14.02.2010 (k) Jingdong – Tujiexiang: 48km, 750Hm

Um Mitternacht erhellt sich der Himmel. Grüne, gelbe und rote Blumen fallen auf uns herunter. Das Silvesterfeuerwerk beginnt. Wie bei uns konnten die Ungeduldigen es nicht erwarten und böllerten sich schon gestern und vorgestern durch den Tag. Jetzt aber erst beginnt Neujahr – und da muss man besonders kräftig das Jahresmonster austreiben. Manche Raketen sind so nah, dass man eine richtige Detonation spürt. Wir richten uns schon auf zwei Stunden Dauerbeschuss ein, doch nach gut 20 Minuten ist fast alles vorbei und wir können friedlich schlafen. Acht Stunden später tragen wir wieder einmal das Machtspiel mit unserem Wecker aus und verlieren in der siebten Runde. In der Lobby fragen unsere Gastgeber, ob wir schon gefrühstückt hätten. Heute sei auch noch alles geschlossen – keine Restaurants und Geschäfte stünden zu unseren Diensten. Panikartig kaufen wir noch Suppen, Wasser, Cola und Nüsse – alles, was sie im Hotel zu bieten haben und lassen uns heißes Wasser in unsere Thermoskanne füllen. Kaum hundertfünfzig Meter vom Hotel entfernt legen wir die erste Pause ein. Ein anderes Hotel hat vor dem Eingang eine große Nudelküche aufgebaut. Reisnudeln, Eiernudeln oder Jiaozi stehen zur Verfügung. Ein Schild weist den Preis aus: heute alles für 5 Kuai. „Hello, what would you like?“ werden wir von der Tochter des Hauses in perfektem Englisch begrüßt. Schon lustig, dieses Frühlingsfest – alle gebildeten jungen Leute fahren nach Hause zu ihren Eltern und so trifft man in den kleinsten Orten Menschen, die Englisch sprechen. Die Eltern betreiben das Hotel, sie arbeitet in der Steuerbehörde in der Provinz Guangdong. Wir machen uns über die äußerst leckeren dreierlei Suppen her und freuen uns wie die Schneekönige, dass das Nüsseknabbern jetzt noch nicht beginnen muss. Ein junges Paar, das bei uns am Tisch sitzt, möchte danach noch ein Foto mit uns machen. „Not many foreigners come to this town“, ist die Erklärung. Ein gutes Gefühl, wenn man selbst mal als Fotomotiv herhalten darf und nicht immer derjenige ist, der abdrückt. Bezahlen dürfen wir nichts, es sei doch Neujahr und wir ihre Gäste.

