06.02.2010 (k) – Jinghong – Mengyuan: 35km, 700Hm

Ich habe schlecht geschlafen. Die Situation von Stone geht mir doch ziemlich nach. Sollten wir nicht einfach heute noch hierbleiben, in den Radladen gehen, ein Mountainbike kaufen und es Stone schenken? Diese Idee beschäftigt mich eine Weile, als ich mein Zeug packe. Molle meint, dann sei ihm auch nicht geholfen, und doch denke ich, dass es etwas wäre, was er sich so schnell nicht leisten können wird und was den Aspekt „Vergnüngen“ in sein Leben bringen würde. Doch die praktischen Argumente sprechen wieder dagegen: was soll er mit einem Rad, wenn er kaum Genug Geld für die Familie und sein Leben hat; wie sollen wir ihn heute finden; wir kennen seine Situation gar nicht gut genug, es ist sicher nicht sinnvoll, ihm einfach ein Fahrrad hinzustellen und morgen wieder zu verschwinden. Keine Ahnung, ob diese Gründe stichfest sind, doch sie genügen, den Hauch einer Idee zu zerstören und den eigenen Stiefel weiterzumachen. Auch, wenn ich mich dabei heute gar nicht gut fühle. Mir ist klar, dass wir andauernd Menschen sehen, die objektiv noch viel ärmer dran sind. Immerhin kann er studieren und wenn er will, noch wirklich was aus seinem Leben machen. Dennoch hat es mir wieder gezeigt, wie unfair diese Welt ist. Wie sehr hier für Dinge gekämpft werden muss, die bei uns selbstverständlich mit Füßen getreten werden (betrachtet man beispielsweise die Einstellung mancher unserer Schüler). Wie einfach im Grunde alle Menschen gestrickt sind – genug zu essen und ein bisschen Wohlstand für jeden und die Welt wäre wahrscheinlich ein friedliches Paradies. Kommunismus? Träum weiter! Wach auf. Pack zusammen und schwing dich auf dein Fahrrad. Ganz nach dem Motto: die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit.

Wir folgen dem GPS aus der Stadt hinaus und auf die alte Straße Richtung Simao. Es gibt einen neuen Expressway seit 2006, den alten Highway, der einer Landstraße gleicht, und das ganz alte Sträßchen, das sich hoch über beiden in die Berge windet. Wir schlängeln uns hinauf – nur wenige Häuser finden sich auf der Strecke. Der Ausblick auf die umliegenden Berge und das im Dunst versunkene Jinghong lassen die Radelfreude zurückkehren. Nur ganz wenige Fahrzeuge wählen auch unsere Strecke, wunderschön für uns! Nach einer erholsamen Abfahrt erreichen wir Mengyuan und überlegen, ob wir nicht gleich hier bleiben sollen. Bis Dadugang sind es noch gut 50 Kilometer, so weit wollten wir heute sowieso nicht. Wir wollten es ja gemütlich angehen lassen. Und ob wir am Eingang des Sanchahe Nationalparks, der noch ca. 20 Kilometer entfernt ist, wirklich einen Platz in einer der Unterkünfte bekommen, ist fraglich. Immerhin ist in einer Woche das Ereignis des Jahres – Neujahrsfest. Unterkünfte können jetzt schon überfüllt und überteuert sein. Tja, und was entdecken meine Neubau-Glupscher direkt neben uns? Ein Hotel. Twin-Room 5 Euro, Suite das Doppelte. Na, wenn wir schon so früh dran sind! Im Raum stehen zwei Blümchensofas, ein weißes Doppelbett, ein weißer Kleiderschrank, ein Schreibtisch mit einem Computer samt Webcam und Kopfhörern (leider ist noch kein Betriebssystem auf dem PC, was das Benutzen erschwert), ein Wasserkochgerät. Das Tollste: Lichtschalter, Steckdosen und Fernbedienungen sind mit Rosentüllstoff ummantelt!

Auf unserer nachmittäglichen Tour die Stadt schießen wir eine Runde mit orangenen Plastikgewehren und bunten Plastikkugeln auf ebensolche Luftballons. Gute Gewehre, sogar ich lande einige Treffer. Wir bestaunen die Unmengen an Böllern, die zum Verkauf für das baldige Spektakel ausliegen und schlürfen ein Bierchen im städtischen Park. Dieser füllt sich mit dem nahenden Abend. Wir beobachten die Rückwärtsläufer, die Händeschwinger, die Rundendreher, die die Spaziergänger, die Ratscher und die Kinder, die Fangen spielen. Ein Oase der Gemütlichkeit.