21.10.2009 (k) – Yanyuan – Lugu Hu: 122 km, 850 Hm

Morgenritual: 5 „Breakfastcookies“, 1 Nutrifit zu zweit, 2 French-Bread, 1 kleines Wasser; Aufbruch; Baozistand: „bitte 2 Körbe zum Mintnehmen“ (= 16 Stück) – „Ja, hier biitesehr, 10 Kuai“ (= 1 Euro).

55 km sollen es bis zur Abzweigung nach Ninglang sein, von dort eine undefinierbare Querung – vielleicht 40km, keiner weiß, wie viel Höhe, welcher Straßenzustand. Mit knapp 100km scheint uns die Strecke zu lang und unberechenbar, also soll es heute nur bis zur Abzweigung gehen, wo hoffentlich ein kleines Luguan (Gästehaus) für uns bereitsteht. Oder vielleicht doch weiter, falls die Straße gut aussieht? Dies sind so die Gedanken, mit denen wir uns seit gestern Abend beschäftigen – zugegeben nicht weltbewegend, doch unvermeidbar.

Die Straße 307 führt zunächst weiter über die fruchtbare Hochebene, die wir gestern erreicht haben: Apfelbäume in voller Frucht, Mais, Kürbis und Blattgemüse stehen auf den Feldern zur Abholung bereit. Planwagen von Pferden gezogen sind noch gängiges Verkehrsmittel. Als sich die Straße in Meiyou verzweigt – eine Route führt von hier nach Muli im Norden – biegen wir in eine liebliche Schlucht ein, der wir bis zu unserem anvisierten Etappenziel Yantang immer schön flussabwärts folgen. Es fährt sich wunderbar und schnell. Die grün bewachsenen Hänge, das Rot der Erde und der Flusssteine und die kleine, gut fahrbare Teerstraße lassen Freude aufkommen. In die Hänge über dem Fluss sind viele Stollen geschlagen. Wir fragen uns, wie viele Männer im Moment wohl im dunklen Inneren dieser Berge die Kohle herausschuften, während wir hier draußen bei strahlend blauem Himmel vorbeiziehen und so gar keine Vorstellung von dieser harten Arbeit haben.

Viel zu früh um bereits vom Sattel zu steigen – vor allem bei so einem Kaiserwetter –  erreichen wir Yantang. 8km weiter blicken wir zuerst auf das Straßenschild „links Ninglang 50km“, dann auf die steil aufragende Dreck-Steinpiste , dann uns gegenseitig fragend in die Augen, dann nochmals auf das Straßenschild:

„geradeaus Lugu Hu 65km“. Hatte der Alte Klowärter (5 Pfennig) vor dem nagelneuen „touriem toliet“ am Ortseingang von Yantang doch recht: „Die Straße nach Ninglang ist sehr schlecht. Nicht gut mit dem Fahrrad zu fahren! Außerdem sehr viel bergauf.“ Wenn dieser „local“ schon richtig lag, dann wissen die beiden vor uns stehenden Händler vielleicht auch etwas? Ja: die Straße zum Lugu Hu sei keine „shan lu“ (bergauf), sondern „pian“ (flach); sie sei außerdem „hao“ (gut). Logisch, dass wir nun geradeaus dem schönen Teersträßchen Richtung See folgen. 12.00 Uhr mittags – sieht gut machbar aus. Wir hoffen, dass auch diese „locals“ richtig liegen, wobei man immer stutzig wird, wenn sie Orte, die auf der Karte 20 km entfernt eingezeichnet sind, nicht kennen.

„Unser“ Fluss fließt noch 25km weiter bergab und manchmal ist nicht klar, ob wir schneller sind, oder er. Doch ein Blick auf die Karte hat uns auch verraten, dass es so nicht bis zum See weitergeht, sondern dass wir alsbald einem anderen Fluss, der von Westen kommt, entgegen fahren werden. Wiederum 25km weiter das Gleiche Spielchen noch einmal – dieser Fluss ist nun aber wirklich gemein. Warum muss ausgerechnet der sich nun so brachial in die Tiefe stürzen, dass wir noch richtig gefordert werden, auf diesen letzten 15km für heute. Mal wieder ein Stück zu lang – wenn auch wunderschön, dass muss man zugeben. Doch Molle meint, nach 107 km wird man ja wohl mal sagen dürfen, dass es reicht und man jetzt gerne am See in der Sonne liegen würde. Huhu, Lugu Hu, wo bist du? Der frühe Sonnenuntergang macht hier wirklich etwas Stress. 18.30 Uhr ist doch keine Zeit! Eine Stunde vorher sind wir am Kassenhäuschen, um den Eintritt für die „Lugu Hu Area“ zu berappen. Ich ordere in fließendem Chinesisch (;.)) zwei Studententickets und bin froh, dass uns die Frau im Kassenhäuschen nur acht statt 16 Euro abknöpft und dabei nicht nach gewissen Ausweisen fragt. Bald liegt der See im Abendlicht vor uns. Hier muss man dem Reiseführer mal ausnahmsweise zustimmen: „nach wie vor ein einzigartig schöner Flecken Erde“. Im Shangri-La Hotel beziehen wir ein tolles Zimmer im Holzhaus, können sogar ein Stückchen See von hier sehen und beschließen, morgen einen Pausetag zu machen. Denn nach 850 „Flachenmetern“ wissen wir: flach ist relativ.

21Okt2009