26.05.2010 (k) Besichtigungstag in Chengde

Da hat er sich ja was Tolles einfallen lassen, der Qing Kaiser Kangxi, 1703, als er den ersten Palast im Luftkurort Chengde anlegen lies. Mit ganz viel Platz zum Jagen, Flanieren, Enten füttern, Schmetterlinge beobachten, Schlafen und Essen. Und wenn es dann mal was zum Planen, Strategisieren oder Diskutieren gab, dann konnte er sich mit den jeweiligen Herrschern in den Regierungstrakt zurückziehen. Oder aber in einen seiner acht Tempel, die außerhalb des eingemauerten, 5,6 Quadratkilometer großen Bergerholungsebiets erbaut wurden. Tempel, die die Größe und die ethnische Vielfalt des Reiches symbolisieren. Der Pule-Tempel ist in Teilen dem Himmelstempel in Peking nachempfunden, der Anyuan-Tempel dem Gulja-Tempel in Xingjiang und für Freunde (oder Feinde?) aus Tibet wurden gleich mal der Putuo Zongcheng Tempel errichtet – auch genannt der kleine Potala – und der Xumi Fushou Tempel, der ein Replikat des Tashilunpo aus Shigatse ist. Letztere sind auch die einzigen, die wir uns hier heute ansehen wollen. Einerseits ist das eine Sparmaßnahme, denn würden wir in jeden Tempel und ins Bergeerholungsgebiet hinein wollen, wären wir mal eben 50 Euro pro Kopf los. Andererseits sind wir auch zu faul, durch die riesige Anlage aus Seen, Wäldern und ein paar Gebäuden zu latschen. Die tibetischen Nachbauten interessieren uns mehr und da es sowieso nur ein Kombiticket für die beiden gibt (10 Euro), kaufen wir eines und machen „Tempel-Sharing“. Molle besichtigt den kleinen Potala, ich den Tashilunpo. Wirklich bizarr, diese Anlagen hier stehen zu sehen. Sie passen einfach gar nicht hierher. Es wandert kein dunkelhäutiger, langhaariger Pilger im Yakfell herum, keiner schwingt eine Gebetsmühle, singt ein Mantra oder wirft sich nieder. Das hier ist ohne religiöses Leben – nur zum Anschauen. Ein Museum eben. Die Bauten sind durchaus eindrucksvoll mit ihren alten Holzverzierungen und der originalgetreuen Imitation, doch sie verbreiten natürlich kein tibetisches Flair. Der Potala ist innen relativ leer – ein paar goldgefärbte Stupen aus Plastik wurden ebenso nachträglich aufgestellt wie die Billigvariante von ein paar Gebetsmühlen. Im Nachbartempel finden sich dagegen viele buddhistische Gottheiten aus Holz. Sie wirken alt und sind interessant anzusehen. Die verschiedenen Tempelhallten ziehen sich den Berghang hinauf, wo die Anlage in eine Pagode mündet. In der letzten Halle findet sich sogar eine Sonderausstellung zum „Lebendigen Buddhismus Tibets“. Ach schau einer an. Es sind tolle Bilder von Tibet, betenden Mönchen in roten Kutten, dem echten Potala und anderen Gebirgstempeln in Plakatgröße ausgestellt. Dazu eine nicht unbeträchtliche Anzahl kleiner, goldener Statuen, die nicht nachgemacht aussehen. Fehlt nur noch ein großes Porträt des Dalai Lama. Doch wer kann schon so weit gehen? Ich werde nicht ganz schlau aus dem Ganzen. Die Tempel dienten damals wohl dem Empfang von Delegationen aus Tibet, der Mongolei und dem Gebiet der Uiguren. Beherrschte der Enkel des Kangxi-Kaisers, der Qianlong-Kaiser, doch tatsächlich neben seiner eigenen chinesischen Sprache auch Mandschurisch, Mongolisch, Uigurisch und Tibetisch. Man vermag es sich gut vorzustellen, dass hier wirklich versucht wurde, die Beziehungen zwischen der chinesischen Zentralgewalt und den Stämmen der abgelegenen Gebiete zu verbessern. Wäre doch auch noch was für die heutige Zeit, oder? Und was bedeutet die Ausstellung? Propaganda im Stile „wir sind tolerant, es besteht Religionsfreiheit, wir sind stolz auf das tibetische Volk und seine Religion? Folklore? Touristenattraktion? Echtes Interesse? Den Chinesen, die mit ihren roten Käppis durch die Tempel ihrer Führerin hinterherhetzen ist das wahrscheinlich egal. Hauptsache, dagewesen! Und ein Foto darf natürlich nicht fehlen: „Ich vor der Mauer“! „Äh, … wo war das nochmal?“, werden sie sich vielleicht in ein, zwei Jahren fragen, weil außer ihnen und einem Stück rote Wand nichts zu erkennen ist.

Besichtigen ist fast immer anstrengender als Radfahren, finden wir. Es ist schwül-heiß, der Himmel hat sich bedrohlich grau gefärbt, doch die Sonne stupst uns mit ihren Tentakeln trotzdem noch an. Der Hunger lässt uns zügig zurückradeln. Auf dem Weg hüpfen wir in ein Restaurant, das einladend aussieht. Doch schon am Tisch sitzend und von vier erwartungsvoll blickenden jungen Obern umringt, müssen wir nach einem Blick in die Speisekarte leider feststellen, dass wir hier fehl am Platz sind. Es ist eine „Hot-Pot“-Variante. Jeder bekäme einen kleinen Topf einer ausgewählten Suppe vor sich auf die Induktionsplatte, der dann mit allem, was man von der Karte gewählt hat (von Meeresgetier über Fleisch, Nudeln, Gemüse und Undefinierbares) gefüllt würde. Für einen kurzen Snack ist uns das zu viel und zu teuer. So lassen wir die verdutzten Jungs leise „duibuqi“ (entschuldigung) murmelnd stehen und fahren ins Zentrum direkt in das Restaurant von gestern Abend, das hervorragende gebratene Jiaozi (mit allein 10 möglichen vegetarischen Füllungen) und eine günstige Nudelsuppe zu bieten hat. Gerade das, worauf wir Lust haben. Obwohl der Himmel sich so verdunkelt hat, regnet es bis zum Abend nicht. Ein Blick auf die Wetteraussichten lässt allerdings auch unsere Züge verdunkeln: in der geplanten Region (wir hatten vor, einen Abstecher hinauf in die innere Mongolei zu machen, ein wenig Grasland zu schnuppern und von dort den Bogen nach Peking zu schlagen; das wären gut 900 km und käme zeitlich ganz gut so hin) soll es die nächsten sechs Tage regnen. Jetzt müssen wir wieder überlegen, wie wir weiterfahren wollen. Wir wollen eigentlich nicht über eine Woche in Peking sitzen, sondern noch etwas mehr von der Region sehen. Wenn wir uns allerdings zu weit nach Norden bewegen und dort wegen schlechten Wetters festsitzen, ist das auch nicht gerade spannend und hat vielleicht wieder einen Transport zur Folge. Na, wie immer wird sich wohl alles zeigen.