02.04.2010 (k) Osaka

Shiji hat günstigerweise gestern Abend noch den zweiten Wohnungsschlüssel gefunden, so dass wir gemütlich ausschlafen können, während er schon bei der Arbeit ist. Er ist Programmierer – mit diesem Beruf war ihm ein Wechsel nach Japan auch einigermaßen leicht möglich. Schon lustig, so ein Cochsurfen. Während der arme Gastgeber arbeiten muss, machen sich die Gäste gemütlich über sein Internet her, trinken Tee und lassen den Tag ruhig angehen. Gegen Mittag nehmen wir die Hankyu-line nach Umeda und steigen um in die Osaka Loop-line, die uns zum Schloss bringt. Das Umsteigen dauert allerdings gut zwei Stunden, weil wir in einem Einkaufszentrum im „Food-Level“ erst einmal lange brauchen, um ein Restaurant aus dem massigen Angebot auszuwählen und wir uns nach dem Essen durch den eindrucksvollen, mehrere Stockwerke einnehmenden Technikbereich desselben Hauses staunen. Am Schloss angekommen ist mit uns auch die Sonne. Wir spazieren am Wassergraben entlang und begegnen den ersten blühenden Kirschbäumen. Wo diese sind, sind die Partymenschen nicht weit. Viele Quadratmeter blaue Planen sind ausgelegt und mit fröhlichen Menschen, Bier, Wein, Sushibentoboxen und anderen Leckereien besetzt. Die Kirschblüten müssen gefeiert werden! Sie sind aber auch wunderschön. In weiß und rosa – dicker oder zierlicher, je nach Sorte, hängen sie wie Trauben an den Ästen. Der blaue Himmel und das Osaka Schloss machen die Japanszenerie perfekt. Wir freuen uns wie Schneekönige, dass wir genau den Moment der Kirschblüte erwischt haben. Diese dauert ja kaum mehr als eine Woche pro Region. Die Blüte zieht nordwärts, wir wollen südwärts. Genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort – ich bin begeistert. Molle betont immer wieder, dass es ihm leider zu kalt wäre, hier jetzt ein ausgiebiges Picknick zu machen, doch die Menschen, die hier feiern, heizen sich wahrscheinlich an der Schönheit der Bäume auf. Ohne Schuhe – wie es sich in Japan gehört, wenn man ein Haus – oder eben eine Plane – betritt, sitzen sie beisammen, fotografieren und freuen sich. Ein schöner Anblick. Der Weg zurück in die Stadt führt uns am Fluss entlang, dessen Fußwege ebenfalls mit Kirschbäumen bepflanzt sind, weshalb sich hier dasselbe Spektakel bietet. Es scheint sogar erst noch zu kommen. Überall werden Tische gedeckt oder – bei Planenbenutzern aus Pappkartons gebaut – und kleine Grills installiert – für das Sakura-Barbecue heute Abend. Dann werden wir aber wohl im Warmen sitzen. Das tun wir auch gleich schonmal und zwar in einem Kaffee. Der Nachmittag ist schon wieder fortgeschritten, als wir einmal mehr einen Buchladen aufsuchen, um den „Touring Mapple“ zu kaufen. Dieser Straßenatlas ist für Motorradtouren entworfen und enthält viele kleine Zeichen. Zum Beispiel einige für Conveniencestores (kurz und eingedeutscht heißen die wohl „Kombinis“) und eben auch das uns so wichtige Campingplatzicon. Ein kurzer Besuch folgt nochmals im Technikbereich, der Molle so begeistert, doch Stadtbesichtigungen sind immer anstrengend und so sind wir im Grunde zu müde und hungrig, um noch länger zu stöbern. In der Nähe der Umeda Station befinden sich winzige, überdachte Gassen, die voller kleiner Restaurants (den Namen verdienen sie aufgrund ihrer Winzigkeit eigentlich nicht, man könnte sie vielmehr Essbars nennen) stecken. Dasjenige, für das wir uns entscheiden hat 4 Plätze an einer Theke, in die eine Teppan-Yaki-Platte eingearbeitet ist und noch einen Tisch für zwei Personen mit ebensoeiner Platte in der Mitte. Es gibt nur zwei Gerichte: das Osaka-Rösti und die Osaka-Kohlnudeln. Der Koch brutzelt sie vor unseren Augen auf seiner Platte und dann hieft er die Leckereien hinüber auf unsere, schaltet sie an und wir können in aller Ruhe genießen, denn es wird ja nichts kalt. Ach übrigens: sowohl Rösti als auch Nudeln werden hier mit einer leckeren braunen Soße verfeinert. Wir wissen nicht, was in dieser Soße steckt, doch wir werden es herausfinden, um es daheim nachzukochen, das ist unser Auftrag!

Kurz schwenken wir noch in den Buchladen in der Umeda Station ein, der eine große Abteilung fremdsprachiger (für uns aber eher heimischer) Bücher hat. Wir kaufen zwei Taschenbücher auf Deutsch: „Warum nerven Japaner“ (man will ja informiert sein) und einen Krimi. Außerdem eine Geschichte die in der Nähe von Füssen spielt für Shiji. Es ist ein kleines Buch für Deutsch-Anfänger. Shiji hat ja vor drei Monaten begonnen, Deutsch zu lernen, motiviert durch das Ziel, Nietzsche, Schopenhauer und sonstige Philosophen im Original zu lesen. Ein großes Ziel – da denken wir, ist ein Neuschwanstein-Krimi Level 1 ein guter Einstieg. Es ist spät geworden, erst um 22 Uhr treffen wir bei unserem Gastgeber ein. Wir bringen noch ein „Rösti“ vom bekannten Stand mit, doch Shiji will nicht mit uns essen, denn er ist Katholik, und da heute Karfreitag ist, muss er noch 2 Stunden fasten. Wir können an seinem Computer noch einige Routen erstellen und Emails abrufen. Um Mitternacht brät er sich Eier – das Fastenbrechen! Wir quatschen dann über Gott und die Welt, wenn man so will. Es ist sehr interessant mit Shiji zu reden, er ist sehr belesen und intelligent. Außerdem erklärt er uns viele Dinge über China und seine Menschen. Über all das Geplapper vergessen wir ganz die Zeit. Erst um drei Uhr hüpfen wir alle ins unser Bett bzw. auf die Matte. Aber morgen ist ja Samstag, da muss keiner zur Arbeit.