05.02.2010 (k) Planungstag in Jinghong

Die Städte selbst haben meist nicht viel zu bieten, heißt es, sie dienen als Ausgangspunkte für Ausflüge in die Umgebung. Für uns Radtiere ist es aber oft anders. Wenn wir in einer Stadt länger bleiben, dann meist nicht, um Ausflüge zu machen – das Fortkommen ist ja unser täglicher Ausflug – sondern um zu bleiben. Und da man ja nicht 12 Stunden lang im Café sitzen und planen kann, statten wir heute Vormittag dem Garten für tropische Pflanzen einen Besuch ab. Unsere neuen Studentenausweise mildern die gewohnt chinesisch-harten Eintrittspreise und wir schlendern durch einen großen, zurzeit recht braun daliegenden Park. Palmen werden präsentiert, Kautschukbäume kann man bluten sehen und in der „Special Flower Exhibition Hall“ sieht es so aus wie in unserer Aula, wenn kurz vor den Sommerferien die Pflanzen aus allen Klassenzimmern zusammengetragen werden. Mehr Blumen sieht man auf Plakaten als in Töpfen, doch unsere Freude liegt auch nicht an den Besonderheiten des Parks, sondern am Beobachten der chinesischen Touristen, die in grünen Elektrobussen über das Gelände gefahren werden, die „Ich vor Palme“-Fotos schießen, die „Special-Food“ Futter kaufen, um völlig verfettete, 3-kg-Goldfische mit einem Maul-Durchmesser von 10 Zentimetern zu mästen und die sich einfach so schön an Dingen freuen können, die für uns schon selbstverständlich sind. Durch den „Bougainvilla-Subpark“ und den „Mango-Orchad“ verlassen wir den Park wieder uns sinken nach einem Mittagessen beim Thai-Chinesen in die Stühle unseres Planungsbüros.

Ich blicke von meinem Computer auf. Mir gegenüber hat sich gerade ein junger Mann niedergelassen. Er fragt, woher wir kommen, was wir vorhaben. Sein Englisch ist gut, aber die Aussprache schlecht, er spricht außerdem recht leise, was es nicht einfacher macht. Wir reden eine halbe Stunde und erzählen ein wenig von unserer Tour. Unsere Karten wecken sein Interesse. Wo wir so gute Karten gekauft haben? Hm, in Deutschland. Er liebe Erdkunde – da sei er sehr gut gewesen in der Highschool. Er kann sie wirklich erstaunlich gut lesen und zeigt uns seinen Heimatort nördlich von Kunming. Er ist zum Studieren in Jinghong, will Lehrer werden. Ja, Fahrrad fahren, das liebt er auch, aber er kann sich kein Fahrrad leisten. Und Herumreisen, das wäre sein Traum. Doch er hat gerade seinen Job verloren und muss außerdem seine Familie und seinen ein Jahr jüngeren Bruder unterstützen, der auch bald zur Uni geht. Die Eltern sind Bauern. Reis, Mais, Tomaten. In seinen Augen finde ich eine Schwere, die mich beinahe hinunterzieht. „Nice computer“ – ja, klein, leicht zum Mitnehmen…was soll ich sagen? Die Welten prallen aufeinander und wir können nichts tun. Er muss einen Job finden – nach den Frühjahrsferien vielleicht. Denn jetzt darf er erst einmal bald heimfahren, zu seiner Familie. „I miss my parents“ erzählt er uns noch, dann geht er was erledigen.

Kurz darauf nimmt Taylor bei uns am Tisch Platz. Er ist in Kalifornien aufgewachsen, aber chinesischen Ursprungs. Eigentlich wollte er nach Laos, Thailand und Myanmar, doch als er gestern aus dem Flughafengebäude in Jinghong läuft, fällt ihm auf, dass er seinen Pass verloren hat. Nun bleibt ihm halt nur ein Trip durch Südchina, bevor er in vier Wochen zurück nach Hanzhou muss, wo er gerade für ein Jahr Englisch unterrichtet. Taylor ist ein lustiger Typ, locker und aufgeschlossen, wir kommen schnell ins Gespräch. Eine Stunde später ist der Platz mir gegenüber wieder gefüllt mit dem 22-jährigen Studenten von vorher. „What’s your english name?“, fragt ihn Taylor. „Stone“, so die Antwort. „That sounds very serious, very hard.” Leise bejaht Stone. Wir beschließen, gemeinsam Abend zu essen. Stone will uns eine typische Dai Lokalität in der Nähe der Uni zeigen. Wir bringen kurz unser Zeug ins Hotel und kommen mit dem Rädern zum Eingang des College. Bald darauf führt uns der Insider zu einem großen Platz, wo mehrere Open Air Restaurants ihre kleinen Stühle um Tische mit Löchern gruppiert haben. Wir wählen Gemüse und Fleisch aus der reichhaltigen Theke und bekommen einen großen Behälter voller glühender Kohlen und den passenden Grill geliefert. Manche Dinge werden direkt gegrillt, andere bekommen wir schon aus dem Wok zubereitet oder vorgegart. Eigentlich eine sehr gemütliche, fröhliche Angelegenheit. Wäre da nicht Stone, der fast völlig verzweifelt klarzumachen versucht, dass sonst immer so viele Leute hier seien, und heute irgendwie nicht. „I do’t know why,…, something is wrong….“ Auch das noch. Jetzt ist der Kerl nicht schon traurig genug, lässt ihn das fast noch ganz verzweifeln. Wir versuchen, so gut wir können zu bekräftigen, dass es uns egal ist, wie viele Leute hier sind, dass wir es ganz prima finden und alleine niemals gefunden hätten. Es hilft nur wenig gegen seine gesamte Trauer. Ja, er hatte mal eine Freundin, aber die Mädchen an der Uni seien jetzt alle hässlich. Immerhin springt kurz der Anflug eines Lächelns über sein bubenhaftes Gesicht. Früher habe er nicht geraucht, und auch gar nichts trinken wollen, doch nun helfe das Rauchen, sagt er, als er sich eine Kippe anmacht. Wir reden über die Probleme, die er hat, doch sein Englisch reicht nicht aus, alles zu erklären und er dreht sich auch im Kreis. „Some sentences are hard to say“. Irgendwie sei ihm in letzter Zeit alles etwas klarer geworden. Was er wolle und zu tun habe. Er müsse noch besser werden in Englisch, sonst klappe es nicht. Und er könne sich jetzt wieder mehr auf die Bücher konzentrieren. Als ich nach seinem Lebensziel frage, klingt die Antwort einfach menschlich: eine Frau, ein Kind, genug Geld für ein normales Leben zusammen. Das Streben nach dem kleinen Glück, das wohl weltweit gleich ist.

Als er nach zweimaligem Nachfragen sicher ist, dass wir satt sind, lässt er sich den Rest einpacken. Wir bezahlen und gehen zurück zum College, verabschieden uns und wünschen ihm viel Glück. Seine Traurigkeit zerreißt uns fast das Herz. Das Leben in China ist hart – hoffentlich nicht zu hart für diesen weichen Stein.