18./19.02.2010 (k) – Nanhua – Heijing: 89km, 750Hm

Gestern war es gar nicht schlecht, es hat nicht geregnet. Trotzdem haben wir unseren Pausetag „durchgezogen“. Für uns Sonnenverwöhnte war es schlecht genug: kalter Wind und dunkle Wolken. Zumindest bis Mittag. Da wir – wie bereits erwähnt – mit Nanhua keine besonders gemütliche oder sehenswerte Stadt gewählt hatten, haben wir uns auch nur für ein paar Einkäufe und das Abendessen draußen aufgehalten. Der Versuch, Tampons zu erstehen scheiterte, was zu erwarten war. Ich habe zwar in zwei Supermärkten und einer Apotheke einen o.b. mini aus meiner Hosentasche gezogen und den Verkäuferinnen vor die verdutzte Nase gehalten, doch es war nicht einmal ein Funke des Erkennens über ihre Gesichter gehuscht. Stattdessen wurde das Teil eingehend begutachtet und dann das Urteil gesprochen: „mei you“.

„Mei you“ heißt es auch, als wir heute – ja zugegebenermaßen etwas spät, gegen 10.00 Uhr – in die benachbarte Baozi-Nudelbude einlaufen. Nichts gibt’s mehr – Baozi sind aus und Suppe… ne, sagen wir mal lieber „mei you“. Ja, und das dritte „mei you“ von Nanhua bekommen wir dann noch zu hören, als wir 100 Yuan auf Molles Yunnan Sim-Karte für das Internetpaket aufladen wollen. Na heute ist aber wirklich Provinz angesagt. Zeit zum Aufbruch. Nach 20km alter Burmastraße drehen wir nach Norden ab und fahren über Mouding nach Heijing. Die Straße bis kurz nach Mouding ist etwas stärker befahren – wobei das wohl wieder nur bezogen auf unser Empfinden der letzten fünf fast autofreien Tage so zu sehen ist. Landschaftlich ist die Strecke zunächst nicht allzu reizvoll, als es jedoch höher in die Hügel hineingeht, die mit verschiedenen Monokulturen bepflanzt sind, und sich Ausblicke auf die bewaldeten Berge in der Ferne Sichuans auftun, sind alle Bergkinder wieder glücklich und zufrieden. Einige Kilometer nach der Stadt Mouding zweigt ein Sträßchen nach Osten ab. Unser Blick hängt noch an den chinesischen Zeichen des Verkehrschilds – ob wir auch richtig sind – als es zu rütteln und schütteln beginnt. Schnell werfen wir den Blick zu Boden: Hoppelsteine! Na, darin sind wir ja jetzt Profis, denken wir. Qualitätsunterschiede gibt es auch hier. Die Steine sind nicht so schön eng gelegt wie letztes Mal – doch ein Sandstreifen am Rand ermöglicht auch wieder teilweise weniger mühevolles Vorankommen. Landschaftlich dagegen offenbart sich einmal mehr ein kleines Juwel. Vielleicht kann man doch den Grundsatz festlegen: je anstrengender desto schöner. Das betrifft sowohl Straßenbeläge als auch Steigungen. Naja, Baustellen einmal ausgenommen. Wir hoppeln jedenfalls 35 Kilometer durch wunderbare Bauerndörfer, in denen relativ stattliche Höfe stehen. Im Zentrum steht das Hauptgebäude im typischen chinesischen Baustil, zweigeschossig mit einem Doppeldach mit halbrunden Dachziegeln. Die Nebengebäude beherbergen Tiere oder Futter. Um das gesamte Gelände herum ist eine Mauer gezogen. Alle Gebäude sind aus dicken Lehmblöcken gefertigt. Pferde, Ochsen und Esel stehen dekorativ herum, so dass lediglich die wenigen Mopeds oder Minibusse, die uns überholen, den Eindruck widerlegen, wir hätten eine Zeitreise in ein früheres Jahrhundert unternommen. Die ebenen Flächen des kleinen Tals leuchten in Raps und Reis. Das nützen natürlich auch die Bienen, die aus den Kästen der zahlreichen Imker zur Nahrungssuche ausschwärmen. Die steil von der Straße aufragenden Hänge sind angelöchert wie Schweizer Käse. Die Löcher – oder besser Höhlen – sind Ställe oder Vorratskammern für Futter. Manche sind mit kleinen Toren und Vorhängeschlössern gesichert. Ein Güterzug auf der Bahnlinie von Panzihua deutet das Ende unseres idyllischen Tals an. Es sind nur noch 13 Kilometer – nun wieder auf Teer – bis nach Heijing. Durch ein Stadttor fährt man auf – diesmal richtigem – Kopfsteinplaster in die historisch bedeutsame Stadt ein. … Wir finden in einem alten, knarzigen Holzhaus ein Zimmer und nebenan sogleich ein leckeres Essen. Als wir aus dem Lokal auf die dunkle Straße treten, erwecken kleine rote Lampions, die die ganze Gasse hinab von den Vordächern leuchten, unsere Aufmerksamkeit. Wir schlendern von den roten Tupfen angezogen an den Restaurants und Geschäften vorbei und erleben ein idyllisches Treiben. Viele der winzigen Räume sind mit Latschenzweigen ausgelegt, was wohl den noch immer andauernden Neujahrsfeierlichkeiten zu verdanken ist. Zahlreiche Freiluft-Grillrestaurants warten mit ihren aufgeschnittenen Leckereien auf Kundschaft. Kohlegeruch liegt in der Luft. Die alten Häuschen aus Holz und Stein scheinen hier dem modernen China zu trotzen. Nichts wirkt so aufgesetzt und kommerzialisiert wie in Lijiang. Und so gehen wir von dem ersten Eindruck positiv gestimmt zurück zur Unterkunft. Morgen, bei Tageslicht, werden wir versuchen, noch etwas tiefer in die Geschichte des Ortes einzutauchen.

19Feb2010