Medien gerade eine Diskussion darüber geben mag.Ganz im Zentrum stoßen wir schließlich auf das Dushihuayu Shangwu Hotel, das genau richtig für uns ist. Esstempel und –buden sind viele in der Nähe. Am Abend ist es richtig toll sommerlich warm – man könnte ewig herumspazieren. Ein alter Mann entlockt seiner Teufelsgeige auf dem Gehsteig ein paar traurige Klänge gegen ein paar schnell hingeworfene Scheine. Wir lauschen eine Weile. Doch bevor wir zu sentimental werden, gehen wir weiter. Neben dem Hotel ist ein kleiner, kreisrunder Platz. Hier wird mal wieder getanzt. Standardtanz ist die Devise. Paare mittleren Alters aber auch Frau-Frau-Paare (auch in China tanzen wohl die Frauen lieber als die Männer) sind im abgesperrten Areal mit den Schrittkombinationen von Walzer, Diskofox, Tango und Samba beschäftigt. Es ist so schön zum Zuschauen. Einer singt ohrenbetäubend vor Freude jedes Lied mit, manch ein Paar tanzt richtig professionell, andere nehmen es lockerer – doch man sieht allen den Spaß und das Glück ins Gesicht geschrieben. Bevor wir zu sentimental werden, gehen wir hinauf ins Zimmer.