19.09.2009 (m) – Minle – Obozhen: 62km, 1200Hm

So gemütlich ist es in unserem Hotelbettchen. Wir haben richtig gut geschlafen. Der Wecker schreckt uns um 7 Uhr richtig auf. Durch den schmalen Spalt im Vorhang erkennen wir draußen nur ein milchiges Etwas. Nach einigem hin und her quälen wir uns doch aus den Federn. Als der Schlaf aus den Augen gewischt ist, sehen wir auch nicht viel mehr als vorher, aber immerhin so viel: es regnet nicht. Also gibt es keine Ausrede.

Der letzte Gummispanner ist gerade verspannt, da fallen die ersten Tropfen. So ein Mist. Aber jetzt, da wir gepackt hier im Hof stehen, fahren wir natürlich auch los. Immerhin haben wir Rückenwind. Die Straße steigt quälend langsam an, wie auf Kaugummi fährt es sich. Der Nebel wird immer dichter, die Straße ist bald nass. Ständig verfluchen wir uns für die Entscheidung, nicht im Bett geblieben zu sein. Die Sicht beträgt schon bald keine 50m mehr. Trotzdem fährt hier – außer uns – kaum einer mit Licht. Ein LKW übersieht einen Mofafahrer, der Lastwagen legt eine Vollbremsung hin, kommt ins Rutschen, bricht aus…der Fahrer kann das Gefährt aber noch abfangen. Uns ist gar nicht wohl! Zumal es immer kälter wird, es nach wie vor regnet und man kaum noch etwas sieht. Auf etwas 3000m Höhe fahren wir schweres Geschütz auf: die dicken Schuhe, Handschuhe, Mützen, dicke Jacken…So weit wir es erkennen können, ändert sich nach gut 30km die Landschaft. Wir verlassen das Agrargebiet und fahren in eine enge Schlucht ein. Bei diesen Witterungsbedingungen wirkt diese eher beängstigend. Erschwerend kommt hinzu, dass wir nicht genau wissen, auf welche Höhe wir heute noch hinauf müssen. Katrin schlägt nochmals vor zu wenden und wieder ins Hotel abzufahren, aber nach bereits 600 zurückgelegten Höhenmetern bin ich nicht so dafür. Sind ja nur noch 30km. Weiter schlängelt sich die Straße immer bergan durch eine wilde Kulisse. Kurz scheint sich das Wetter zu bessern, um dann noch heftiger zurückzuschlagen. Der Regen ist in Graupel übergegangen, es weht ein kalter Wind (glücklicherweise von hinten).

Als wir auf 3300m Höhe sind, rechnen wir aufgrund des Landschaftsbildes mit dem baldigen Erreichen der Passhöhe. Stattdessen vor uns ein riesiges Schild für die LKWs: Achtung, besonders steil! Vor uns türmen sich nochmal gewaltige Rampen auf, es schneit unterdessen und der Wind schmerzt im Gesicht. Als zwei weite Kehren hinter uns liegen und vor uns die nächsten auftauchen, bin ich kurzzeitig mental völlig am Ende und es kullern ein paar Tränen. Katrin muntert mich etwas auf und tatsächlich taucht kurz später das Passschild vor uns auf – 3645m. Hier oben tobt ein Schneesturm. Wir können nicht mal etwas Trockenes oder eine weitere wärmende Schicht anziehen. Nur das Buff-Tuch wird noch schnell als Sturmhaube übergestülpt. Dann geht es auf schmierigem Asphalt bergab. Auf einer Geraden bläst der Wind plötzlich von vorn, es ist kaum noch etwas zu erkennen. In der nächsten Kurve ein liegengebliebener Lastwagen, die Fahrer machen am Straßenrand gerade ein Feuer. Noch ein Stück weiter, ein Mähdrescher aus einer Viererkolonne ist ca. 30m einen Abhang hinuntergestürzt. Wir können nicht ausmachen, ob es Verletzte gibt oder gar noch Schlimmeres passiert ist.

Gerade als ich glaube, meine Finger könnten bald absterben, sehe ich die ersten kleinen Häuser, dann einen Ort. Ich fahre rechts ran und mache bis Katrin einfährt ein paar Aufwärmübungen. Gottseidank ist der Ort sehr klein, so dass Katrin nach zweimal Fragen das Guesthouse ausgemacht hat. Der Sohn des Hauses hilft uns über eine steile Rampe nach oben und wir können die Räder gleich bis ins Zimmer schieben. Die Besitzerin wirft die Heizdecken an und wir legen uns trocken. Mit dem uns gebrachten heißen Wasser kochen wir Suppe, Tee und Kaffee. Wir rollen uns in unsere Schlafsäcke ein und langsam kommt Gefühl in unsere Glieder zurück. Wahnsinn, das war ein massiver Wintereinbruch. Wir waren sehr froh um unsere gute Kleidung!

Abends kaufen wir noch für den nächsten Tag Wasser und Proviant, essen in der Nudelstube Eier mit Tomaten und eine wässrige Nudelsuppe und helfen dann noch den Polizisten, die unser Zimmer aufsuchen, dabei, die Registrierungsformulare auszufüllen. Puh, das war ein Tag!

Minle_Obo