19.05.2010 (m) Shanhaiguan – Zushanzhen: 57 km, 600 Hm

Heute geht es endlich wieder los. Wenn man Schiff, Zug, Schiff und Zug nimmt und jeweils ein oder zwei Tage eine Stadt besichtigt, dann sind, ehe man sich versieht, zehn Tage verstrichen, ohne dass man ein paar Radkilometer absolviert hätte. Gut, möchte man sagen, wo ist das Problem? Andere reisen schließlich nur so. Eben: andere! Für uns ist und bleibt das Fahrrad DAS Reisemittel der Wahl und auch nach Monaten im Sattel finden wir uns gerne wieder dort ein. So sind wir halt: Sabbatradler.

Die Abfahrt verzögert sich aber noch ein bisschen, da ein paar organisatorische Dinge zu erledigen und die knurrigen Mägen mit Baozi zu füllen wären. So biegen wir erst um 11 Uhr auf die Hauptstraße ein, die uns nochmals an der alten Stadtmauer entlangführt. Wenig später schwenken wir nach links und befinden uns schon auf direktem Weg hinein in die Berge, die unter dem blauen Mittagshimmel genauso schön aussehen, wie gestern Abend. Schnell wird klar, dass wir wieder in China sind: schwer beladene LKW, lautes Hupen, Staub in der Luft, durchwachsene Straßenverhältnisse und deutlich mehr Müll und stinkende Abwässer in den Straßengräben. Aber eben nicht nur: lachende und winkende Menschen am Straßenrand, schöne Landschaften und immer wieder hoch oben auf den Bergzacken die Chinesiche Mauer thronend. Die drückende Hitze mildert heute ein scharfer Wind, der je nach Straßenführung mal unterstützt, mal hemmt. Manch einer wird sich vielleicht fragen: „Na, so toll klingt das aber jetzt nicht, in China Rad zu fahren. Warum machen die das immer wieder, immer noch?“ Es ist einfach die besondere Mischung aus allem, die auf uns diese Anziehungskraft hat. Ganz besonders sind es aber die Menschen, die die Räume mit ihrer speziellen Lebensart und ihren Traditionen prägen und uns immer das Gefühl geben, gern gesehene Gäste zu sein. Das ganz normale Chaos auf Chinas Straßen und in Chinas Städten lässt jeden Tag zu einem spannenden werden.

Trotz der Ablenkung durch einige faszinierende Mauerabschnitte verlangt uns die Strecke heute einiges ab. Wie schnell man doch vergisst: Das einzig berechenbare auf Chinas Straßen sind die völlig unberechenbar auftretenden Baustellen. Heute in einer ganz besonders nervigen Variante. Die Straße besteht aus Betonplatten, die an vielen Stellen ihre besten Tage gesehen haben. Daher werden sie ersetzt. Und das geht so: Mit einer großen Baumaschine werden im Abstand von zwanzig Zentimetern Löcher in den Beton gebolzt, damit anschließend der Beton von einer anderen Maschine bzw. Menschenhand vollständig zerhackt werden kann. Zwischen dem ersten und zweiten Schritt kann aber (scheinbar beliebig) viel Zeit vergehen, so dass man auf dem Rad in unregelmäßigen Abständen immer wieder kleine Geschicklichkeitsparcours durchfahren darf, möchte man nicht durch unterttellergroße Löcher hoppeln. Ganz besonders ungünstig für uns Radfahrer wirkt sich aus, dass die Platten auf beiden Fahrbahnen erneuert werden. Demzufolge muss sich der (rege) Verkehr immer wieder eine Spur teilen. Und in China gilt: Wer bremst, verliert. Hupen und draufhalten. Wir spielen da nicht mit! So heißt es für uns meist „Stop (im Straßengraben) and Go (wenn die Ungetüme vorbei sind)“. Die staubige und trockene Luft, die ständig ansteigende Straße und der Wind tun ihr Übriges. Ein letzter kleiner Pass und ein mehrere hundert Meter langer (natürlich unbeleuchteter), ansteigender Tunnel sind noch zu überwinden, ehe uns die Röhre in Zushanzehn ausspuckt. Die Schule ist gerade aus (18 Uhr!) und ein Haufen lachender Kinder empfängt uns. Zwei kleine Herbergen bieten sich im Ort, wobei die eine, nahe des Regierungsgebäudes vor allem mit hochnäsigen Typen, dreckigen Zimmern und Fantasiepreisen zu trumpfen versucht. Wir widerstehen und fahren ins Zentrum des Straßendorfes. Wir kommen uns dabei vor wie im Film „High Noon“ als der Gegner zum Duell eintrifft. Der Wind lässt die klapprigen Schilder schaukeln und aus den großen Fenstern der Lokale und Geschäfte wird jeder Schritt, den wir tun, beobachtet. Wir lassen uns nicht beirren, haben die Bewohner doch eine gern gesehene Waffe gegen Verunsicherung parat: ein Lächeln. Wir fragen uns zum „Lüguan“ durch und bekommen ein neu renoviertes Zimmer bei einer netten Familie. Nach der wohltuenden Dusche laufen wir auf der einen Straßenseite hinunter, auf der anderen wieder hinauf und prüfen das Restaurant-Angebot. Wir entscheiden uns schließlich für eines der geschätzten zehn Lokale (die wohl ihre Hauptgeschäft zur Mittagszeit haben, wenn die vielen LKW- und Busfahrer und der Gäsete Hunger bekommen) und werden nicht enttäuscht. Tofu, Kartoffeln, Gemüse, frisch und heiß, lecker und sättigend. Die Luft auf der Straße ist immer noch warm, als wir uns vom Koch verabschieden und gegenüber unsere Getränkeration für den Abend und morgen Früh einkaufen. Der ganze Ort weiß mittlerweile, dass zwei Langnasen heute über Nacht bleiben. Sie rufen, winken, fragen, lächeln. Schön wieder hier zu sein, schön dich zu sehen – China.

19Mai2010