21.12.2009 (k) Ban Ahong – Nong Khai: 120 km, 100 Hm

Die  aufgehende Sonne tönt den Wat Ahong, der mit goldenen Stupas die Engstelle im Mekong markiert, wo sich bereits schon wieder die Fischer in ihren Booten auf den Fang des Tages vorbereiten, in ein güldenes Licht,  wie noch vor 12 Stunden die untergehende.

Auf zwei kleinen, pinken Plastiktabletts liegt für die einzigen zwei Hotelgäste die Frühstückscombo aus: eine Packung Cräcker, ein gefüllter Vakuumbiskuit und Platz für eine Tasse Kaffee, die man sich selbst aufbrühen kann. Optimal für einen frühen Start – wir lassen die schmucken Gassen des authentischen Dorfes kurz nach halb acht hinter uns. 115 km zeigt der Kilometerstein am Rand bis Nong Khai – der nächste zeigt 28 km bis Pak Khat, dem nächsten größeren Örtchen. Die Straße schneidet eine Flussschleife innerlands ab, es ist flach und kühl, gegen neun Uhr zeigt der Stein die Null. Eine fröhlich klingende E-Gitarrenmelodie und dazu begleitende Trommeln reißen uns mitten in der Ortsdurchfahrt aus unseren monotonen Morgengedanken – wir fahren von hinten auf einen Menschenzug auf. Zuerst denke ich an einen Trauerzug, vorn fährt ein Pickup voraus, wir sehen noch nicht, was der geladen hat – doch die Musik tönt dafür zu fröhlich. Als wir die tanzende Menge überholen  erkennen wir, dass auf der Ladefläche unter einem Sonnenschirm ein junger Mann sitzt: er sieht sehr seltsam aus in seinem weißen Gewand, seinem langen, spitzen, weiß-goldenen Zauberhut auf dem kahlen Haupt und einem Bündel von Geldscheinen zwischen den Lippen! Um diesen Moment fotografisch festzuhalten positionieren wir uns vor dem Zug und drücken auf den Auslöser. Schnell hat uns die feiernde Menge wieder umarmt und die whiskeyduftenden Atem laden uns ein, mitzukommen. Herabfallende Bonbons werden uns in den Mund geschoben, ich bekommen Bussis von einer lustigen Dame auf die Backe, Arme winken, dass wir uns doch dem Zug anschließen sollen. Die Neugier hat uns in ihren Klauen – was machen diese Leute – warum sind sie so früh am Tag schon in einer Whiskeylaune, was macht der arme Junge mit dem Geld im Mund? Wären wir jetzt schon in der Türkei, würde ich auf eine Beschneidung tippen, doch als der Zug nach links in Richtung Tempel abbiegt, können wir schon erahnen, um was es geht. In der Menge tanzen wir hinauf zum Wat, das herrlich etwas oberhalb des Orts zwischen großen Felsen liegt, in die die einzelnen Räume und Tempelchen integriert sind. Die fröhliche Menge umrundet den Komplex dreimal, während ich nach einer Runde eine persönliche Tempelführung von einem netten, älteren Teilnehmer mit Strohhut bekomme und Molle die wartenden Mönche in Orange beobachtet. Die Lage des kleinen Klosters ist außerordentlich schön, ein paar Mönche sitzen noch vor ihren Zimmern, alles ist überschaubar und wirkt total entspannt. Wo, wenn nicht hier kann man besser die Erleuchtung erlangen? Uns ist mittlerweile klar, dass der Junge im albernen Hut das in den kommenden Monaten oder Jahren auch versuchen wird: wir sind dabei, als er dem Kloster übergeben wird und er mit Mönchskutte und Bettelnapf eingekleidet wird. Die ganze Zeremonie dauert eine gute Stunde. Die Großfamilie und einige Bekannte sitzen am Boden des Raumes, der von einer Seite von einem Naturfelsen begrenzt wird. An den Fuß des Felsens hat sich ein 5 Meter langer, goldener, gutmütig blickender Buddha liegenderweise angeschmiegt, einige kleinere Exemplare sitzen aufgereiht nebeneinander und warten gelassen ab. 10 Mönche sitzen in Gassenaufstellung und 90 Grad Drehung zum obersten Mönch, der die Zeremonie leitet, auf ihren Sitzkissen und stimmen in die Gesänge und Gebete, die benötigt werden, mit ein. Nachdem der Novize ordentlich in sein neues Gewand gekleidet wurde, erhält er feierlich den noch original verpackten Bettelnapf. Dann muss er ein – uns natürlich unverständliches Gelübde ablegen. Alles läuft recht ruhig ab, die „Gemeinde“ scheint gar nicht alles genau mitzubekommen – teilweise, weil die Worte des Obermönchs nicht an sie gerichtet sind, teilweise aber weil sie – wie bei uns in der Kirche auch – unaufmerksam sind und Nebengespräche führen. Eines davon ist zum Beispiel die Klärung der Frage, ob wir noch mit zum Essen der Familie kommen. Wir versuchen zwar klarzumachen, dass wir heute noch über 90km bis Nong Khai radeln müssen – doch man kann die Einladung kaum ausschlagen. Wenn Vater und Mutter des neuen Mönchs uns gerne bei ihrem Fest dabei hätten – wer will da schon nein sagen.

