05.10.2009 (k) – Langmusi – Tang Ke: 108km, 500Hm

Mit den ersten Sonnenstrahlen schlendern wir hoch zum großen Kloster, das wir gestern nicht mehr angeschaut haben. Über den Dächern liegt schwer der Rauch der Holz- und Kohlefeuer, die ein bisschen Wärme in die kleinen Häuschen des Ortes bringen. Wir sind warm eingepackt und angenehm gesättigt nach dem tollen Frühstück mit Mantou, Reisgrütze, Yak-Paprika-Fleisch, Bohnen und geraspelten Kartoffeln mit Sichuan-Pfeffer, das Ji und Chue am Vorabend geordert haben. Sind schon zwei nette Burschen, unsere Wege trennen sich dennoch heute, da die beiden auf der 213 Richtung Songpan und Chengdu weiterdüsen – haben ja nur acht Tage Zeit, denn dann enden die Nationalferien.

Einer langen Abfahrt, die Fingerspitzen und Gesicht erstarren lässt, folgen eine Polizeikontrolle und ein 400Hm-Anstieg bis zum Tunneleingang, an dem Ji und Chue nochmals warten. Gemeinsam wollen wir die 1,6km durchstehen. Ji radelt vorweg und hört leider die Rufe seines Freundes nicht mehr, der einen Platten hat. So verschluckt die schwarze Öffnung schnell den kleinen Chinesen auf seinem Giant-MTB. Wir warten noch und bieten Hilfe an, doch Chue gibt uns zu verstehen, dass wir weiterfahren sollen. Und so gehorchen wir und fahren gut beleuchtet, langsam und umsichtig durch den teilweise schlecht beleuchteten Tunnel. Wir haben aber Glück und während unserer Durchfahrt kommt von hinten kaum Verkehr.

Kurz nach dem Ende des Tunnels zweigt die Straße für uns nach Westen ab, während die beiden ab hier geradeaus weiter müssen. Wir sprechen noch mit einem Einheimischen, der des Weges kommt und er gibt die Entfernung für uns auf 80km an. Na toll, der muslimische Gästehausbesitzer sagte noch 70km. An der Abzweigung angekommen, weist ein riesiges Schild den Weg nach Tank Ke: 91 km! Ja vielen Dank. Es ist schon fast 12 Uhr. Na dann aber in die Pedale getreten und los. Ab hier beginnt ein weit ausgedehntes Grasland, das jetzt im Herbst zwar nicht mehr grün ist, aber auch die gelb- und brauntöne geben mit den Hügeln und dem blauen Himmel, der mit weißen Wölkchen verziert ist, ein augenfreundliches Bild ab. Zu unserem Entzücken ist die Straße geteert. Immerhin. Wir träumen noch von langen Geraden und leichtem Rückenwind, da haben uns die ersten Anstiege fest im Griff. Wir schwitzen und berechnen mal wieder die Stunden bis Sonnenuntergang. Negativ fällt uns die gestiegene Hundedichte auf. Wir befinden uns aber nun mal auf einer sehr kleinen Nebenstraße, die mit Nomadenzelten und festen Behausungen gesäumt ist. Und vor fast jeder dieser Ansiedlungen lauert ein großer, schwarzer Hund. Die meisten sind glücklicherweise an einem Holzpflock angeleint und strangulieren sich bei unserer Vorbeifahrt fast selbst. Trotzdem beladen wir unsere Taschen mit Steinen und Katrin hat sogar das Abwehrspray bereit. Und so kommt es, wie es kommen muss. Ein langer, steiler Anstieg führt an einem Zelt, das gut 100m weiter unten liegt vorbei. Zwei angeleinte Hunde bellen, ein dritter ist nicht angeleint, wir durch das Bellen schön animiert und startet den Angriff. Laut bellend und mit großen Sprüngen nähert er sich der Straße und Katrin, die 10m hinter mir ist. An Flucht ist nicht zu denken. Katrin wirft schon die ersten Steine und wir brüllen wild herum. Schließlich stoppt der Köter ab und trollt sich. Wir kurbeln angestrengt und leicht geschockt weiter. Oben angekommen, bemerkt Katrin, dass sie leider in der Hektik das Spray, das in derselben Tasche wie die Steine war, verloren hat. Das wurmt. Trotzdem hat keiner Lust, zu der Stelle zurückzufahren und sich erneut dem Hund zu stellen. Zudem haben die Szene fünf oder sechs Tibeter verfolgt und wir denken, dass sie das Teil schon eingesackt haben. Uns folgt jedenfalls auch keiner, um es evtl. zurückzugeben und so fahren wir etwas geknickt weiter.

