19.08.2012  Genf – Saint-Claude: 67km, 1300Hm

Die Reißverschlüsse unserer Zelte surren wieder unter dem Schutz der morgendlichen Kühle. Und fast ist man versucht zu frieren. Schnell erinnert man sich jedoch, dass für heute einer, wenn nicht der heißeste Tag des Jahres folgen soll. Für umgerechnet 33 Euro leistet der schweizer Campingplatz „Point de la bise“ nichts Außergewöhliches. Die Sanitäranlagen des ****-Ladens sind zwar von sehr „hoher Qualität“, wie der Schweizer sagen würde, die Zeltwiese ohne Bäume ist dem Preis jedoch nicht angemessen. Wir haben uns an den äußeren Rand des Platzes verzogen, wo wir von der Lüftung des Nassbereiches in den Schlaf geblasen wurden. Immerhin, die Holzterrasse vor der Rezeption ist sehr gemütlich, wo am Abend der Rosé aus Frankkreich mundete, schmecken jetzt der Jura-Kaffee plus ein Croissant. Diese Frühstückskombination räubert jedoch massiv durch die Urlaubskasse. Urlaub in der Schweiz ist definitiv nichts für den schmalen Geldbeutel.

Wir rollen wie schon vor zwei Wochen am Südufer des Sees entlang und schießen vor der weltberühmten Fontäne ein Abschlussfoto. Damit ist der Erfolg unserers Trips besiegelt. Über 16000 Höhenmeter haben wir „eingeebnet“, traumhafte Ausblicke genossen, geschwitzt, gelitten, gejubelt und viel gelacht. Danke Dirk!

An diesem Sonntag Morgen ist Genf offensichtlich noch nicht richtig wach. Ein paar vereinzelte Jogger, die ihre Wasserflaschen am Gürtel tragen, wie einst John Wayne seine Patronen, tappeln am Ufer entlang, wollen offenbar vor der Glutshitze am Mittag wieder zu Hause sein. Rentner schlendern die schnurgeraden Teerstreifen entlang. In der Innenstadt nahe des Bahnhofs tummeln sich einige zwielichtige Gestalten, bilden Grüppchen, murmeln in uns nicht bekannten Sprachen. Die Bettler haben ihre Positionen im Schatten eingenommen, gleich kann es losgehen, gleich sind die Frühstücksplatten geputzt, die Buffets geleert. Ein neuer Tag in der Touristenstadt Genf kann beginnen.

Nicht für mich, ein schneller Kaffee noch, eine herzliche Umarmung, dann schluckt der unterirdische Eingang des Bahnhofs Dirk, während ich auf der Brücke darüber fahre. Ein komisches Gefühl, plötzlich alleine seiner Wege zu gehen. Der Blick in den Rückspiegel offenbart es: keiner mehr da! Mein Ziel ist soweit klar, von Genf aus in Richtung Gex, von hier ragt der Col de la Faucille auf und entlässt den Radler erst bei 1324m wieder aus seinen Klauen. Kurz hinter der schweiz-französischen Grenze (der Übergang wird durch den Wechsel von aalglattem auf sehr rauen Teer auch taktil schön veranschaulicht), hat eine Boulangerie geöffnet, die gerade eine Menge frische Pizzen aus dem Ofen geschaufelt hat. Eine halbe Salami-Oliven-Pizza gehört mir. Eine weise Entscheidung, wie sich später noch herausstellen soll. Eisern greift der Pass zu, fast durchgehend um die 7-8%, in den Spitzen bis 10%. Nicht, dass wir das in den letzten Wochen nicht ausgiebig trainiert hätten, jedoch treibt die Hitze hier und heute ihr ganz besonderes Spiel. Leider erreiche ich den Höhepunkt der Steigung genau zwischen 12 und 13 Uhr. Der Hang gleicht einem Glutofen. Der Schweiß rinnt aus den Poren und strömt auf das Oberrohr des Bikes, als schütte mir jemand in regelmäßigen Abständen ein Glas Wasser über den Kopf. Ich halte mich an, regelmäßig zu trinken und gleichmäßig, aber langsam zu treten. Schließlich ist keiner da, der mich vom Teer schaben würde, würde ich hier und jetzt vom Rad kippen. An Napoleons Quelle, die nach 2/3 des Weges am Rand aus dem Jura rinnt, kann ich mich erfrischen. Das kalte Wasser platscht in meinen Nacken und das Gesicht, die Arme tauchen in das Becken ein. Herrlich. Wenige Kehren später ist der Spaß aber auch schon wieder vergessen. Heiß, heißer, brutal heiß! Vor mir sehe ich einen Radler autauchen. Eine Packtasche, einen Korb mit Rucksack darin. Er schiebt das Vélo, tapselt, ja torkelt fast am Wegesrand. Ich sprechen ihn an: „Where do you come from?“ „Ich verstand nix, ich bin Deutsch-Schweizer.“ Recht hat er. Jedenfalls geb ich mich als Deutscher zu erkennen. Er erzählt mir eine abstruse Story, die ich nicht ganz verstehe. Was ich jedoch verstehe ist, dass er den Anstieg komplett unterschätz habe. Vorhin hätte er schon eine Stunde im Schatten gelegen. Er ist ziemlich übergewichtig und sieht sicherlich noch fertiger aus als ich. Ich fahre langsam weiter, sehe ihn im Rückspiegel wieder in den Schatten wanken. Später überholt mich ein Krankewagen, hoffen wir mal für ihn, dass dieser nicht für ihn gefahren ist.

