19.03.2010 (k) Pinghe – Zhangpu: 55km, 300Hm

Ich habe heute ungefähr 143 Wischmopps gesehen. Und das auf 55 Kilometern. Eigentlich wollte ich ja eine Wischmoppserie fotografieren, doch thematische Serienfotografie und Fahrradetappe passen nicht so gut zusammen – das ständige Absteigen und Anhalten alle paar Meter hält zu sehr auf bzw. lässt den Anschluss zum Vordermann massiv abreißen. Dennoch, hier ist Wischmoppland. Ich glaube, das Teil wurde in der Provinz Fujian erfunden. Manche sind einfarbig mit richtig dicken Stofffetzen – es lässt sich noch der alte Verwendungszweck der Lumpen erkennen, z.B. T-Shirt oder Hemndsärmel. Andere sind knallig bunt – hunderte Stoffstreifen quastenartig zusammengebunden. Manche hängen mutig im Baumwipfel zum Trocknen, andere lehnen lässig an der von der Sonne erwärmten Blechgaragentür, wieder andere werden sogar von Hunden bewacht, wenn man sich zum Fotografieren nähert. Sie stecken in Vasen, Kübeln und Fahrrädern und halten ihre Frisur in die Sonne. Manche dürfen sich am Waschbeckenrand ausruhen, ihre verschmutzten Flügel hängen lassen. Andere sind dagegen im Einsatz – und das heißt hier nicht nur Bodenwischen bzw. Dreckverschmieren – ich habe sogar gesehen, wie einer den Minibus waschen durfte. Ich denke, den Möppern geht es hier gut, sie bekommen viel Aufmerksamkeit und werden gebraucht, was wünscht man sich mehr. Müllplatz hingegen wäre ich hier nicht gerne – da wird man einfach ignoriert. Nur wenige Leute werfen ihre Reste hinein, stattdessen wird das stinkige Gut schön breitgefächert am Straßenrand entsorgt. Je länger das Müllband geht, desto besser, scheint es. Das ist auf der heutigen Etappe wirklich extrem. Vor manchen Häusern und in den Höfen liegt der Müll einfach schön verteilt herum, aber es scheint die Menschen nicht zu stören. Auch die Flüsse und Tümpel bleiben nicht davon verschont, was als Resultat übelriechendes Brackwasser zur Folge hat. Fast die gesamte Strecke heute ist besiedelt.  Zu Beginn fährt es sich nicht ganz so gemütlich, da relativ viel Verkehr herrscht. Auch gegen Ende nimmt dieser, proportional zum Müll, wieder zu.  Zwischenzeitlich kurven wir allerdings über ein ruhiges Sträßchen durch hügelige Landschaft mit wegen des Dunstes leicht getrübtem Blick auf die gar nicht einmal so niedrigen, bewaldeten Berge in der Umgebung. Wie in Südtirol kommen wir uns vor – dieser Vergleich kommt landschaftlich gesehen ziemlich genau hin. Als wir ins Träumen geraten, haben wir das Gefühl, durchs Etschtal zu fahren. Wir durchqueren die Anbaugebiete von Cocktailtomaten, Bohnen, Gurken und der Apfelbirne (so sieht die Frucht zumindest aus) und durchfahren auch heute wieder Pomelohaine, die einen wunderbaren Duft verströmen – wie Jasmin.  Hier noch ein paar Infos zur Begriffsklärung: Die Kreuzung der Pampelmuse mit der Mandarine nennt sich Orange, die mit der Orange nennt sich Grapefruit. Die Rückkreuzung der Pampelmuse mit der Grapefruit nennt sich Pomelo. Im Englischen wird die echte Pampelmuse jedoch als Pomelo, Pummelo oder Shaddock bezeichnet, während im Spanischen und Französischen die Grapefruit unter Pomelo bekannt ist. Soweit zumindest Wikipedia. Alles klar an der Pampelmusenfront?