Nachdem endlich das letzte Foto mit uns, Mönch, Mama, Papa, Bruder,….im Kasten ist und alle Geschenke (vorwiegend bunte Kissenteile) und Geldgaben an den Mann gebracht wurden, brechen wir zu Fuß auf, um zum Haus der Familie zu laufen. Als wir uns noch einmal umdrehen, um die tolle Stupa zu bewundern sehen wir blanke Füße unter einer ockerfarbenen Kutte langsam die Stufen zum Schlaflager hinaufsteigen. Diese Füße werden heute nicht mehr ausgelassen feiern – die Familie dafür umso mehr! Das kleine Holzhaus langt nicht aus, um alle Gäste an diesem Feiertag zu bewirten, und deshalb sind auf der Staubstraße vor dem Häuschen noch zwei Partypavillons mit Tischen und Stühlen bereitet, an denen sich sogleich die älteren Herren zum Whiskey-Weitertrinken versammeln. Wir können diesen glücklicherweise ablehnen und begnügen uns mit einem Bier, Wasser, gekochtem Wasserbüffel (etwas zäh und mit dicken, schwarzen Borsten-Haaren), gegrilltem rotem Fleisch, Klebreis mit Hähnchen im Bananenblatt, Reisnudeln mit Soße und Green Papayasalad. Es wird kräftig aufgefahren und zugleich aufgedreht – die richtige Karaoke-DVD darf natürlich nicht fehlen! Ich tanze mit den Frauen zu den fetzigen Liedern über die Veranda, Molle betreibt interkulturelle Konversation. Wir zeigen und verschenken noch Bilder von uns, bekommen im Gegenzug auch einige geschenkt, wir tauschen Emailadressen und Namen aus und vergnügen uns mit Hand und Fuß, denn Englisch kann hier niemand (die ganz jungen Mädels können ein paar Brocken). Als wir lachend und winkend die Gasse hinunterfahren und in die Hauptstraße einbiegen, passieren wir genau drei Stunden später die Stelle, an der wir zuvor den Zug getroffen hatten. Eine tolle, fröhliche Erfahrung, die wir an diesem Vormittag geschenkt bekamen, mit lustigen, herzlichen und extrem gastfreundlichen Menschen.

Noch beschwingt treten wir an, doch die Realität holt uns ein: ein Bier in den Gliedern und 90 Kilometer sowie 5 Stunden Tageslicht vor uns! Wir spielen mit dem Gedanken, in Phon Phisai, 45 km vor Nong Khai, einen Bus zu nehmen, doch je näher wir dem Ort kommen, desto klarer wird, dass wir schon noch die gesamte Strecke radeln können. Unterwegs kann ich noch bei der Geburt eines Kalbes zusehen – die Frau, die die Kuh am Strick hält, winkt mich herbei, als ich gerade für ein anderes Foto halte.

Wir stärken uns also in Phon Phisai nur schnell mit ein paar Getränken und Fertigsuppen aus dem Seven Eleven und strampeln dann bis kurz vor Sonnenuntergang über die fast ebene Weite.

Nong Khai wirkt auf den ersten Blick etwas schmuddelig, das von uns vorgebuchte Hotel hat ebenfalls weniger Charme als im Internet beschrieben, doch das alles tut dem Genuss des Ankommens keinen Abbruch. Wir haben heute viel erlebt und sind viel geradelt – was will man mehr? Achja, viel essen …na dann los!

21Dez2009