20.05.2010 (k) Zushanzhen – Qinlong: 75 km, 200 Hm

Kurz nach fünf wachen wir auf und könnten direkt loslegen. Der Himmel hat schon sein blaues Makeup aufgetragen und scheint zu rufen: „Raus mit euch, nachher wird’s sowieso viel zu heiß!“ Aber er ruft nicht laut genug, er kann uns nicht locken. Erst zwei Stunden später schafft es die Sonne, die ins Zimmer hereinbrennt als wäre es ein Zelt. Na gut, dann auf. Zwei Häuser weiter gibt es handgemachte Nudeln – ein Sportlerfrühstück. Besonderheit hier: Zur relativ mild gehaltenen Suppe, in der sich nur vereinzelt Fleischstücke verloren haben, wird ein Schälchen mit eingelegten Chilis und ein gekochtes Ei, das in den Chilis lagert, gereicht. Ganz wenig vom Chiliwasser genügt allerdings, um die Suppe zu schärfen. Im Gegensatz zu den Unterkunftspreisen, die hier im Osten über dem von uns gewohnten Preisniveau liegen, scheinen die Preise für Essen gleich zu sein und die für den Einkauf von Getränken sogar niedriger. Die Straße 251 ist weiterhin die einzige Wahl für uns und bleibt uns heute von Anfang bis Ende erhalten. Schon früh haben wir die LKW bis ins Hotelzimmer gehört und so ist es nicht verwunderlich, dass wir auf der Straße nicht allein sind. Was im Gegensatz zu Westchina besonders auffällig ist, sind die vielen PKW. Vor allem Audi und VW in schwarz scheinen unter den reichen Leuten begehrt. Einige Kilometer nach dem Ort beruhigt sich der Verkehr etwas und da es über viele Kilometer leicht bergab geht, fährt es sich recht angenehm. Wir folgen einem Flusstal, doch vom Fluss ist fast nichts mehr zu sehen. Ein paar größere Pfützen sind stehen geblieben und an manchen Stellen fließt noch etwas, das dann gleich zum Wäsche-, Motorrad- oder Babywaschen herhalten muss. An den Seiten ragen halbgrüne Hügel in die Höhe, mal höher, mal niedriger. Wir wundern uns, warum die Autos immer stoßweise vorbeirauschen. Mal ist es einige Minuten ruhig, ja fast idyllisch, dann wiederum kommt uns eine Autoschlange entgegen. Die Lösung liegt auf der Hand: Eine mehrere Kilometer lange Baustelle, die nur einspurig passiert werden kann. Mit den Rädern können wir uns zwischen den wartenden Autos hindurchschlängeln und an die Spitze unserer Linie gelangen. Im Schritttempo zwischen zwei LKW halte ich mich an dem vor mir eine Weile fest. Der Fahrer guckt zuerst in den Rückspiegel, dann hängt er seinen Kopf aus dem Fenster, um mich zu sehen, als wenn er seinem Spiegel nicht traute. Er lacht. Doch da muss ich auch schon loslassen, denn es bietet sich die Gelegenheit, das Monstrum zu überholen. Als der LKW mich gut 5 Kilometer später an einer Steigung wieder einholt, winkt der Beifahrer wild, ich solle mich doch wieder hinhängen. Doch er ist zu weit weg, ich winke ab. Da hält der Fahrer mitten in der Steigung an und wartet, bis ich rangekommen bin. Ich hänge mich dran und versuche bis oben mein Gesamtgewicht mit meinem linken Arm gegen die Hangabtriebskraft zu halten und nicht zu kippen. Erfordert ein paar Sekunden Gewöhnung, dann klappt es. Oben angekommen werden mir noch zwei Flaschen Wasser herausgereicht und die beiden verabschieden sich. Solche Momente sind typisch für China und lassen einem selbst bei üblen Verkehrsverhältnissen oder unschönen Etappen vor Freude grinsen. Für unsere Mittagsnudeln, strategisch knapp 20 Kilometer vor Etappenende gesetzt, finden wir sogar ein Mäuerchen im Schatten, einige Meter von der Straße entfernt. Die Hitze wird nun drückend und wir sind fast zu faul, weiterzufahren. Doch es bietet sich keine Alternative, daher steigen wir nochmal auf. Als wir die Straßen der Stadt erreichen sind wir froh, denn die Hitze, der Staub und der Verkehr sind zusammen doch recht anstrengend. Wir fahren in der sicheren Annahme, gleich ein