19.01.2010 (k) Soppong – Mae Hong Son: 65 km, 1270 Hm

“Zum großen Markt dienstagvormittags an der Straße kommen Lisu in farbenfrohen Trachten aus den Bergen angereist” – na, klingt das nicht verlockend mythisch im Reiseführer? Franzi und ich machen uns nacheinander auf, um Farben für den kalten Winter zu sammeln. Die Lisu – wenn es denn solche sind – tragen eine Tracht aus Samtstoffen. Schwarze (w) oder türkis-grüne (m) Pluderhosen, ein Oberteil aus lilafarbenem oder pinken Samt und darüber eine bestickte „Schürze“. Auf dem Kopf tragen sie hier zumindest kein spezielles Stück, meist werden Handtücher turbanartig umgebunden. Bei kleinen Kindern im Tragetuch sieht man ab und zu noch ein nettes Bommelkäppi. Klar ist auch, dass man auf dem Markt ja nicht seine Festtagstracht, sondern die Alltagsklamotten trägt. Daher halten sich auch die farbenfrohen Spiele in Grenzen, denn bei vielen Leuten gehören eben auch schon Jeans, Daunenjacke, Pulli und Flipflops zur Garderobe. Angeboten werden diverse Gemüse, wobei alles nicht übermäßig bunt und reichhaltig aussieht. Kunterbunt sind vielmehr die zahlreichen Stände mit chinesischen Schundwaren – von Plastikspielzeug über Plastikschuhe hin zu Plastikuhren und Plastikgeschirr. „…I’m of plastic, that’s fantastic…“

Ein ausgedehntes Frühstück folgt dem kulturellen Exkurs, erst gegen 11.30 Uhr setzt sich die Truppe in Bewegung. Wann ist die UV-Strahlung nochmal am höchsten? Zwischen 11.00 und 15.00 Uhr? Gut, wenn wir von halb zwölf bis fünf fahren, sind wir mittendrin statt nur dabei. Der Schweiß steht uns schon bei der Abfahrt im Gesicht, kein Wunder um die Uhrzeit. Der Anstieg zum ersten HP (Hochpunkt) hat nichts mehr mit einem Pass im radfahrertechnischen Sinne zu tun. Schweinerampen stehen uns entgegen – doch da wir Rampensäue sind, kämpfen wir tapfer im Saft. Die Schweißabflussrinnen vermelden Hochwasser, die Hände glitschen von den abgespeckten Lenkergriffen. Puh, wenigstens erheitern uns zwei im Schatten lungernde, apathische „Hilltribe-Flötenspielerinnen“ mit ihrem Getröte. Auf den weiteren Kilometern bis Mae Hong Son werden wir mit schöner Dschungellandschaft und Ausblicken auf die umliegenden Berge besänftigt, doch insgesamt sieht man wegen der Schweißmassen in den Augen und den diesigen Verhältnissen nicht allzu viel. Die sehr steilen Anstiege kommen zwar nicht ganz an die Prozentzahlen der „Phrao-Etappe“ hin, doch sie fordern aufgrund ihrer Länge durchaus die oberen Pulszahlen und die Maximalkraft. Macht irgendwie auch Spaß, wenn man es durchgetreten hat, ist aber wirklich ein Schweißperlenspiel. Auch der Schlussanstieg in die kleine, malerisch gelegene Tempelstadt bleibt uns nicht erspart. Unser angestrebtes Gästehaus ist voll, und da andere Unterkünfte entweder auch voll oder aber mäßig sind, landen wir in einem neuen, geräumigen Viererzimmer – eine Art Penthouse. Im „La Tasca“ wagen wir als Vorspeise Pizza, da die Steigungen irgendwie danach geschrien haben, doch satt sind wir noch lange nicht, und so schieben wir noch in einem anderen Lokal ein rotes Entencurry und Gemüse nach. Der Rückweg zur Unterkunft führt über den kleinen Markt, doch keiner macht ein Geschäft mit uns, Philip weigert sich einfach, ein T-Shirt mit der Aufschrift „1864 Kurven“ und einem Fahrrad darauf als Souvenir mit zu nehmen. Also geht’s zurück und ab in die Falle, denn alle sind ziemlich geschafft. Kann mir einer mal erklären, wie sich Anstrengung im Verhältnis zur Steilheit entwickelt? Muss wohl exponentiell sein.

19Jan2010