13.04.2010 (k) – Takamatsu – Kotohira: 32km, 250Hm

Das Nacht-Spezial geht von 0:00 Uhr bis 9:00 Uhr. Für umgerechnet 12 Euro pro Person kann man in dieser Zeit im Internetcafé surfen, fernsehen, trinken oder schlafen. Als wir kurz nach 22:00 Uhr unsere Boxen, die wir für drei Stunden gemietet hatten, verlassen müssen, setzen wir uns erstmal in den Aufenthaltsbereich, um zu überlegen, ob wir noch zum Camping hinüberfahren sollen, oder ob die Faulheit siegt. Sie siegt, obwohl sich der Regen draußen gerade gelegt hat. Punkt 0:00 Uhr ziehen wir in ein gemütliches Doppelböxle ein, hängen Zelt, Jacken und alles, was noch etwas feucht ist, über die Wände und benutzen noch zwei Stündchen das Internet, um weitere Routen auf Gpsies zu basteln und unseren Japanaufenthalt zu planen. Wir schlafen wunderbar, es ist völlig ruhig im Raum und der Nichtraucherbereich, in dem unsere Kammer steht, ist gut abgetrennt. So sind wir gut gelaunt, als wir um 9:00 Uhr für unser Nachtlager löhnen – halb so viel, wie man in einer schäbigen Jugendherberge berappen müsste. Der doppelte Cappuccino und ein Nudelcurrytopf machen uns noch stark für den Weg, der heute allerdings nicht allzu weit sein wird.

Dunkle Wolken rasen über unsere Köpfe hinweg und ein strammer Wind bläst uns von vorn ins Gesicht, doch es regnet nicht. Das ist doch was! Gut 15 Kilometer fahren wir durch dörfliches Gebiet – traditionelle zweistöckige Holzhäuser mit markanten Dächern herrschen hier vor. In Kotahari legen wir einen Besichtigungsstopp ein: hier steht der Kompira-San Schrein. Shikokou ist berühmt für seine 88 Tempel und ein Paradies für Pilger. Den obersten Schrein des Kompira San erreicht man, wenn man 1300 Stufen bewältigt hat. Touristenscharen marschieren die Straße zum Tempel, eine Souvenir- und Essmeile  entlang, gewillt, die sportliche Herausforderung auf sich zu nehmen. Molle und ich parken am Anfang der Stufen und gehen nacheinander hinauf. Die meisten Leute, die ich am Beginn der Treppe beobachte, schlucken kurz, ob der vielen Stufen, die ihnen bevorstehen, geben sich dann aber einen Ruck, rammen ihren (extra kurz zuvor erworbenen) hölzernen Wanderstab in die Steinstufen und streben hinauf. Manche, die nicht gut zu Fuß sind, lassen sich in einer Sänfte von zwei Trägern hinaufschleppen. Diese Arbeit sieht allerdings sehr anstrengend aus, denn die Treppen sind zwischendurch ziemlich steil. Der Kompira-San ist ein großer Komplex, der sich durch den Wald den Hang hinaufzieht. Überall stehen Stehlen mit japanischen Zeichen, in Stein gehauene Figuren sitzen herum, kleine Tempelschreine fügen sich aneinander. Der dichte, feuchte Wald hat seinen Teil für eine verwunschene Welt beigetragen: an den Steinen kleben die vergangenen Jahre in Moosform. Kirschbäume verstreuen ihre wunderbare Pracht mit dem Wind über das Areal. Die einzelnen Tempel sind Holzkonstruktionen aus der … Zeit. Kunstvoll gearbeitet und wirklich beeindruckend stehen sie da, um die Pilger zu empfangen, die glücklich, eine höhere Stufe erreicht zu haben, eine Geldspende einwerfen. Nach gut der Hälfte der Stufen scheint der Haupttempel erreicht. Die meisten Leute drehen hier um – wir auch, denn wir müssen ja noch ein Stückchen radeln heute. Die vielen Touristen haben sich im Komplex so geschickt verteilt, dass man zwischenzeitlich alleine den Blick auf die vielen Details und Besonderheiten richten kann. Das, was wir hier heute sehen, entspricht so ziemlich genau den Vorstellungen von einem mythischen, verwunschenen Japan. Das unwirsche Wetter unterstreicht diesen Eindruck vorteilhaft.