Dem Straßenverauf in meinem GPS kann ich entnehmen, dass die Qual bald ein Ende hat und so erreiche ich sichtlich erleichtert und ohne nenneswerte Wasservorräte die unspektakuläre Passhöhe. Aus dem Landschaftsverlauf kann ich schlussfolgern, dass dies nicht meine letzten Höhenmeter für heute gewesen sind. Immerhin geht es jetzt einige Kilometer geradeaus, dann 5 Kilometer steil bergab in das Dörfchen Mijoux. Zeit, meine Flaschen aufzufüllen. Ich steuere das einzige Lokal an der Straße an, geselle mich zu den Weintrinkern an den Tresen und ordere eine Cola. Nebenbei halte ich der schnippischen Dame meine Wasserflasche hin, mit der Bitte, dass sie diese füllen möge. Sie winkt ab und zeigt auf den Brunnen gegenüber. Es sei zwar „eau non potable“, sie habe es gestern jedoch auch getrunken und lebe noch. Die Trinkergemeinde lacht höhnisch, während ich mein Cola hinunterstürze. Kurz vor dem Gehen erkundige ich mich nach der Toilette und fülle dort meine Flaschen auf.

Der folgende Anstieg besteht aus genau vier ein Kilometer langen Kehren, die sich glücklicherweise flacher und schattiger durch den Wald fräsen als der mittägliche Aufstieg. Auf der Anhöhe, die mit ihren sanften Hügeln sehr ländlich anmutet, brüllt die Hitze ebenso. Immerhin weht aber ein leichtes Lüftchen, was den Schweiß unter einem kühlenden Aspekt trocknet. Wenige Kilometer weiter senkt sich die Straße immer mehr, um dann schließlich richtig steil durch eine schöne Schlucht nach Saint-Claude hin abzufallen. Die Hitze die die Felswände in den sonnigen Passagen abstrahlen erhitzen das Gesamtkonzept auf sicher 50 Grad. Der absolute Wahnsinn. Direkt am Ausgang der Schlucht zweigt, angezeigt durch ein erlösendes Schild, der Weg zum Campingplatz ab. Herrlich gelegen, neu renoviert, mit Schwimmbad! Erschöpft lasse ich mich im Schatten des Baumes an meinem Stellplatz nieder und erhebe mich erst gute zwei Stunden später wieder, als es nur noch 30 Grad hat und mein Magen seine Ansrpüche für heute Abend geltend macht. Die Frau eines deutschen Paares schenkt mir noch einen Becher ihres Rotweines ein, da ich doch so allein sei. Morgen wird ausgeschlafen, im Schatten gehockt und geplant. Mehr nicht.

2012-08-19