Wir sitzen auf blauen Plastikhockern an einem Zweiertisch und warten auf unsere Bestellung. Das kleine Restaurant quillt über vor Leuten und Essbarem im Angebot. Die gesamte Fisch-Krebs-Muschel-Theke lassen wir zwar ebenso links liegen wie die große Auswahl an kalten Speisen. Für uns faucht der Bunsenbrenner unterm Wok, Zuckerschoten, Schweinefleisch mit Paprika, Fisch-duften-Aubergine und gebratene Kartoffeln haben wir geordert. Wir stoßen gerade mit einem Bier an, als Yu an unseren Tisch tritt – er sagt, dass er uns heute schon auf dem Fahrrad gesehen habe. Nach ein paar Worten im Stehen gesellt er sich mit seinem Freund – mit dem englischen Namen „Kevin“ – und einem Teller gebratenen Zuckerschoten zu uns an den Tisch. Nach und nach trudeln unsere und ihre Bestellungen ein und wir mümmeln uns in authentisch chinesischer Manier zu viert durch alle Gerichte. Soweit mein Chinesisch reicht unterhalten wir uns – und da Yu sehr bemüht und langsam spricht, reicht es sogar ziemlich weit: die beiden sind 21. Yu schreibt Bücher – solche wie Harry Potter – also Genre Fantasy; Kevin ist Friseur; wobei ich das eher nicht verstehe, da ich weder das Wort für Haare, noch für schneiden oder Friseur kenne, sondern es vermute, denn er sieht einfach so aus. Wir plaudern übers Wetter, über das Woher und Wohin, über das Verheiratetsein und über das Essen. Die beiden sind äußerst sympathisch – sie verkörpern für mich die neue Generation der chinesischen Männer: aufmerksam, höflich und zuvorkommend, aufgeschlossen, lieb und ein wenig weich im positiven Sinn. Hoffentlich ist es eine ganze Generation, die so ist, denke ich mir manchmal, und nicht nur wieder ein paar Individuen, die sich nicht durchsetzen können. Als wir alle satt und die Platten leer sind, möchte ich bezahlen, doch Yu hat das schon lange erledigt und da sollte man dann in China auch nicht die große Diskussion anfangen. Wir folgen noch der Einladung mitzukommen, es sei nur ein paar Schritte von hier – da könnte man sich besser unterhalten, denn da gäbe es eine „Übersetzung“. Ein paar Zehnermeter weiter biegen wir in einen stylischen, kleinen Friseurladen ein. Das restliche Team von 6 fertigen und angehenden Friseuren tummelt sich auf dem Sofa, tippt mit dem Handy oder ist beschäftigt. Sie tragen die schönsten Trendfrisuren – fransig, nicht zu kurz, aufgestellt oder quergeföhnt, wie es sich für den modernen chinesischen jungen Mann gehört. Ein Lehrling, der vielleicht gerade 16 ist, kann ein bisschen Englisch und zeigt uns stolz seine blauen Kontaktlinsen. Wir hatten sowieso vor, in Shanghai zum Friseur zu gehen – warum dann nicht gleich hier? Molle ist zuerst entschlossen, denn er möchte nämlich ganz und gar kein Mopp sein. Er findet es nicht erstrebenswert, für jeden Scheiß und Dreck den Kopf hinhalten zu müssen, hat aber Bedenken, dass er mit seiner mittlerweile verwachsenen Matte bald für einen gehalten werden könnte. Er wird in den ersten Stock – bzw. auf die eingezogene Decke zu den Waschbecken geführt. Vor dem Waschbecken steht eine gemütliche Liege, auf der man sich auf den Rücken legt. Dann bekommt man die Haare gewaschen – inklusive Kopfmassage. Eine Anwendung, die schon gut 10 Minuten dauert. Ich sitze derweil am Computer hinter der Theke und kommuniziere über „google translate“ mit den Jungs, die gerade nichts zu tun haben. So ist es leicht, über Themen zu reden, die der eigene begrenzte Wortschatz nicht zulässt. Es ist aber auch lustig und führt nicht immer zum Erfolg, denn auch die Maschine tut sich schwer, das bildhafte Chinesisch in die richtigen Worte zu fassen. Molle sitzt mittlerweile auf einem Stuhl im unteren Bereich. Es geht nun darum, wie mit ihm weiter verfahren wird. Auf dem PC steht: „we thought about pruning“ … jetzt reicht entweder mein Englisch nicht oder „pruning“ gibt es gar nicht. Hm, denken die an Färben – nee, so viele graue Haare hat Molle jetzt wirklich noch nicht, aber was wollen sie? Alle sind etwas unschlüssig. Der Jüngste sagt etwas von „only drying?“ und jetzt kapiere ich: sie sind sich nicht sicher, ob sie auch schneiden sollen, oder nur trocknen. Man kann sich hier auch einfach bloß die Haare waschen lassen! Ich tippe: „you can cut“ und ein freudiges Lächeln huscht über die Gesichter. Kevin macht sich an die Arbeit. Auf der Arbeitsplatte steht ein Aufsteller mit einem Zertifikat, die englische Wortwahl lautet dabei folgendermaßen: „…is very scientific and very applied…“ Und tatsächlich, er beherrscht sein Handwerk. Eine knappe halbe Stunde trägt Molle wieder eine ansehnliche Trendfrisur auf dem Haupte. Na dann, warum nicht? Ich tippe: „You can cut my hair, too“. “Do you like a Chinese Girl haircut?” Ja, gern! Ab auf die Waschliege. Im Hintergrund läuft Musik von der Machart „Kuschelrock 24“. Vor dem Schneiden zeige ich Kevin noch das Bild von meiner Frisur, das wir beim Friseur in Thailand gemacht haben. Internet macht‘s möglich. Aber er erkennt den Schnitt sowieso. Professionell und äußerst liebevoll wird mein Kopf bearbeitet. Schneiden, föhnen, schnippseln, föhnen, fertig. Wow – wirklich super! Unverhofft sind wir heute noch zu einem neuen Haarschnitt gekommen. Wir tauschen Emailadressen aus und die Jungs schießen noch ein paar Fotos mit ihren Handys. So, und was kostet nun so ein „Waschen-Massieren-Schneiden-Föhnen“ für zwei Leute? 30 Yuan – 3 Euro. Ich frage extra nochmals nach – vielleicht eine Person 30 Yuan? Nein, eine Person 15 Yuan. Gegen Widerstand können wir immerhin auf 50 aufrunden und verlassen lachend und winkend das herzerfrischende Team. Macht’s gut, Jungs, und sorgt dafür, dass Chinas Männer alle so werden!