12.08.2010 (k) Aabenraa – Flensburg/Hamburg: 34 km, 50 Hm

Englisch ist hier völlig fehl am Platz, das habe ich schon gestern im Supermarkt bemerkt. „And I would like to get two Muffins…“, „Ja welche denn, die mit Schokolade, oder Vanille?“. Oder bei der Ankunft auf dem Campingplatz: “We would like to camp here.”, “Ja gern, wie viele Personen?”. Man spricht hier Deutsch. Klar, sind wir von der Grenze gerade einmal so weit entfernt wie ich bisher von meinem täglichen Arbeitsplatz. Das Englisch können wir nun einlagern, so wie Manches, das wir in unseren roten Taschen seit einem Jahr um die Welt schleppen. Heute werden wir nach einem Jahr und 4 Tagen wieder unser Heimatland betreten. Man könnte jetzt ein Drama daraus machen, aber das wäre doch nicht angebracht. Vielmehr schieben wir die wehmütigen Gedanken ganz weit nach hinten (sicher haben sie Kraft genug sich hin und wieder von selbst nach vorn zu arbeiten) und sind dankbar und glücklich, dass wir diese geniale Reise machen durften, dass wir so viel sehen und erleben durften, wie manch einer vielleicht in seinem Leben nicht, dass wir gesund geblieben sind und uns nichts Negatives widerfahren ist. Es gibt viel mehr Gründe, jetzt zufrieden zu sein, das ist unseren Köpfen schon klar. Und deshalb schießen wir ein paar lustige Ankunftsfotos an der deutschen Grenze und düsen geradewegs auf die Schnellstraße, von der uns unsere Landsleute mit 120 km/h und laut gedrückter Hupe zu verscheuchen versuchen. Komisch, in China waren sie viel freundlicher, als wir auf der Autobahn fuhren. Ah ja, die vergleichende Verklärung beginnnt: jetzt. Aber gut, wir nehmen die nächste Ausfahrt und folgen Landstraßen ins Zentrum von Flensburg. Der Himmel ist kurz davor, sich zu übergeben, was uns geradewegs zügig zum Bahnhof steuern lässt. Wir können sogar den durchgehenden Zug zwei Stunden vor Plan locker erreichen. Als wir im Schleswig-Holstein-Express im Trockenen sitzen, regnet es draußen richtig. Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt nach Hamburg. René nützt sie zum Schlafen, wir zum Ratschen und Zuhören. Man spricht hier deutsch, klar, wir können wieder problemlos verstehen, was sich die Reisenden im Waggon erzählen. Schade. Manches will man eigentlich gar nicht hören, Nicht-Verstehen hat auch etwas Gemütliches, bedeutet auch Nicht-Beteiligung, Nicht-Sorgen, Nicht-Einmischen, Nicht-Aufregen. In Hamburg ist es trocken. Molle kauft sich zuerst neue „Augen“ und macht Bekanntschaft mit der Freundlichkeit der Hamburgerinnen. Ja, wir sind nicht mehr in Skandinavien, dem lächelnden Servicegesicht. Den Weg zum Hotel finden wir unproblematisch. Wir beziehen unser kleines Dreierzimmer im Budget-Ableger des Holiday-Inn. Das „Bridge-Inn“ ist über Gänge vom Haupthotel zu erreichen. Die Zimmer liegen an der vierspurigen Straße, die bei geöffnetem Fenster laut zu uns hereinruft, aber das scheint auch beinahe der einzige Nachteil der billigen Zimmer zu sein. Wir haben im Gegensatz zum Haupthotel freies Internet und freies Telefonieren, es gibt auf jedem Gang einen Waschraum mit Maschinen und Trockner, die wir auch gleich mit unsern siffigen Sachen von gestern bestücken, man kann den gesamten Pool-Sauna-Fitnessbereich des Hotels mitbenutzen. René muss heute unbedingt noch aufs Spinningrad, finden wir! Die Farbgestaltung im Zimmer und in den Gängen ist modern – ein wirklicher Tipp für eine günstige Hotelunterkunft in Hamburg! René hat ein Treffen mit der Schwester seiner Schwägerin arrangiert. Der Bus 120 bringt uns in die Innenstadt und wir treffen Sandra um 18.00 Uhr am ZOB. Hunger auf allen Seiten schiebt uns in die nächstbeste Pizzeria. Schmeckt auch wie in der nächstbesten Pizzeria, aber erfüllt den Zweck. Ein Bummel durch die Innenstadt führt uns zum Rathaus – einer Hamburgs Touristenattraktionen. Sandra informiert ihren ebenfalls vor Ort lebenden Zwillingsbruder Sascha, dass René da ist, und er stößt spontan zu uns und führt uns zu einer ihm gut bekannten Bar, die wohl gerade hipp ist. Denn in das Innere kommt man schon gar nicht mehr hinein, was aber angesichts der Lautstärke der Musik auch nicht wünschenswert wäre. Stattdessen steht die Hälfte der Gäste vor dem Lokal auf der Straße – direkt an einem U- Bahn-Aufgang platzieren wir uns zwischen den anderen Gruppen und stoßen mit Bierchen und Cocktails an. Lustig, so mit einem Jahr Reise auf dem Buckel inmitten einer After-Work-Gesellschaft zu stehen, in der man das Testosteron und die Östrogene förmlich riechen kann. Besonders „alt“ werden wir heute nicht, doch wir machen mit Sandra und Sascha aus, den begonnenen Abend morgen fortzusetzen.