12.03.2010 (k) Shenzen – Meizhou mit dem Zug

Wir können ein trockenes Zelt einpacken, der Sand ist schnell heruntergeschüttelt und zum Testergebnis lässt sich sagen: Feuertaufe bestanden! Das Mutha Hubba 3 Personenzelt hat dem Regen und dem Sturm getrotzt und uns ganz viel Platz zum Sitzen, Essen Schlafen und Verhaumachen geboten. Wir sind sehr angetan. Im Nahverkehr Lantaus sind wir nun schon wahre Kenner – der Pendlerbus zur Metro wird mit den Rädern und unseren Säcken beladen und in der Metro wählen wir unseren Platz am Ende der Bahn. Hätte nicht gedacht, dass man in Hongkong so problemlos die Räder mitnehmen kann. Einmal mehr haben sich die Radtransporttaschen nützlich gemacht! So richtig entspannt kommen wir aus der Großstadt heraus – das hätten wir uns auch nicht so einfach erträumt: von der Haltestelle Hung Hom fährt eine Metrolinie bis zum Bahnhof Shenzen, das in China liegt und an Hongkong grenzt. Wir verladen also all unser Gepäck in die halbleere Bahn (das Schließfach für den Rest haben wir gegen zwei Handvoll Münzen auch wieder aufbekommen) und steigen 40 Minuten später an der Endstation Lo Wu aus. Der Nebel verdeckt all die hässlichen Vororte. Auf aufgebauten Rädern schieben wir unser Zeug durch die Gesundheits- und Zollkontrolle. Das Gepäck wird durchleuchtet, unsere zweite Einreise des „double entry“ abgehakt. Zurück in China. Wenn man bedenkt, was für einen Aufwand sie an der Grenze von Kasachstan nach China gemacht haben! Ich kann noch Sitzkarten für den 15.00 Uhr Zug nach Meizhou ergattern. Im Wartebereich, wo wieder alle Leute nach Zügen sortiert zusammengepfercht werden sitzen wir mit wieder verpackten Rädern, die von einigen Angestellten gesichtet werden – man fragt noch, ob man die Dinger nicht falten könne – doch als sie sehen, dass das nicht geht, lässt man uns auch so gewähren. Ein wenig Bedenken haben wir schon, ob wir einen Platz für die Räder im Zug finden, doch die sind letztlich unbegründet, denn sie passen wie angegossen jeweils in den schmalen Spalt zwischen Waggon und erster Sitzreihe. Es hat sich immer als Vorteil erwiesen, beide Pedale abzuschrauben, dann sind die Esel wirklich dünn.

Beim Warten beobachten wir mal wieder das typische Bahnhofsszenario: eine halbe Stunde vor Abfahrt wird der Zug nach Peking „geboardet“. Eine unüberschaubare Masse an Leuten muss durch die gesamte Wartehalle hinter der Megaphonanweiserin herlaufen und sich dann auf Treppe und Rolltreppe hinunter zum Bahnsteig stürzen. Es ist wirklich wieder ein weiter Weg für die Menschen, die alles Mögliche mit sich schleppen.  Ein Mann trägt seinen kleinwüchsigen, behinderten, erwachsenen Sohn vor sich her. Ich sag ja schon gar nichts mehr, von wegen Rädern und Gepäck! Oder doch: wir haben eine neue Methode erfunden, wie wir unser gesamtes Zeug auf dem Rücken tragen können. Die Schlaufen der Packtaschen fädeln wir durch den Verschluss des Rucksacks und so baumeln sie rechts und links von ihm. Beide Hände sind frei zum Radtragen. Es klappt bestens!

Knapp sechs Stunden dauert die Zugfahrt – im Großraumwagen ist es angenehm ruhig, die Polstersitze sind weich und bequem und die Zeit vergeht recht zügig. Der Blick aus dem Fenster ist allerdings alles andere als erfreulich: der Nebel hängt nicht mehr über den Orten, er steht auf dem Boden. Dadurch ist die Sicht gleich null. Aufpeitschender Regen verkomplettiert noch die wenig einladende Szenerie. In diesem Moment können wir uns uns nur sehr schwer auf dem Rad vorstellen. Die offiziellen Aussichten für Fujian (die Provinz, in die wir bald fahren wollen), sind aber leider nicht viel besser. Im Moment aber sind wir einfach froh, dass wir im Zug sitzen dürfen.

In Meizhou hält der Tross 27 Minuten. Genug Zeit für uns, mit all unserem Krempel auszusteigen. Vor den Augen der interessierten Zugbelegschaft bauen wir dann noch am Bahnsteig die Räder auf, packen um und suchen unsere Regenklamotten heraus. Mittlerweile ist es nämlich nicht nur dunkel geworden, sondern es schüttet in Strömen, wie wir es seit Monaten nicht mehr gesehen haben. Gerade als der Zug mit einem Pfiff verabschiedet wird und langsam anrollt, schieben auch wir los, den Bahnsteig entlang. Wir haben nicht aufgepasst, wohin alle Leute gegangen sind und können den Bahnhofsvorsteher, der sich kurz noch vor dem abfahrenden Zug verneigt, vor dem Abtreten gerade noch fragen, wo es hinausgeht. Er weist auf die Unterführung. Wir schieben hinunter und stehen drei Treppen später am Ausgang. Doch wie? Alles ist verriegelt. Alle Tore, Gitter und Türen sind bereits geschlossen, mit Vorhängeschlössern gesichert und alles Rütteln hilft nichts. Draußen stehen noch ein paar Leute, die in ein Taxi einsteigen – doch sie kümmern sich nicht weiter um unser Gerufe: wahrscheinlich sind sie einfach nur vom Anblick zweier Westnasen in Regenmontur mit Helmen geschockt und wollen schnell heim. Ich laufe zurück auf den Bahnsteig, doch es ist niemand mehr zu sehen. Etwas entfernt steht das Aufseherhaus, in dem noch Licht brennt. Ich rufe, gehe hinein, rufe wieder, laufe herum, doch nichts rührt sich. Schließlich stapfe ich – mittlerweile triefnass – in den dritten Stock und treffe noch drei Angestellte an, die hier die Monitore überwachen. Der unerwartete Anblick erfreut die Gemüter und nachdem ich erklärt habe, was los ist, macht sich einer der Männer mit uns auf den Weg, um uns aus dem Gelände zu führen. Zunächst hilft er uns, die Räder wieder hinaufzuwuchten. Dann führt er uns durch Abfahrtshalle und andere Hintertüren zum Haupteingang. Die große, beleuchtete Straße, die kerzengerade nach Meizhou hineinführt liegt vor uns. Danke fürs Hinausgeleiten! Der große Vorteil der Verzögerung: es gießt nicht mehr, es regnet nur noch. Nach knapp zwei Kilometern leuchtet uns links der Straße ein schönes Hotel entgegen: es ist ein internationale Kette: Ramada Hotel. Lobby beeindruckend geschmackvoll mit Retro-Designersofas in grün, lila und braun, Zimmer ein Traum, Preis billiger als ein Campingplatz in Mitteleuropa. Keine Frage, hier sind wir richtig! Ein kleines Restaurant in der Nachbarschaft kocht für uns trotz fortgeschrittener Stunde (22.30 Uhr) noch auf und die Welt ist mal wieder schwer in Ordnung. Nebel, Regen, Dunkelheit? Egal, man muss nicht immer was sehen, um China zu spüren.