mittelgroßes Hotel zu finden, die Straßen auf und ab. Doch nichts. Manche Gebäude sehen von außen so aus wie ein Hotel, stellen sich aber als andere Einrichtung heraus. Zwei, drei Häuser sehen von außen schon so abstoßend aus, dass wir gar nicht in Erwägung ziehen, ein Zimmer anzusehen. Wir haben die Stadt schon durchkämmt und landen schließlich beim Touristenhotel, das angeblich auch das einzige ist, das Ausländer aufnimmt. Dies scheint in dieser Gegend sehr ernst genommen zu werden. Ich frage nach einem Zimmer, werde zum gegenüberliegenden Trakt verwiesen, drehe dort aber ab, weil ich nur Baustelle sehe. Also ziehen wir weiter. Wir sind nun schon über eine Stunde am Suchen, das gab es in China noch gar nie! KTV-Einrichtungen scheinen hier eigene Etablissements zu sein, nicht, wie wir es gewohnt sind, in Hotels integriert. Selbst im Außenbereich der Stadt, wo die Neubauviertel entstehen und wir schon öfter nagelneue Hotels gefunden haben, kein Glück. Ja gibt’s denn hier im Osten nichts Neues? In einer Seitengasse bin ich gerade fündig geworden (die Leute vor einem mitgenommenen Gebäude geben immerhin zu, dass es sich um ein „Binguan“ handelt), als Molle mich zurückwinkt. Er ist von Lydia (so ihr englischer Name) angesprochen worden. Sie ist stolz, ihr wirklich gutes Englisch anwenden zu können und möchte uns gerne helfen. Zusammen mit zwei Freundinnen auf Elektrorollern fahren sie uns voraus, um uns zu einem Hotel zu bringen. Als sich abzeichnet, dass sie auch auf das Touristenhotel zusteuern, erklären wir, dass wir nicht dorthin wollen, und die Mädels fahren mit uns, nach kurzer Überlegung zu einem anderen Hotel, das wir vorher nur im Augenwinkel gesehen hatten. Lydia stürmt mit ihren Mädels sogleich hinein, ich trabe hinterher. Im Eingangsbereich befindet sich die klassische Empfangstheke aus Kirschholzfurnier, doch es ist niemand da. Ich höre die Stimmen aus dem ersten Stock und steige über die klebrige Treppe nach oben. Dort ist der Raum der Zimmermädchen. Sie müssen ein fürchterliches Kostüm aus einer dunklen Hose und einer weißen Bluse über der eine biedere, rote Weste klemmt tragen. Drei sind momentan da, die anderen versuchen gerade diverse Zimmer, die zum Essen umfunktioniert wurden, vom gröbsten Dreck und den Speiseresten des Vorabends zu befreien. Ganz aufgeregt werden mir die Zimmer gezeigt. Ich handle das Doppelzimmer noch auf 100 Yuan (12 Euro) herunter und sage zu. Es ist relativ sauber und wir hätten sowieso keine Chance, hier irgendetwas Besseres zu finden. So schnell war all unser Gepäck noch nie im Zimmer. Alle packen mit an und schleppen die Taschen hinauf. Sie freuen sich so sehr und sind so aufgeregt, dass tatsächlich „Weiguoren“ (Ausländer) den Weg in „ihr“ Hotel gefunden haben. Der Boss – ein ekelhafter Typ mit Schnauzbart, Kippe im Mund und einem dicken Schlüsselbund an der Hose lacht auch ganz angetan. Als alles im Raum ist fragt Lydia, ob es möglich sei, Fotos von ihnen und uns zu machen. Ich hole die Kamera und es beginnt eine wilde Fotosession im Gang vor unserem Zimmer: die drei Freundinnen mit uns, jede der drei Freundinnen einzeln mit uns, jede der drei Freundinnen einzeln mit uns einzeln, die Zimmermädchen mit uns, jedes Zimmermädchen mit jedem von uns. Es ist ein Riesenspaß, vor allem, wenn eines der Mädchen das Foto mit der Spiegelreflexkamera macht. Wo schaut man da durch? Wo drückt man drauf? Ach, und ruhig halten wär auch noch eine Idee! Lydia besteht darauf, dass wir gleich ins Fotogeschäft gehen und die Dinger entwickeln lassen. So begleiten wir sie mit unserer Speicherkarte ins – immerhin – gegenüberliegende Fotostudio, das wohl auf Hochzeitsfotos spezialisiert ist. Man kann sogar ein Kleid auswählen, wenn man kein eigenes hat. Morgen sind die Fotos abholbereit und Lydia verspricht, sie an die Mädels im Hotel zu verteilen. Wir machen mit ihr und den beiden Freundinnen aus, dass sie uns um 18 Uhr abholen kommen, um gemeinsam Abendessen zu gehen. Bis dahin haben wir drei Stunden Zeit, uns frisch zu machen (was heute sehr nötig ist) und auszuruhen. Überpünktlich verlassen wir unser Zimmer, um vor dem Hotel auf die Mädchen zu warten. Die Straße hat sich unterdessen in einen lebendigen Abendmarkt verwandelt. Vor allem Frühlingszwiebeln werden feilgeboten, aber auch
