30.05.2010 (m) Mauerlauf in Jinshanling

Die Hitze und die feuchte Luft der letzten Tage ist der Entstehung von Gewittern sehr zuträglich. Keine Frage also, dass wir unser chinesisches Frühstück mit säuerlichen Salaten, Reisschleim und Mantou bereits um 8 Uhr einnehmen, um anschließend direkt auf die Große Mauer zu klettern. Noch erblicken wir über uns vorwiegend blau und nur einige weiße Quellwolken ziehen am Himmel umher. Obwohl noch ziemlich früh am Tag, ist es bereits ungewöhnlich warm. Für die kilometerlange, schweißtreibende Kletterei über die Mauer möchten wir uns noch mit etwas Proviant eindecken. „Normale“ Geschäfte gibt es vor Ort nicht, alles ist auf den Tourismus zugeschnitten. Mutig schreiten wir zum ersten „Garagen“-Laden und ordern zwei Packungen Fertigsuppen. Wie erwartet liegt der Preis deutlich über dem Durchschnitt: 25 Yuan für zwei Suppen. Wir lachen beherzt auf und teilen dem Mann mit, dass wir seit nunmehr fünf Monaten in China seien und zwei dieser Aufbrüh-Teigwaren nicht mehr als zehn Yuan kosten dürften – den Touristenzuschlag bereits eingerechnet, denn der echte Straßenpreis beträgt sechs Yuan. Der touristengeprüfte Verkäufer bleibt aber hart und lässt sich nicht am Ende nicht weiter herunterhandeln als 13 Yuan. „Only two Euro, only two Euro!“. Versucht er mit diesen Worten seinen hohen Preis billig erscheinen zu lassen? Dies misslingt auf jeden Fall gründlich. Da wir aber ohnehin keine andere Wahl haben und hier alle Verkäufer gemeinsame Sache machen, drücken wir ihm die Scheinchen in die Hand und binden die Tüte mit den zwei Paketen an den Tagesrucksack, in dem bereits das heiße Wasser in der mitgeführten Thermoskanne auf seinen Einsatz wartet. Zudem tragen wir noch eineinhalb Liter Trinkwasser mit. So fühlen wir uns bestens gerüstet. Nach dem sehr modernen Ticketkontrollschalter folgen wir einige hundert Meter einer Teerstraße, vorbei ein zahlreichen weiteren Verkäufern, die alle ein paar Brocken Englisch sprechen. Obwohl dieser Mauerabschnitt auf noch nicht sehr vielen Touristenlandkarten verzeichnet ist, sind es wohl genug, dass es sich für die ansässigen Händler lohnt, sich auf die Besucher ohne Chinesischkenntnisse einzustellen. „Hiiiiiloooouuuuuuuuu. Hoooout woaatta?“. Nein danke, haben wir bereits in der Kanne mit dabei. Zügig durchschreiten wir den Stände-Spalier und erreichen einen kleinen Parkplatz von dem aus die Stufen auf die Mauer hinaufführen. Eine Gruppe chinesischer Studenten ist kurz vor uns und so müssen wir noch eine Weile deren Gegröle, Gesinge und Posieren (Victoryzeichen so weit das Auge reicht) ertragen. Wir sind jedoch etwas trittsicherer und wohl auch konditionsstärker, so dass wir den Trupp rasch zurücklassen. Was wir Erblicken, sobald wir die Mauer erklommen haben, ist schlicht atemberaubend. Man sollte ja sparsam mit diesem Vokabular umgehen, aber hier passt es einfach. Über mehrerer Kilometer windet sich die Mauer, die an dieser Stelle erst kürzlich aufwendig renoviert wurde, über die steilen Bergkämme. Ein Wunderwerk der Baukunst, wenngleich sicher unzählige Arbeiter beim mühsamen Errichten der Mauer ihr Leben lassen mussten. Es ist so beeindruckend, wie es überhaupt in halbwegs überschaubarer Zeit möglich war, die kiloschweren, gebrannten Steine an Ort und Stelle zu schleppen und Stein für Stein aufzuschichten, bis dieses imposante Gebilde fertig war. Die Berge , nah und fern, bilden eine geniale Kulisse für das Foto-Feuerwerk, dass wir bei unserem Weg über diesen Abschnitt abbrennen. Nach jeder Windung, jeder Treppe, jedem Turm, hinter jedem Winkel winkt der scheinbar noch spektakulärere Blick. Bei all den atemberaubenden Ansichten, vergisst