08.02.2010 (k) – Dadugang – Simao: 77km, 1000Hm

Wir stehen auf, als die Disko vorbei ist. Das heißt, dass es bereits sehr hell ist, denn dadurch fällt unsere Diskolampe im Zimmer nicht mehr auf. Die Energiespar-Atomleuchte oder was immer sich hinter der Käseglocke an der Decke über unserem Bett verborgen hält, blinkt nämlich permanent im Discobeat. Und wenn es dunkel ist, erleuchtet sie – obwohl ausgeschalten – mit ihrem Blitzlichtgewitter den Raum. Wir haben uns einfach den Seidenschlafsack über die Augen gelegt und Molle hat sich gegen den passenden Bassbeat von der Disko in einem der Nebenhäuser, der bis spät in die Nacht zu hören war, auch noch die Ohren verstopft.

In der Baozi-Jiaozi-Nudelküche ist die Hölle los. Obgleich es schon halb zehn ist, ist der Andrang auf das leckere Frühstück groß. Der Hausherr füllt und formt in einem Wahnsinnstempo neue Bällchen, seine Frau faltet in Sekundenbruchteilen die Jiaozi (sofern sie nicht gerade die Nudeln für die Suppe kochen muss) und dennoch: Baozi sind leider aus und wir geben uns mit den Teigtäschchen und zwei Nudelsuppen zufrieden. Die Besonderheit des Südens: „Pimp your Suppe“. Hier bekommt man bloß die Reisnudeln in Brühe bzw. manchmal auch mit etwas Fleischsoße und kann dann je nach Geschmack alles selbst hinzufügen: Koriander, Frühlingszwiebeln, Sojasoße, Austernsoße, Essig, Chili, Chilisoßen, Erdnüsse, Sesam, Sprossen, Zucker, diverse Bohnenpasten, in Öl gehackten Knoblauch, eingelegt Schalotten oder auch Glutamat. Auch eine gute Idee, da bleibt wenigstens nicht so viel in der Schüssel, was die Leute nicht mögen. Gut gerüstet starten wir – nicht ohne noch eine Tüte jetzt wieder verfügbare Baozi unters Gepäcknetz zu klemmen.

Der Radtag beginnt gemütlich mit einer 25 Kilometer langen Abfahrt. Die Menschen in den etwas tiefer gelegenen Dörfern beginnen bereits wieder mit Reis einsetzen. Bunte Reihen stehen  in den gewässerten Feldern und stecken in gebückter Haltung Pflanze für Pflanze in die Erde. Ein klassisches Asien-Bild in unseren Köpfen. Das Nebenfeld muss noch gepflügt werden. Ein Ochse kämpft sich durch den Schlamm, der Bauer lässt sich auf der Pflugplattform hinterherziehen und gibt Peitschenkommandos.  Unten, im breiten, fruchtbaren Tal sehen wir wieder die noch nicht allzu stark befahrene Autobahn. Das Tal bietet reichhaltigen Ertrag. „Happy Papaya“ steht auf einem Schild vor einer Plantage. Außerdem wachsen  Mais, Soja, Kohl, Getreide, Tomaten und – unter großen Flächen von Gewächshaustunneln – verschiedene Gemüse. Auch die Bananenernte ist im Gange. An beiden Enden eines Bambusrohres hängt jeweils eine große Staude der grünen Gekrümmten. Der Schleppmensch dazwischen fällt kaum auf, ist wahrscheinlich ob der Last noch einen Meter kleiner als eh schon klein. Kurz vor der Verladung auf den LKW werden die Früchte gewaschen (oder in Gift getunkt?) und in die jedem bekannten, besten Umzugskisten verpackt. Am Ende des Tals, wo die Autobahn wieder in einen Tunnel verschwindet, heißt es für uns noch ein paar hundert Höhenmeter zu bewältigen. Außer einigen LKW, die mal wieder Chinas Lieblingsladung (Dreck oder Steine ) geladen haben, begleiten uns nur die zahlreichen roten und weißen PKW der Fahrschulen. Verständlich, denn erstens hat es hier fast keinen Verkehr und zweitens kann man bis zur Vergasung „Anfahren am Berg“ trainieren. Die Fahrschulautos sind immer voll. Ab und zu wird angehalten und der Fahrer gewechselt. Wer grad Pause machen darf, raucht schon mal auf dem Rücksitz eine überdimensionale Bambuswasserpfeife. Über einen Stausee hinaus erreichen wir den höchsten Punkt. Von hier gleiten wir gemächlich hinein nach Simao, das auch Pu’er (ein paar Mädels wird der „ich will keinen Hunger haben“-Tee bestimmt bekannt sein) genannt wird. Nicht weit müssen wir fahren, da liegt rechterhand einmal wieder ein brandneues Hotel. Kann kaum älter als einen Monat sein! Nichts wie rein, unter die Regendusche und dann ab zum Essen. In einem vollen Lokal, dessen Spezialität augenscheinlich ein Jumbo-Nudeltopft ist, bestellen wir allerdings Gerichte von unserer mitgebrachten Speisekarte. Zwei der Bedienungen können etwas Englisch und freuen sich, es anwenden zu dürfen. Unsicher und doch ein bisschen stolz, stellen sie Fragen, bieten ihre Hilfe an und bringen uns die Getränke mit Erklärung: „Here is your beer.“ Noch entzückender ist der Satz: „Here is your food“ – offenbaren sich uns doch wieder wahre Gaumenfreuden – so  besonders würzig und lecker!  Das Hohelicht: „Tie ban niu rou“. Na, wer laut liest hört es vielleicht: feinste Rindfleischstreifen mit Knoblauch, Zwiebeln und grünen Chilis auf einer gusseisernen Brutzelplatte (Tepan-Rindfleisch eben). Um morgen wiederkommen zu können beschließen wir spontan einen Ruhetag in Simao. Das muss ausgenutzt werden!