05.04.2010 (m) – Kyotanabe – Kyoto: 40km, 100Hm

Obwohl wir unser Zelt direkt an dem schmalen Fußweg platziert haben, weckt uns kein Japaner, der frühmorgens sein Qi im Wald von Kyotanabe sucht. Also obliegt es einmal mehr unserem Wecker, seine Pflicht zu tun. Es regnet nicht und ist auch gar nicht mal so kalt. Wie es sich für den Camper ziert, hinterlassen wir nichts als unsere Fußabdrücke. Wir freuen uns schon auf eine leckere Suppe – müssen dann aber feststellen, das vor 10 oder 11 Uhr kaum ein Restaurant geöffnet hat. Jetzt sind wir schon wirklich keine Schnellstarter am Morgen und dann sowas. So Kurven wir mit leerem Magen über die holprigen Radwege (die nur deswegen holprig sind, weil jede/s seitlich abgehende Straße oder Weglein eine eigene Einfassung erhält und man die Rabatten rockt). Eine GPS-Route liegt uns bis Kyoto nicht mehr vor und so kurven wir ziemlich wild in der Gegend rum, bis wir auf den erhofften Radweg treffen, der bis ins Herzen von Kyoto führen soll. Tatsächlich ist der dann auch gut beschildert und zum Großteil sehr ordentlich asphaltiert. Immer wieder begegnen wir auch Rennradgruppen. Ja, wir sind wieder in einem Industrieland, wo die Bevölkerung sowas wie Hobbies hat. Das kannten wir schon gar nicht mehr. Es ist zwar ein bisschen windig, aber zunehmend kämpft sich die Sonne durch und es fahren keine Autos. Als wir gut zehn Kilometer vor Kyoto sind, treffen
wir auf eine herrliche Allee mit Kirschbäumen, die in voller Pracht
blühen. Das Spektakel lassen sich selbstredend auch hunderte von
Japanern nicht entgehen, die mit Kind und Kegel auf- und abflanieren. Ab hier ist der Radweg aus nicht zu ergründender Ursache gesperrt und wir müssen auf Hauptstraßen bzw. parallel dazu verlaufenden Radwegen (mit beschriebener Hoppel-Problematik) ausweichen. Schließlich landen wir auf dem Highway Nr. 1, der schnurgerade in Kyotos Zentrum führt.
Eine lecker Nudelsuppe, deren Bestellung mit Händen und Füßen
gelingt (auf das Bild deuten reicht wohl nicht, die Bedienung will
noch mehr wissen, nur wissen wir nicht was!), soll uns für Hotelsuche
und Stadtbesichtigung stärken. Dazu soll es aber nicht kommen. Und das kommt so:
Wir steuern ein paar im Lonely Planet empfohlene Quartiere an, die,
wie könnte es zur Zeit der Kirschblüte auch anders sein, voll sind.
Heute, morgen, übermorgen und, ja, auch überübermorgen. Ein Plan B existiert eigentlich schon, nur erscheint der uns jetzt nicht mehr so
gut: campen, auf einem 14 Kilometer entfernten Platz, auf einem Hügel. Es gäbe auch noch andere Hotels, so ist es ja nicht, nur sind wir eben in Japan und nicht mehr in China. 100€ aufwärts sind uns irgendwie einfach zu viel. Wir kurven ein wenig durch die Stadt, und hoffen, dabei die Erleuchtung zu bekommen. Schließlich einigen wir uns darauf, Kyoto zu verlassen und auf dem Rückweg vom Süden Richtung Alpen nochmal vorbeizuschauen – mit Vorbuchung für ein Zimmer, versteht sich. Wir fahren zum hypermodernen Bahnhof, dessen Architektur uns staunen lässt. Es wimmelt von Leuten und die Züge fahren fast im Minutentakt in alle Landesteile. Allen voran der “Shinkansen”, der Sprinter mit bis zu 400km/h. Nur leider passiert das ganze Spektakel ohne unser Beisein: “Bicycle not allowed – all train.”, so die freundliche Info-Dame in gebrochenem Englisch. Hmm, irgendwie läuft es heute nicht! In unseren Hinterköpfen spukt aber noch der Tipp aus demGuidebook, dass man notfalls auch in einem der 24/7-Internetcafés übernachten kann. Das probieren wir doch mal -wenn nicht heute, wann dann? Das “Night-Pack” erlaubt den Zutritt in die Box erst ab 20 Uhr und so speisen wir noch bei einer Italo-Kette Pizza, Penne und Spaghetti – ziemlich gut dafür, dass weit und breit kein Italiener zu sehen ist, der hier arbeitet. Punkt acht checken wir dann ein. Vorbei an hunderten Manga-DVDs suchen wir unser “Zimmer”, das eine 3,5 m2 kleine von Stellwänden begrenzte Box ist. Wie ein Abteil in einem Großraumbüro – ebenso nach oben offen. Der Boden ist mit Matten ausgelegt, es gibt eineN PC und einen Fernseher. Daneben darf man sich nach Belieben an der Getränke-Theke mit Café-Latte, Cappuccino, Säften und irgendwelchen Zukermischungen bedienen. Die Toilette ist pikobello sauber und modernst japanisch (mit allen denkbarenFeatures zur Reiniung nach dem Geschäft). Im Erdgeschoss wartet eine Dusche, die für 1,50€ 30 Minuten lang benutzt werden darf, samt Fön und Handtuch in einem kleinen Körbchen gereicht. Ein Kombini ist an den Internetladen angeschlossen – natürlich auch 24 Stunden geöffnet, man braucht ja schließlich mal ein Bier und ein paar Happen
zu essen. So können wir gemütlich unsere weitere Route planen und die Tracks auf http://www.gpsies.de erstellen. Ein bisschen skypen wir noch mit Freunden und Familie, dann schalten wir die Kisten ab und machen es uns gemütlich. Wären nicht zwei kleine Nachteile (es darf geraucht werden und das Licht bleibt nachts an), es wäre die perfekte und konkurrenzlos günstige (gut 30€ für zwei Personen)
Übernachtungsmöglichkeit in Japan. Aber auch so ist es ziemlich cool
und eine Option, über die sich, vor allem in den Städten, bei
gegebenem Anlass wieder ernsthaft nachdenken lässt.

05April2010