Molle, der unterdessen eine Udon-Portion vertilgt hat, wartet schon auf mich und wir machen uns auf, zum ungefähr 20 Kilometer entfernten, in den Bergen liegenden Campingplatz zu fahren. Die kleine Straße, die ich ausgesucht habe, ist wirklich kaum befahren und es stellt sich so etwas wie Fahrfreude ein. Nach gut 10 Kilometern sehen wir zwei große Häuser etwas unterhalb der Straße stehen und ein Hinweisschild: Onsen! Wir überschlagen kurz, ob wir ein Bad wagen sollen und es dann noch bei Tageslicht zum Camping schaffen und sehen uns um. Molle hat gleich die viel bessere Idee: eine öffentliche Toilette, ein leeren Kinderspielplatz und ein überdachter Platz mit eine Tisch und Stühlen aus Stein sind doch der perfekte Campingplatz für uns! Wir laden ab, nehmen unser Gepäck und entern den Onsen. Heute ist es das erste Mal: Männlein und Weiblein treten getrennt in ihren jeweiligen Bereich. Es wartet schon ein Haufen Nackter, die im Entkleidebereich ihre Kleidung in die Schließfächer bugsiert bzw. diese nach dem Bad wieder daraus entnimmt. Mit einem Handtüchlein bewaffnet betritt man den eigentlichen Badebereich, der hier aus einem einzigen Becken besteht, in dem das wärmende Wasser wartet. Vorher muss man jedoch auf einem kleinen Hockerchen Platz nehmen, die der Wand entlang, durch kleine Trennwände abgeschirmt vor einem Duschkopf stehen. Zwei große Spender mit Shampoo und Duschgel stehen bereit. Eine ordentliche Körperreinigung steht zunächst an, ehe man ins Wasser darf. Nach drei duschlosen Tagen für uns höchst willkommen. Sauber geschrubbt gleitet man zu den anderen Nackedeis und lässt sich von der wohligen Wärme umgeben. Lustig sieht aus, dass viele der Japaner ihr persönliches Handtuch auf dem Kopf gefaltet liegen haben. So wird es nicht nass und man hat es am „Mann“ bzw. der „Frau“. Wem es beliebt, der kann zwischen den Bädern nochmal duschen, in die Saune, ins Kühlbecken oder ins Freie, auf den Balkon. Alles in allem eine sehr gediegene Angelegenheit. Ist man im Badehaus fertig, wartet der gemütliche Ruheraum, ausgelegt mit Tatami-Matten auf einen. Wäre da nicht der laut scheppernde Fernseher, es wäre die Vollendung. Aber auch so ist es ziemlich cool. Apropos kühl. Jetzt müssen wir gleich hinaus in die Abend-/Nachtkühle zu unserem Zeltplätzle. Ein herrlicher japanischer Tag neigt sich dem Ende entgegen…

Na, so ganz dann eben doch noch nicht. Katrin wurde schon im Bad von einer Japanerin angesprochen, die gerade mit ihrer Tochter (19) telefoniert hat. Das Telefon wander gleich an Katrin weiter. Die Tochter spricht hervorragend englisch und so können die beiden ein wenig plaudern. Später im Ruheraum, kommt die nette Frau wieder, schenkt uns Wasser und es folgen weiterer Small-Talk und Handyfotos. Als wir dann nach Einbruch der Dunkelheit draußen unser Zelt aufstellen, kommt sie erneut und macht uns Geschenke – HotDogs, eine japanische Klapperhand (so eine Art Rassel), ein Magazin, in dem Richard von Weizsäcker abgebildet ist und einige Fotos von ihrer Familie. Sie ruft eine Freundin ihrer Tochter an, die in den USA studiert hat. Diese kommt auch gleich angebraust und dolmetscht in der Runde. So sitzen wir in der abendlichen Frische und plaudern über unsere Reise und unser Leben in Deutschland. Wir lassen uns im Gegenzug über ein paar japanische Gepflogenheiten aufklären und verstehen das Land so wieder ein bisschen mehr. Die nette Frau springt nochmal los und holt warmen Kakao aus dem Kombini. Wir sind überwältigt! Sie ist so begeistert, so nett und aufgeschlossen. Wir tauschen noch E-Mail-Adressen, ein Gruppenfoto wird geschossen und die beiden entschwinden im Mini-Bus in die dunkle Nacht.

13April2010