01.11.2009 (k) – 18 km

Oberhalb der Altstadt Dalis ziehen sich die Häuser die Hänge hinauf, bis es steiler wird, und Bäume die Häuser verdrängen. Auf meiner morgendlichen Runde durch diesen Teil der Stadt folge ich auch heute wieder neuen Gassen, viele von ihnen noch mit dem ursprünglichen Steinpflaster. Eigentlich wollte ich einen Blick um den zweiten großen Tempel werfen, doch die verzweigten Sträßchen führen mich immer weiter hinauf. An vielen Hauseingängen sind große Räucherstäbchen frisch aufgestellt und als ich um eine Ecke biege, stoße ich um ein Haar mit der Stäbchenverkäuferin zusammen. Schrill und laut ruft sie mir unverständliche Worte und schlurft mit ihrem Bambuskorb auf dem Rücken an den Häusern vorbei: den Rücken leicht gebeugt, in ihren traditionellen Kleidern und mit einem Gesicht, in das das Leben schon so manche Furche gezeichnet hat. Meine Straße endet an den Toren eines Gefängnisses, das hier an der Waldgrenze klebt. Um nicht irgendeinen scharfen Wachhund an der Wade zu haben, drehe ich lieber einige Meter vor der Schranke und dem Stacheldraht um.

Die Aussicht und der Himmel sind heute im Vergleich zu den letzten 14 Tagen etwas betrübt. Viele Quellwolken ziehen über die Bergkette und belagern den See. An unserer Tagesgestaltung ändert dies jedoch nichts. Wir lümmeln den Nachmittag auf dem Sofa eines gemütlichen Restaurants, lesen, essen und trinken starken Yunnan Kaffee. Gegen Spätnachmittag rollen wir die 18 km nach Xiaguan zurück, nehmen noch eine Nudelstärkung ein und begeben uns dann gut zwei Stunden vor Zugabfahrt zum Bahnhof. Das Gebäude, das vorgestern fast verlassen schien wird gerade von Menschenmassen geentert, die alles auf den Nachtzug nach Kunming wollen. Da ist man doch froh, wenn man weiß, dass man sicher ein Ticket hat – kaum zu glauben, dass so viele Leute in einen Zug passen sollen.

Vor der Sicherheitsschleuse müssen wir bereits die Räder zerlegen und einpacken, was bedeutet, dass ab jetzt wieder das ätzende Geschleppe losgeht. Die Tatsache, dass wir unser gesamtes Gepäck auf einmal tragend fortbewegen können ist zwar von Vorteil, leicht ist das Ganze aber trotzdem nicht. Bis zur Wartehalle geht es nur eine Treppe hoch, dann sitzen wir inmitten der wartenden Meute, die schnattert, schreit, telefoniert, rotzt, hustet, niest und teilweise schon drängelt. Das System, dass alle Zugpassagiere erst 20 Minuten vor Zugeinfahrt auf den Bahnsteig dürfen, führt zu einem unnötigen Menschenauflauf und Gedrängel vor den Toren zu den Gleisen. Als es soweit ist, reihen wir uns hinten ein und beginnen den Marsch auf den Zug. Bereits am Ende der langen Überführung ist unser Puls auf gefühlten 230. Jeder hat seinen Rucksack, Molle trägt die Räder, ich alle vier Packtaschen. Von oben sieht man den gesamten Zug im Dunkeln leuchten: mein Gott, ist der lang! Hoffentlich müssen wir nicht so weit! Wir stolpern in der Masse, die an uns vorbeihetzt, die Treppe hinunter. Gut, dass wenigstens genügend Zeit ist, bis zur Abfahrt. Eine gute Viertelstunde sollte genügen. Am Bahnsteig dann die Gewissheit: neben uns steht Waggon 1. Auf unserer Karte steht Waggon 14. Ach du Sch… wie lang ist so ein Waggon? Wir versuchen schneller zu gehen, doch ich komme mir vor wie eine schnaubende, 100kg wiegende untrainierte Walze. Alle 30m müssen wir stehen bleiben und nach Luft schnappen. Wir tauschen nochmal das System: jeder nimmt seine Taschen und sein Fahrrad. Doch leichter wird es nicht. Auf Höhe Waggon 10 erbarmen sich dann doch zwei Männer, die uns überholen. Unser Japsen hat sie wohl auf uns aufmerksam gemacht. „Can we help you?“ – „Yes, aber klar!“ Wir sehen, wie die beiden dann auch mit unseren Packtaschen kämpfen und sind glücklich, als wir am Kopf des Zuges ankommen. Waggon 14 ist der allererste Waggon – wie auch sonst? Wäre ja sonst langweilig. Die Radtaschen passen perfekt auf die untere Liege, die Packtaschen darunter. Alles perfekt verräumt. Es bleiben noch ein paar Minuten zum Ausschwitzen. Nicht daran zu denken, was wäre, wenn ein Zug hier nur kurz halten würde. Aber dann dürfte man vielleicht auch früher auf den Bahnsteig um sich zu positionieren. Hätte man uns erlaubt, die Räder bis zum Zug zu schieben, wäre noch immer genug Zeit geblieben, die Dinger einzupacken. Aber das kann ich nicht auf Chinesisch erklären, und es würde wahrscheinlich auch gar nichts bringen. Als der Zug anrollt, sind wir mal wieder froh, dass alles geklappt hat und wir helfende Arme gefunden haben. Und still denken wir uns: Räder sind halt zum Fahren da!