Jedes Zelt und jede Behausung lassen ab hier den Adrenalinpegel steigen und die Fahrt etwas im psychischen Stress versinken – obwohl die Landschaft wirklich von bester Qualität ist. Dann der Ruf von hinten: Platten. Auch das noch. Gerade haben wir eine längere Pause gemacht, jetzt dies. Wir schmeißen unsere Räder in die Wiese (beide Fahrradständer sind leider schon Vergangeheit – üble Qualität). Da stoppen auch schon zwei Mofas mit je einem Tibeter und seiner Angebeteten besetzt. Sie hocken sich vor uns ins Gras, zünden ein Zigarettchen an, sowas sieht man nicht alle Tage. Eine lustige Begegnung.

Kurz nach dem Pannenstopp wir die Straße so hundsmiserabel, dass wir nicht mehr daran glauben, die verbleibenden 50km noch zu bewältigen. Aber, wir haben genug Proviant und Wasser, dass wir auch hier im Grasland campieren könnten. So beruhigt genießen wir die Landschaft wieder deutlich mehr und fahren entspannt weiter. Irgendwann hat uns der Teer wieder, die Strecke wir deutlich flacher und auch der Wind hilft ein bisschen mit. So erreichen wir im Abendlicht den „First Bend of Yellow River“, die erste richtige Schleife des Gelben Flusses. Ein schöner Flecken Erde. Nachdem wir ihn genossen haben radeln wir die restlichen Kilometer locker zu Ende, als wir plötzlich in der Ferne ein paar Tempelchen und mehrere große Hügel, auf denen zahlreiche Gebetsfahnen flattern, erblicken. Alles ist übersät mit chinesischen Touristen. Eine wahre Attraktion muss das hier sein. Rechts unten erwecken mehrere Zelte unser Aufmerksamkeit. Ein Campingplatz? Da schauen wir doch mal hin. Ein großes Holzgebäude mit Aufenthaltsraum und einer schönen Terrasse empfangen uns. Davor, viele kleine Zelte auf einem Stück Wiese. Hier bleiben wir. Schnell errichten wir unsere kleine Festung, legen uns trocken und machen es uns auf der windgeschützten Terrasse mit Gaskocher, Töpfen, Nudelsuppe, Kartoffelbrei und Bier gemütlich. Vor uns der Gelbe Fluss, in der Ferne noch ein bisschen Sonne und viele dunkle, schwarze Wolken. Beim zweiten Bierchen und Kaffee beobachten wir die zuckenden Blitze in der Ferne und machen uns Mut für eine trockene Nacht. Ehe wir ins Zelt huschen, ist dann auch das Gewitter am Horizont vorüber und der Himmel über uns wieder recht klar, sogar der Vollmond (-1 Tag) strahlt über den Tempeln im Hintergrund. Aber kalt ist’s…und laut. Unterdessen sind nämlich die anderen Campinggäste vom Berg zurück und feiern vor ihren Zelten eine Party. Zwar ohen Alkohol und Proleterei, dafür mit lauter Musik und noch lauterem Geschnatter. Wir sind so müde, dass wir trotzdem schon ins Zelt gehen und irgendwann, ist der Spaß mit einem Schlag vorbei und alle trollen sich in ihre Zelte. Lautes Hundegebell und das Schnarchen der Nachbarn machen die Ohrenstöpsel ab jetzt zu einem unverzichtbaren Gadget, um die nötige Ruhe zu finden.

05Okt2009