15.08.2011 (m) – Split – Imotski: 80km, 1500 Hm

So übel, wie der Duft aus dem “Chemie-WC” war die Nacht gar nicht. Es war kühl, ruhig und erholsam. Dann aber reflektiert der Nachbar-Wohnwagen, das weiße Biest, die Sonne unbarmherzig auf unser Zelt und es wird mal wieder ziemlich warm in der Bude. Na, so kommen wir wenigstens mal früher los. Wäre da nicht die Schlange am “Check-Out”, wäre da nicht die Schlange an der Supermarktkasse, wäre da nicht unser Drang nach Kaffee…um 10 Uhr rollen wir aus dem Ort. Gerade finden sich die ersten sonnenhungrigen Fleischberge am Strand ein, um, ja um was eigentlich genau zu tun? Muss sich einem nicht erschließen, genauso viele fragen sich vielleicht, warum man bei 30 Grad stundenlang Fahrrad fährt.
Wir tun jedenfalls Letzteres und keuchen schon wenig später, nach zweieinhalb Minuten auf der vierspurigen Schnellstraße (fühlt sich gleich nochmal 2 Grad wärmer an), ein schmales, fast autofreies Seitental hinauf. Zu Beginn scheint der Wind auf Sommerurlaub und wir schwitzen, wie man es im Grunde kaum in der Sauna schafft. Aber nach einer besonders fiesen, weil langen und geraden, Rampe, wird es flacher, luftiger, genussvoller. Die Landschaft tut ihr übriges. Tief unten schlängelt sich ein Fluss aus dem Gebirge, im Hintergrund wartet das Meer schon gierig auf dessen Wasser. Die Häuser wirken gepflegt, Mensch tummeln sich, winken und rufen bei unserer Durchfahrt. Alles wirkt viel lebensfroher, als die Tage zuvor. Hinterland eben.
Die Straße schlägt im Verlauf viele Wellen, so dass tüchtig Höhenmeter gesammelt werden. Der landschaftlicher Reiz lässt aber alle Mühen vergessen. Unser Ziel für heute heißt Imotski, wo wir ein Zimmerchen ergattern wollen. Viele Wege führen laut Beschilderung dorthin, ein netter Kroate weist uns aber den fahrradtauglichsten aus. Und er soll recht behalten. Klettern müssen wir zwar viel, es ist aber verkehrsarm und durchwegs ein Genuss.
So erreichen wir am frühen Abend Immotski, dessen Bewohner mit dem Kennzeichen “IM” den heißen Reifen pflegen. Puh, wie eng Straßen doch sein können. Aus der Ferne sehen wir den 10000-Seelen-Ort schon am Hang liegen. Ja, richtig, am Hang. Darauf haben wir nach bereits abgeleisteten 1100 Hm keine rechte Lust mehr. Na, die Hauptstraße geht sicher unterhalb vorbei. Nach 150 Hm schaufeln wir Nüsse, Riegel und Wasser in unserer schweißnassen Körper hinein. Ein Schild wies uns 15km vor dem Ort zu einem “Agriturizma”, wo wir uns in einem Zelt liegend nächtigen sehen…Jetzt, im Schweiße unserer Angesichts, müde, ausgelaugt, sagt das braune Schild – 3 km. Na, das schaffen wir gerade noch. Am Ende werden es 6km sein – und 400 Hm. (Wieder mal) im Abendlicht rollen wir an dem gelben Neubau ein. Es scheint verlassen. Wir verfluchen schon alles, was uns gerade in den Sinn kommt, da sehen wir eine große Tafel mit der Speisekarte vor einer kleinen Tür stehen. Wir klingeln, kurz später lassen sich aus zwei unterschiedlichen Eingängen zwei Frauen blicken. Etwas ungläubig starren sie uns an, nur die jüngere der beiden spricht Englisch. Nach einigem Hin und Her erhalten wir die Erlaubnis auf dem Gelände zu zelten, dafür versprechen wir, tüchtig im Restaurant “hineinzuschaufeln”. Wir errichten unserer Behausungen, da kommt schon der Hausherr und fragt, ob wir “Kava” wollten. Hm, so spät am Abend, na, wir wissen nicht so recht. Ah, meint er, dann “Slivowic”. Ja, gut, das können wir uns vorstellen. Es kommt die selbstgebrannte Hausmarke, die selbst so konsequente Schnaps-Verächter wir uns schwach macht. Aromatisch, mild, ehrlich. Der Kaffee kommt dann übrigens trotzdem – türkisch. Schwarz, süß, lecker! Es werden Kekse gereicht und schon bald hängen wir über der Karte, woher, wohin, ach was, dahin nicht, da leben doch “strange people” (für den Kroaten Ivan sind das die Serben), das wäre viel zu “dangerous”. Wenig später taucht die Frage auf, ob wir denn die berühmten Seen der Region gesehen hätten, den blauen und den roten See? Öh, also, eigentlich nicht, denn als Radtourist biegt man nicht so leicht mal nach links ab, um einige Kilometer bergauf zu strampeln. “You want see?”, übersetzt seine Tochter Lydia. Hm, wir wollen eigentlich lieber duschen und essen, aber das kann man ja wohl kaum ausschlagen. Wenig später klemmen wir im Auto von Ivan, der typisch kroatisch, forsch den Berg hinunter prescht. Pervers, wie schnell Autos Distanzen überwinden. Grade noch mit letzter Kraft hinaufgestrampelt, düsen wir im Blecheimer hinab. Wenigstens sieht Ivan von fulminanten Überholmanövern ab – Katrin haben wir strategisch auf dem Vordersitz positioniert, die ihn dann auch professionell in Gespräche verwickelt, die ihn vom Überholen ablenken. Die Seen sind dann auch wirklich sehenswert, allerlei Mythen ranken sich um die wassergefüllten Löcher, die von Meteoriteneinschlägen stammen sollen. Nach dem Abendessen, das aus viel, leckerem Fleisch besteht, kommt Ivan mit dem Bilderbuch und erzählt begeistert von diesem landschaftlichen Highlight. Sogar einen halben Liter seines hausgemachten Rotweins lässt er noch springen. Ein richtig lustiger, gemütlicher Abend in der familiären “Konoba”. Besser kann es nach einer solch anstrengenden Etappe eigentlich kaum kommen. Und wer sagt übrigens, dass ein Ivan schrecklich sein muss?

15Aug2011