07.11.2009 (k) – Chengjiang – Tonghai: 93km,700 Hm

Als wir uns um 8.00 Uhr aus den Federn schälen und einen Blick aus dem Fenster werfen, sehen wir schon die hellen Strahlen der Sonne – von der wir netterweise nun schon sehr viele Tage verwöhnt werden –über der Stadt. Die einschlägigen Etablissements, die in unserer Straße gestern Abend durch bunte Sofas mit leicht bekleideten Mädchen darauf und große Plakate mit sich küssenden, halbnackten Paaren, auf sich aufmerksam gemacht haben, haben ihre Rollläden herunter gelassen. Nur die Omi, die gegenüber des Hotels in ihrer „Garage“ einen kleinen Laden hat, ist schon wieder auf den Beinen. Gestern Abend habe ich noch etwas bei ihr gekauft, und als wir um halb elf ins Bett gingen, saß sie noch immer auf ihrem Stuhl hinter dem Verkaufstresen. Ein 15 Stunden Tag und 7 Tage die Woche wahrscheinlich. Man kann nur hoffen, dass damit wenigstens genug zum Leben hereinkommt.

Das Hotel bietet ein vielseitiges Frühstück, mit einem besonderen Highlight: am Buffet ist eine kleine „Nudelküche“ aufgebaut. In Schalen bereit stehen Eiernudeln, Reisvermicelli, Reisbandnudeln und Reisspaghetti. Man wählt eine Nudelsorte aus, die Nudelköchin versenkt den erwählten Inhalt vor Ort in einem großen Topf mit kochendem Wasser. Während die Nudeln kochen, wird die Schale mit Frühlingszwiebeln, Kräutern und etwas Brühe bereitet. Dort hinein kommen sodann die fertigen, dampfenden Nudeln. Obendrauf kann man nun die leckere Hackfleischsoße platzieren, wer möchte, fügt noch etwas „Scharf“ oder Sojasoße hinzu. Unsere perfekte Stärkung für den Tag.

Fünf Kilometer vom Hotel entfernt biegen wir auf die Uferstraße des Fuxian Hu ein. Dieser See ist der tiefste Yunnans und hat eine dementsprechend dunkle Farbe. Die Straße ist hier vierspurig mit Seitenstreifen. In der Mitte ist sie durchgehend mit kleinen Bäumen begrünt, die sicher in ein paar Jahren eine dichte Hecke bilden. Der Duft der Kiefern, der Blick auf das tiefblaue Wasser, das vom Wind aufgewühlt wird und sich zu Wellen aufbäumt, die kleine weiße Schaumkronen bilden, die hügelige Küstenstraße und die warme Sonne versetzen mich plötzlich in ein anderes Land. Es würde mich nicht wundern, wenn um die nächste Ecke eine Lavazza-Bar oder eine Pizza al Taglio Bude auftauchen…ach nein, etwas spricht dagegen, dass wir in Italien sind: die Straße ist einfach zu gut und breit, der Verkehr zu gering! Nach 16 km erreichen wir einen „Scenic Spot“ – wir wollen auf einen Blick zum Ufer hinunter fahren, doch was denken wir! Klar, dass so ein ausgewiesener Touristenspot wieder etwas kostet! Kehrtwende! Ein paar hundert Meter weiter entlang der Straße bietet sich dann sowieso der beste Blick auf das Ganze: eine Bucht, ein Strand, ein paar Boote und ein pittoresker, kegelförmiger Berg. Die weiteren Kilometer entlang des Sees sind wieder einmal wirklich wunderschön. Die Vielfalt der chinesischen Landschaft ist überwältigend. Einfach toll, hier Rad zu fahren!

Auf einem Felsen über dem See legen wir einen Nudelstopp mit grandioser Aussicht über die Küste und das glasklare Wasser ein. Dann fragen wir uns mit Hilfe der chinesischen Karte immer wieder durch, um auf kleinen Nebenstraßen entlang der Seen bis Tonghai zu fahren. Dies gelingt auch sehr gut und bringt uns einmal mehr durch sehr ursprüngliche Dörfer. Hier in der Gegend scheint die große Pfeife „in“ zu sein. Auf den Feldern oder vor den Läden sitzen Männer und rauchen aus einem fast einen halben Meter großen Rohr (aus Bambus, Holz oder Edelstahl), auf das im unteren Bereich ein Pfeifchen aufgesetzt ist. Ein fischiger Duft begleitet unsere Fahrt entlang der kleinen Uferstraße: kilometerlang liegen die Netze mit kleinen, durchsichtigen Fischtieren (Krill?) zum Trocknen aus. Abschnittsweise wird der Fang  behutsam mit einem Stöckchen gewendet. Die Frauen in den Dörfern sind mit dem Bündeln der Frühlingszwiebeln, die von den Feldern geerntet wurden, beschäftigt. Entlang der schattigen Hauswände sitzen sie in großen Gruppen zwischen Bergen der länglichen Stängel, eingenebelt von deren ätherischem Öl. Auf den meisten Feldern in der Gegend wächst dieses grüne Gemüse, das in vielen chinesischen Gerichten zu finden ist. Daneben scheint hier vorwiegend Blumenkohl angebaut zu werden.

Die Ostroute um den kleineren Xingyun Hu, an dem Tonghai liegt, ist auch sehr „scenic“ (wie der Engländer sagen würde), die Straße aber relativ schlecht. Durch das langsame Gehoppel kann man aber das Geschehen neben der Straße umso genauer beobachten. Große Steinmühlen und Zementfabriken kündigen die Stadt an. Ein Kleinkind von ca. eineinhalb Jahren ruft nach seiner Mutter und läuft von der dunklen, schäbigen Behausung ein paar Schritte hinüber zum Arbeitsplatz der Mutter. Diese sehe ich, wie sie mit einer Schubkarre die Steine, die aus einer Art Stollen herausrollen, auffängt. Die Anlage verbreitet viel Staub und starken Lärm. Auch auf dem Gelände der nächsten Mühle spielen Kinder neben ihren schwer arbeitenden Eltern mitten im Fabrikbereich. Von diesen Bildern sind es nur knappe 5 Kilometer bis zu den blitzenden, stylischen Boutiquen und den modernen Fastfoodläden der Stadt. Wir fragen uns, was die Menschen, die in den Anlangen arbeiten, beim Anblick der Innenstadt wohl denken mögen. Aber wahrscheinlich bleibt ihnen überhaupt keine Zeit und keine Kraft, jemals die 5 Kilometer zwischen den Welten zurückzulegen…

07Nov2009