ein paar Fleischhändler sind angerückt. Wir warten und setzen uns auf die Steinstufen neben dem Hotel. Sogleich bringt uns die Emma vom Laden nebenan zwei Sitzkissen zum Unterlegen. Alle, die uns entdecken scheinen sehr angetan, von uns Fremdlingen. Sie grüßen oder raunen „laowai“, was fast ehrfürchtig klingt. So oft verirrt sich wahrscheinlich auch keine Langnase hierher. Nach einer Viertelstunde erwägen wir schon ohne unsere chinesischen Freundinnen loszuziehen. Vielleicht ist ihnen etwas dazwischen gekommen, oder sie konnten auf unsere Einladung nur nicht mit nein antworten. Da schlüpfen sie plötzlich durch den Plastikkugelvorhang des Hoteleingangs. Wo wir denn gewesen wären, sie hätten gewartet! Da müssen wir wohl gerade beim Vordereingang raus und sie beim Hintereingang rein sein. Gemeinsam ziehen wir nun los, Lydia kennt ein kleines Lokal, wo sie öfter mit ihrem Großvater zum Essen geht. Dort sei es sehr lecker. Sie entert den Familienbetrieb als sei es ihr eigener. Das Restaurant ist ungefähr 2,50 Meter breit. Im vorderen Gästebereich stehen 6 Tische, dann kommt die durch Vorhänge abgetrennte Küche. Wir schlüpfen hindurch und ins Hinterzimmer. Hier steht noch ein großer runder Tisch mit Drehplatte. Außerdem das Bettsofa und sonstige Privatsachen der Restaurantbesitzer. Schnell springt die Mutti des Hauses auf, alles wird glattgezogen, die große Glasscheibe vom Koch persönlich gereinigt. Ich nehme auf dem Sofa Platz. Hier sitzt sonst immer ihr Großvater, meint Lydia. Wir bestellen fünferlei Gerichte und Lammjiaozi. Gerade als die beiden ersten Gerichte die Glasplatte erreicht haben, bekommt Lydia einen Anruf von ihrem Vater. Er klänge sehr ernst und besorgt, sie müsse nach Hause, sie wisse nicht, was los sei, vielleicht sei irgendetwas passiert. Schon ist sie weg und wir sitzen mit den Freundinnen – beide Krankenschwestern – und sechs Riesenportionen im Privatraum des Restaurants. Mit meinem Chinesisch und etwas Englisch, das eines der Mädchen ausgräbt (sie kann es eigentlich auch besser, als sie am Anfang zugegeben hat), können wir uns doch ganz gut verständigen. Wir schaffen es auch, fast alles aufzuessen. Als wir ins Dunkle hinaustreten fällt uns auf, dass beinahe jedes Haus in der Straße mit Lichterketten verschönert wurde. Überall blinkt und leuchtet es. So geschmacklos es auch sein mag – eigentlich sieht es ganz schön aus. Auf dem Rückweg zum Hotel werden wir noch allen Bekannten, die sich so auf der Straße finden vorgestellt –es ist eben etwas ganz Besonderes, wenn man sich mit Ausländern an der Seite zeigen kann. Dann werden wir herzlich verabschiedet. Kaum sind wir im Zimmer, klopft es an der Tür: eines der Zimmermädchen stürmt mit ernstem Gesicht herein. Sie redet ganz viel – viel zu viel, als dass ich es verstehen könnte. Ich versuche es mit Sondieren: ob sie den Ausweis will, ob sie noch etwas braucht? Letztlich kann ich aber heraushören, dass sie morgen Früh um acht, wenn wir gehen, nicht da ist und sie uns dann ja gar nicht mehr sehen kann. Deshalb ist sie gekommen, um uns noch einmal zu sehen. Sich bedankend huscht sie zurück zur Arbeit – die Separés sind voller saufender, fressender Chinesenmänner.

20Mai2010