Das Zhong-An Hotel ist ein echter Glücksgriff. Für nicht einmal 15 Euro pro Nase sind wir mitten im Zentrum Pekings in einer Oase der Ruhe untergebracht. Im Zimmer sind zwei Wände gelb, eine rosa und die Fiesen im Bad sind blau und grün. Erfrischend bunt – einmal nicht das Einheitsweiß mit dunklen Hotelmöbeln. Ein ganz leises Brummen erinnert uns ab und an daran, dass wir in ein paar Tagen die Stadt mit dem Zug verlassen werden. Das Zhong-An liegt in einem schmalen Hutong direkt an den Gleisen, nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt. Von den Zimmern nach Süden könnte man auf die Gleise spucken, doch unser Zimmer geht zum Innenhof und wir bekommen von den ein- und ausfahrenden Zügen so gut wie nichts mit. Stattdessen können wir hinunterblicken auf Stühle und Tische im Innenhof. Die gelben Wände, der barocke Harfenspieler vom Steinmetz, die Palmen im Hof. Der heiße Sommerwind zerstrubelt unsere Haare – als wären wir schon zurück in Europa, als säßen wir irgendwo in Italien. Sanfter Abschied, nennt sich so etwas, oder?

Früh wollten wir dran sein, um den Tiananmen-Platz zu sehen, bevor er voller Leute ist. Aber wer uns kennt weiß, dass wir zu einem „Früh“ nicht in der Lage sind. Um halb neun nähern wir uns mit den Rädern und sehen schon von weitem die wartenden Busse und die Fähnchenträger mit ihren Gruppen. Der Platz hat auch eher eine symbolische Bedeutung als dass er an sich sehenswert wäre. Wir fahren außen entlang, denn auf den Platz kommt man nur zu Fuß, nach Durchlaufen der Sicherheitsschleusen. Es ist unglaublich, welche Menschenmassen anstehen, um einem der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte, der sich zu Recht hinter ganz dicken Mauern verschanzt hat, um seine ewige Ruhe zu finden, ihre Ehre zu erweisen! Noch immer muss man sich sein Konterfei ansehen, wenn man vom Platz zur verbotenen Stadt hinschaut. Schauerlich! An beiden Seiten des Platzes sind Bauwerke platziert, wie man sie sich vorstellt, wenn man an kommunistische Staaten denkt. In grau-braun hingek(l)otzt. Nationalmuseum und Nationalversammlungshalle. Wir haben zwar mit einem hohen Besucheraufkommen gerechnet, doch so einen wuselnden Menschenbrei hatten wir nicht erwartet. Einmal mehr finden wir die Menschen interessanter als die eigentliche Sehenswürdigkeit. Wir fahren auf die Westseite der verbotenen Stadt und verschaffen uns für einen Pfennigbetrag Eintritt zum kleinen Zhongshan-Park. Hier herrscht eine selige Ruhe. Die fließenden Zeitlupenbewegungen der Tai-Chi-Übenden passen perfekt ins Bild. Der Park grenzt an den Wassergraben, der die verbotene Stadt umschließt. Wir gehen noch durch bis zum Palastvorplatz, der für alle ohne Ticket zugänglich ist und schauen eine Weile den Menschenhorden zu. Wie eine Infanterie, losgeschickt die Schätze des Palastes zu erobern, immer dem eigenen Feldmarschall mit der gehissten Flagge hinterher. Auf in die Schlacht um das unpassendste Erinnerungsfoto. Wir desertieren unbemerkt durch den geruhsamen Park zurück zu unseren Drahteseln, die uns zum nördlich der verbotenen Stadt gelegenen Jingshan Park bringen. Dort steigen wir hinauf zum höchstgelegenen Pavillon und betrachten den Palastkomplex von oben. Die Sicht ist heute leider wirklich unter aller Kanone – um bei der militärischen Ausdrucksweise zu bleiben – doch reicht sie gerade noch, um die Ausmaße der verbotenen Stadt zu erkennen.