30.01.2010 (k) – Thaton – Mae Sai: 94km, 700Hm

Man schraubt sich nach oben bis zum Allerheiligsten: einer Buddha-Reliquie hinter Glas. Eine, die wohl an einem der schöneren Plätze ihrem Alltag fristen darf: im neuen Chedi, der nicht nur nachts bunt beleuchtet ist, sondern selbst in zahlreichen Pastellfarben und mit bunten Mustern, die fast schon arabisch anmuten, bemalt ist. Man kann im Inneren des Chedi drei Stockwerke über eine Wendelrampe hinaufgehen und passiert dabei Meditationsräume und eine umfangreiche Sammlung buddhistischer Skulpturen. Auf jeder Ebene kann man nach außen treten und die wunderbare Aussicht auf das Thaton-Tal und – in entgegengesetzter Richtung – nach Burma genießen. Außerdem sieht man die zum Komplex gehörende, überdimensionale Naga-Schlange sowie auf anderen Hügeln mehrere Buddhastatuen. Der Himmel beglückt mit herbstlich anmutendem strahlendem Blau und das Gold der etwas weiter bergabwärts thronenden Göttin der Barmherzigkeit und das Weiß des noch weiter unten angesiedelten chinesischen Buddhas bieten einen imposanten Kontrast dazu.

Der Morgenausflug hat sich gelohnt und als die Touristenströme angefahren werden, liegt der Tempelberg des Wat Thaton wieder über uns und ich begebe mich mit Molle in ein Café zum Frühstück. Unserem neuen Rhythmus gemäß ist halb elf durch, als wir das Straßenschild am Ortsausgang passieren: Chang Saen 62 km. Dort trifft die Straße auf den Highway 1 – mal sehen, ob wir da nicht in ein motorisiertes Fahrzeug umsteigen.

Einige Kilometer geht es noch flach durch das von Fruchtplantagen und Gemüseäckern geprägte Tal, dann kurbelt bzw. geradet sich die Straße im typischen Thai-Landstraßen-Stil 500 Hm hinauf in frischere Regionen – nicht frisch genug, um den Schweiß auf der Stirn zu kühlen, allerdings. An der Stelle, an der wir gerade versuchen, unseren Puls wieder in den zweistelligen Bereich zu bringen, steht ein Wegweiser: 600m sind es von hier ins „Three Hill Tribes Village Ban Yapa“ – ach, ist das nicht das Dorf, unterhalb dem die Akha über 30 Padaung-Frauen sowie Gelbe Lahu und Weiße Karen aus Burma angesiedelt haben und für 5 Euro Zutritt gewähren? Wie wär’s also mal mit einem menschlichen Zoo? Allein vom Gedanken angewidert treten wir zügig weiter, obwohl es gegen unsere Vermutung nochmals etwas bergauf geht, und lassen auch gleich das nächste Akha-Dorf, das sich den Untertitel „Living Museum“ gegeben hat, rechts liegen. Dieses jedoch zu Unrecht, wie ich später nochmals nachgelesen habe. Hier wird wohl ein nachhaltiger Tourismus im Rahmen eines Dorfentwicklungsprojekts gepflegt. Aber so oder so haben wir keine Lust auf touristische Dorfbeschauungen. Mit dem Rad kommen wir seit Wochen durch kleine Dörfer in Südchina, Vietnam, Laos und Thailand, in denen gewebt, geschmiedet, geflochten, gekocht und gebadet wird, in denen Trachten getragen oder nackig gerannt wird, in denen hart gearbeitet, geweint und gelacht wird. Wieder einmal hat man nur kurz das Gefühl, etwas verpasst zu haben, nur, weil jemand ein Schild aufgestellt hat.

Wir bleiben auf der Hauptroute Richtung Mae Chan und dürfen uns über 15 tolle Abfahrtskilometer sowie anschließend nochmals so viele Tal-Ausrollkilometer bis zum Highway 1 freuen.

Auf diesen biegen wir dann auch nach Norden ein. Vierspurig mit extra breitem Pannenstreifen – mit dem Rad also bestens zu befahren. Es geht nur noch flach dahin und so fällt es nicht schwer, die gut 30 Kilometer bis zum nördlichsten Ort Thailands noch zu radeln. Linkerhand steht der mächtige Bergkamm, hinter dem sich Burma verbirgt und auf dessen Gipfeln Ideologien mit Waffen verteidigt wurden und in dessen Mulden die befestigten Dörfer Rückzugsorte der Drogenbarone darstellten. Für uns im Moment jedoch nur eine atemberaubende Silhouette vor der untergehenden Sonne.

Da unser „Maekong Travel Boutique Hotel“, das wir im Vorbeifahren als unsere Bleibe auserkoren haben, noch gut zwei Kilometer außerhalb des Zentrums liegt, schwenken wir zum Abendessen ohne noch große Sprünge zu machen ins benachbarte Restaurant mit dem Namen „Countryhouse“ ein. Wieder einmal beglückt uns ein Junge mit der Gitarre mit lebendig gesungenen Liedern und lenkt uns von den zahlreichen Fernsehern ab, die Sport übertragen. Das Essen ist äußerst delikat – eine der leckereren Thai-Küchen der Reise. Mit der Späte des Abends füllen sich fast alle Plätze und der Sängerknabe wird von der vollen Band verdrängt. Englische Pop-Klassiker wechseln mit Thai-Pop ab. Klatschen ist wohl eher europäisch, weshalb auch nur zwei Handpaare Geräusche erzeugen, doch wahrscheinlich ziehen die Musiker ihre Bestätigung eher aus dem „Mitgehfaktor“ des Publikums. Und der ist besonders an unserem Nebentisch mit 15 Jungs zunehmend hoch. Weil es grad so schön ist, bleiben wir noch auf eine kleine Flasche „Regency – Finest Thai Brandy“ mit Sodawasser und Cola – wobei wir das halbvolle Gefäß noch bei uns haben, als wir gegen Mitternacht in unser Zimmer einlaufen. „Always drink with 100% responsibility“ – stand doch auf dem Schild im Lokal. Na gut, an thailändische Verhältnisse werden wir sowieso nie rankommen.

30Jan2010