05.07.2010 (k) Stockholm

Gestern Abend 22 Uhr. Der kleine Junge winkt, wir sollen ihm auf den Felsen folgen. Ich folge ihm. Der kleine Junge führt einen Monolog. Er sprudelt über vor Worten, der Klang der Stimme verrät Begeisterung. Er ist fasziniert von der Sonne, die gerade hinter dem Wäldchen auf der anderen Seite des Sees versinkt. Er erzählt viel, die Sätze formen einen semantiklosen Brei in meinem Kopf, doch ein stumm anteilnehmender Zuhörer scheint dem Kleinen zu genügen. Ich teile seine Begeisterung. Ein schöner, noch warmer, dicker Felsen und vor uns das Bild, das die Sonne auf den Himmel und ins Wasser malt, und das man nur im Museum der unergründlichen Natur bewundern kann. Könnte ich Schwedisch, hätte ich seine Euphorie mit Worten teilen können, denke ich. Später sehe ich auf das Kennzeichen des Autos: Unsere Zeltnachbarn sind Norweger. Großeltern mit ihrem Enkel,6, und der Enkelin, 7. Das erfahre ich, am Morgen, wieder auf demselben Felsen – nachdem mir der Kleine fachmännisch erklärt hat, dass die Sonne jetzt auf der anderen Seite des Felsen steht – vom Großvater auf Englisch. Sie kommen aus Hammerfest und verbringen den Sommer mit den Kindern , denn sie möchten nicht, dass diese während des Sommers in den Kindergarten müssen. Sie sollen etwas erleben dürfen. Deshalb zelten sie mit ihnen und fahren von Vergnügungspark zu Vergnügungspark. Eine schöne Sache! Obwohl die Sonne sich heute hinter dunkelgrauen Wolken verschanzt hat, brechen wir mit dem Fahrrad in die Stadt auf, den so bedrohlich sieht das Wetter nicht aus. Wir lassen uns einfach erstmal in die Stadtmitte treiben und sind dann etwas damit beschäftigt, eine Wechselstube zu finden, weil wir alle noch Dollar haben, die wir gern in Schwedische Kronen verwandeln wollen. Als es uns schließlich gelungen ist, wird es Zeit für ein Mittagessen und ach wie praktisch, beim gut besuchten Italiener mit Lunch-Pizza wird soeben ein Tisch auf der Terrasse frei, den wir sofort belagern. Nächster Programmpunkt ist das Wasa-Museum. Uli, Matze und Molle sehen sich das Schiff und die dazugehörigen Ausstellungen aus der Nähe an – ich verzichte darauf, denn ich war ja vor knapp 20 Jahren schon einmal hier. Wie sich das anhört ! Jedenfalls besichtige ich ein paar alte Schiffe im Hafenmuseum und warte auf Molle, der ja eher ein Museumsschnelldurchläufer ist. Wir machen uns gemeinsam auf in die Altstadt, drehen aber zuvor noch eine großzügige Runde durch andere Viertel und genießen bei Kaffee und Muffin von einem Bänkle aus den Blick auf die Leute, die von und zur Fußgängerzone unterwegs sind. Zu sehen, auf wie viel Arten man Unicef-Mitgliedern, die für ihr Unternehmen werben wollen, ausweichen oder entkommen kann, ist besonders interessant.

Für 17.00 Uhr sind wir mit Uli und Matze vor dem Schloss verabredet. Die beiden kommen quasi direkt aus dem Museum. Ihre Begeisterung hat sie so lange darin festgehalten. So fahren wir noch eine Runde gemeinsam durch die Altstadt, was sich gut trifft, denn auch wir haben noch nicht viel gesehen von ihr. Die kleinen Gassen mit den verwinkelten, schattigen Plätzen, die sanften Rot-, Gelb- und Brauntöne und die Straßenmusiker vermitteln uns das Gefühl, irgendwo ganz weit im Süden zu sein. Da die großen Gassen mittlerweile allerdings vor Touristen nur so wimmeln, dehnen wir unsere Runde auch nicht mehr besonders lange aus, sondern machen uns auf den Rückweg zum geruhsamen Campingplatz. Der große, graue Ausblicksfelsen gibt noch lange seine gespeicherte Wärme ab, wie ein dicker Elefant und wir erholen uns alle bei Buch oder Musik von den Anstrengungen des Besichtigens. Zum Abendessen gibt es zweierlei Currys. Die Zutaten haben wir auf dem Weg in die Stadt im „Laos Market“ gekauft. Bedient wurden wir vom Besitzer im pakistanischen Turban und weitem Gewand. Ja, er komme aus Laos, sagte er. Sein Vater war allerdings Pakistani, seine Mutter Laotin. Seit die Kommunisten damals die Herrschaft übernommen haben, ist er allerdings schon in Schweden. Wir erzählten ihm, wo wir in Laos gewesen sind und er freute sich. Eine Zutatenempfehlung erhielten wir noch, und das Angebot, einen großen Topf bei ihm zu leihen, was wir allerdings ausschlugen. Ein lustiger Typ, der in uns sogleich „Heimweh“ nach Südostasien verursachte und ich konnte Molle nur aus dem Laden bringen, indem ich versprach, dass wir sicher auch wieder dorthin zurückfahren werden.