man fast, dass man ja wirklich außer Atem ist, und zwar wegen der zum Teil extrem steilen Treppen, die wie Himmelsleitern nach oben führen. Die Mauer führt wirklich über alle Kuppen und Senken, geschenkt wird einem hier gar nichts. Aber es ist so richtig schön. Das Wetter spielt mit und es sind kaum Menschen unterwegs. Die Busse aus Peking treffen erst später am Tag hier ein. Da sollen wir uns schon auf dem Rückweg befinden. Bis dahin begegnen wir nur ein paar einsamen Verkäufern, die „ice woatttaaa“ anbieten und wenn gar nichts mehr geht sogar „beeer“. Uns tun die abgekämpften Händler schon fast Leid, die meist zwei oder drei Rücksäcke oder Tüten mit Getränken über den mühsamen Weg schleppen. Aber wir haben doch eine große Flasche Wasser im Rucksack, erklärt Katrin stets geduldig. Fast wollen wir aus Mitleid bei ihnen einkaufen, doch dieses legt sich rasch, als wir auf unserem Rückweg sehen, was mittlerweile für Massen über die Mauer schieben. Unser Umkehrpunkt ist etwa auf der Hälfte der Strecke Jinshanling – Simatai. An dieser Stelle wäre auch der Eintritt von weiteren 50 Yuan für den zweiten Abschnitt zu entrichten. Wir lassen uns nieder und schlürfen unsere Suppe, während der Menschenstrom immer mehr zunimmt. Zu unserer Überraschung sind es nun fast nur noch Amerikaner oder Europäer, die hier entlang keuchen. Teilweise sind die oftmals leicht übergewichtigen Menschen der Ohnmacht nahe und lassen sich von chinesischen Frauen an dem Händchen, aus dem sie zuvor die „ice woatta-Flaschen“ gerissen haben, nehmen und zur „Mittelstation“ nach oben führen. Zu ihrer Verteidigung muss man allerdings erwähnen, dass manche Stellen wirklich so steil sind, dass man ohne Stufen wohl richtig klettern müsste. Zudem sind ausgewählte Abschnitte im Originalzustand belassen und man muss schon sauber hintreten um nicht umzuknicken und/oder zu stürzen. Als wir gesättigt sind, sehen wir von Weitem dunkle Wolken heranziehen, die wenig später im vorgelagerten Tal beginnen abzuregnen. Sehr zügig laufen wir daher den Weg bis zu der Stelle zurück, die einen Abstieg von der Mauer zulässt – er ist unweit der Bergstation des kleinen Liftes für die Faulen, Alten oder Gehbehinderten. Ganze Horden von Fleischbergen, die einen stark amerikanischen Slang von sich aussenden, passieren wir, was unsere Freude, einen relativ frühen Start in den Tag geschafft zu haben, noch steigert. Geradezu unermesslich wir die Freude, als wir gegen Mittag unser Zimmer erreicht haben und der Regen aufs Dach trommelt, während in der Ferne der Donner grollt. Wie viele Mauerläufer jetzt wohl gerade in irgendwelchen Türmen sitzten und das Unwetter abwarten? Da es sich aber nur um ein Gewitter handelt, endet der Zauber auch relativ bald wieder und die Sonne spitzt zwischen den Wolken hindurch. Dies gibt uns die Möglichkeit, auch den Nachmittag noch sinnvoll zu gestalten: Wir putzen und ölen mal wieder die Räder. Katrin springt für die Mauerfotos in Abendstimmung nochmal nach oben und als sich die Sonne für heute verabschiedet suchen wir das Hotelrestaurant auf und speisen wieder gut zu Abend. Bevor sich, wie schon gestern, die gesammelte Belegschaft zum gemeinsamen Abendessen niederlässt, begleichen wir die Rechnung und ziehen uns in unser Zimmerchen zurück. Auf dem Weg dorthin laufen wir durch die kleinen Gassen der Anlage, genießen die Ruhe und fühlen uns so gar nicht in China. Der Kanalgeruch im schimmlig-feuchten Bad und der nicht funktionierende Toilettenabfluss, das Staatsfernsehen CCTV und das Nachtkästchen mit den vielen Knöpfen, über die man alle Lichter bedienen kann, sorgen jedoch schnell wieder für das authentische China-Feeling.