Fahrradtechnisch geht es noch 30 Kilometer das Flusstal von gestern entlang, ehe wir an der Abzweigung stehen, die wir uns auf der Karte ausgesucht haben und deren kleine Straße uns quer über die Berge auf halbe Strecke zwischen Dali und Kunming bringen soll. Eine Meute Jugendlicher steht herum – lange Haare, Bier, Mopeds, Mädels, dumme Sprüche. Weltweit einheitlich, oder? Als sie merken, dass ich auf Chinesisch Fragen stelle, sind sie plötzlich interessiert. Ich frage – weil uns die ausgewählte Straße ohne Belag begrüßt – wie lange das so gehen soll. Nach 15 km sei Schluss, dann sei die Straße bis Nanhua gut. Wir nehmen die Herausforderung an – auch auf einem Schild steht etwas von 0-15,390 km. Das Dreck- und Steinsträßchen verläuft neben dem kleinen Weiwei-Fluss, leicht aufwärts, aber annähernd flach. Wir tauchen in ein gigantisch schönes Tal ein. Ein paar Lehmhäuser stehen ab und zu am Straßenrand, manche mit Leuten, die Neujahr feiern und erstaunt aufblicken, manche für heute verlassen. Die Hänge sind bis weit hinauf terrassiert – unglaublich, wie viel Handarbeit hierin steckt! Heute ist allerdings niemand auf den Feldern zu sehen. Schön zu merken, dass auch die Bauern ihre Feiertage nützen. An einem schattigen Platz etwas oberhalb des Flusses machen wir Pause und kochen unsere Suppen und Kaffee. Wir beobachten die Hirten – einer treibt seine verfressenen Ziegen zusammen, ein anderer macht ein Nickerchen in der Sonne. Er hat sich auf sein Fell gebettet und die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Er hat es auch nur mit gemütlichen Kühen zu tun, die ruhig dastehen und ein bisschen Gras kauen. Die Hirten arbeiten also auch heute – aber es sieht nicht nach Überarbeitung aus. Noch 9 Kilometer trennen uns vom kleinen Ort Tujiexiang, in dem wir übernachten wollen und genau beim Kilometer 15,390 verschwinden Dreck und Steine unter einer nagelneuen Teerdecke! Wow, das ist doch mal ein Wort! Wir vergewissern uns noch einmal bei den Umstehenden, ob die Straße nun bis Nanhua so toll ist. Ja, so sei es. Zum zweiten Mal für heute freuen wir uns wie die Schneekönige. Nach wenigen Kilometern taucht ein Ort mit etwas größeren Steinhäusern auf – es sei Tujie, sagen die Befragten. Gut, dann bleiben wir. Das Gästehaus scheint recht neu zu sein, mit der Pflege neuer Dinge nimmt man es hier aber nicht so genau. Überall – auch im Wohnzimmer mit Panoramafenster im Obergeschoß liegt viel Gerümpel herum. Die Treppe hinauf in den ersten Stock kann man nur noch auf einem schmalen Pfad erreichen, da der gesamte Eingangsbereich mit einem riesigen, Fischbecken zubetoniert ist. Fischzucht ist hier wohl einträglicher als Hotelgäste. Vor es dunkel wird, drehen wir noch eine Dorfrunde. Vielleicht gibt es ja so etwas wie ein Restaurant. Die Straße hinauf führt zu nichts, die Straße hinunter ist belebter. Einige Leute winken uns herbei und möchten, dass wir vor dem Haus platznehmen. Einem Mann folgen wir schließlich in sein Haus hinein, es hat den Anschein, dass er uns etwas zeigen möchte. Im ersten, über eine kleine Außentreppe erreichbaren Stock öffnet er die Tür zu seinem Wohnzimmer. In dem beengten, beinahe stockdunklen Raum aus Holz stehen zwei Sofas um einen kleinen Tisch. Der Boden ist übersäht mit Nuss-, Kern- und Mandarinenschalen. Fliegen genießen die Wärme im Raum. Wir machen es uns auf dem Sofa bequem und halten kurz später je eine Kippe und eine Dose Walnusssaft in der Hand. Nach und nach versammeln sich Familien- und Nichtfamilienmitglieder und wir sitzen in der Runde. Ich erkläre, dass Molle lieber Bier trinkt, als Walnusssaft und sogleich wird ihm ein solches gereicht. Nun sitze ich mit zwei Dosen Saft da. Alle sind da, das ist das schöne an Familienfesten. Wir bekommen erklärt, wer zu wem gehört. Unser Gastgeber ist Bauer – er baut Tomaten, Getreide und sonstiges an. Seine Tochter studiert, der Sohn betreibt im Vorderhaus einen Handyladen mit Computertechnik. Die Nachbartochter, die auch mit ihrer Familie bei uns sitzt, kann ein bisschen Englisch und übersetzt, falls ich etwas nicht verstehe, sofern es ihr möglich ist. So sitzen wir beisammen und ratschen regelrecht. In kürzester Zeit halten wir das zweite Bier, die dritte Zigarette und den vierten Walnusssaft in den Händen. Die Tür nach draußen ist nun offen, der Rauch wäre sonst unerträglich in dem kleinen Raum. Auf dem Balkon hängen dicke Schinken zum Trocknen. Unser Gastgeber ist sehr fürsorgend. Immer mehr Walnüsse, Früchte und Kerne werden gebracht. Öfter bejahen wir die Frage, ob wir schon gegessen hätten. Obgleich dem nicht so ist, erscheint es uns sicherer. Wir möchten heute nicht mehr am Tod irgendeines Zweibeiners oder Fischkopfs schuld sein. Nein, nein, danke, wir sind satt, die Kerne sind sehr gut! Wir machen ein paar Gruppenfotos, die der Sohn sogleicht ausdruckt – moderne Technik gibt’s auch im Seitental. Als wir andeuten, dass wir nun bald gehen möchten, werden wir höflich gebeten zu bleiben. Heute sei doch Neujahr – heute sei Party, und sie freuen sich, uns dabei zu haben. Das lustige an dieser Party aber ist, dass nur Molle, ich und der Gastgeber rauchen, Bier und Walnussaft trinken und ständig mit Süßigkeiten, Nüssen und Kernen vollgestopft werden. Keiner der anderen hat irgendetwas zu trinken oder nimmt etwas zu knabbern. Das ist eine ganz schön einseitige Party! Die Gäste trinken, der Rest sieht zu! Aus dem großen Plastikkanister wird uns nun noch der hausgebrannte Reissschnaps eingegossen. Ich tippe auf 69%, doch der Hausherr bekräftigt, das Gebräu habe nur 45%. Trotzdem kaum genießbar! Als nochmals neue Fotos gedruckt werden, nützen wir die Gelegenheit auch aufzustehen und verabschieden uns anschließend von allen, nicht ohne unser Geschenk noch mitzunehmen: eine Tüte voll Walnüsse und ein halbes Kilo Grüntee. Auf dem Rückweg zum Gästehaus machen wir noch zwei weitere Neujahrsbesuche. Zu einem alten Männlein, das uns vorhin herbeigewunken hat, setzen wir uns vor das Haus auf zwei kleine Holzschemel. Schnell werden Bier und Limonade herbeigeschafft. Frohes neues Jahr! Sieben Kinder habe er und 22 Enkel und Urenkel. Na, das sind ja mal noch Zahlen, die findet man im modernen China der Einkindpolitik nicht mehr! Zu unserem Hock gesellt sich noch eine alte Frau mit dem hier typischen schwarzen Turban auf dem Kopf. Ich habe sie vor ein paar Stunden bei der Ortseinfahrt fotografieren wollen, doch sie hatte es abgelehnt. Nun sitzen wir hier zusammen uns lassen uns von Molle ablichten. Als das Bier leer ist, ziehen wir weiter. Nicht, ohne Geschenke: ein Bier und eine Limo zum Mitnehmen! Guo Nian – frohes neues Jahr! Vor dem kleinen Geschäft, das gegenüber dem Gästehaus liegt, sitzen die Inhaber und die Tochter, die den angeschlossenen Friseursalon betreibt. Der Enkel ist herausgeputzt. Im silbernen Nadelstreifenanzug mit Weste und Krawatte springt der Achtjährige zwischen Ladentheke und Straße hin und her, um immer neue Böller zu zünden. Wir sehen eine Weile zu, unterhalten uns, trinken ein Wasser und essen Kerne. Vor dem Haus steht auch hier ein großer Kiefernzweig wie ein kleiner Weihnachtsbaum. Wir haben gestern schon einige Leute gesehen, die dieses Grünzeug aus dem Wald geschleppt haben. Vielleicht sind wir ja auch einfach beim Christbaumloben? Und wer sagt denn, dass man das bisschen Essen nicht auch trinken kann? G`lobet isch!

14Feb2010