02./03./04./05.11.2009 (m) – Kunming

Das ganze Jahr über herrscht hier Frühling, so sagen es die Bewohner, so schreiben es alle Reiseführer. Kunming. Auf 2000m über dem Meeresspiegel gelegen, im Herzen der Provinz Yunnan. Davon ist allerdings nichts zu spüren, als wir um kurz nach sechs den Nachtzug verlassen. Es ist noch dunkel und ein kalter Wind fegt über den Bahnsteig. Wir hüllen uns in die Windjacken und bauen die Räder auf, froh, den ganzen Krempel nun nicht noch einmal tragen zu müssen. Die Straßen sind, obwohl recht früh am Morgen, schon sehr belebt. Wir befinden uns aber schließlich auch in einer Metropole mit gut fünf Millionen Einwohnern. Die Bahnhofsstraße ist gesäumt von Nudel-Budeln und anderen Fress-Ständen. Wir freuen uns auf eine kräftige Brühe mit Nudeln, die die Lebensgeister wecken soll, wählen unter den vielen aber leider nicht das richtige „Budl“ und schlürfen verkochte Reisnudeln in Seifenwasser. Na ja, Bahnhofsgegend halt – gehört eben nie zu den besten Adressen einer Stadt…

Weiter rollen wir in der Dämmerung die Beijing Lu entlang, vorbei an riesigen Hotelkomplexen und iPhone-Werbeplakaten. Die vierspurige Straße gehört alleine den Autos, die ehemalige „Cycling-Lane“ ist überschwemmt von Motor- und Elektrorollern, dazwischen ein paar hilflose Radfahrer – und wir. Trotz des hohen Verkehrsaufkommens liegt eine gewisse Ruhe und Gelassenheit in den Gesichtern der Fahrer. Kein übertriebenes Gehupe, keine Hektik, sogar ein bisschen Rücksichtnahme. Aha, sollte hier der Reiseführer richtig liegen? Kunming, eine der relaxesten Städte Chinas. Ja, da ist schon was dran, wie sich in den folgenden Tagen herausstellt. Zwischen all den Hochhäusern sind auch richtig nette, moderne Hotels, von dem wir eines als Basis beziehen (Fairytale Tuodong in gleichnamiger Lu). Hier fühlen wir uns ausgesprochen wohl, wie auch in der ganzen Stadt. Und so sind wir nicht sehr traurig, dass das Vietnam-Visum, das wir hier beantragen, drei Tage Wartezeit beansprucht.

Wir schlafen gemütlich aus, frühstücken ebenso und ziehen dann auf dem Rad los, die einzelnen Straßen in unseren Köpfen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Das gelingt recht schnell, da einige sehr große Straßen die Stadt durchziehen, die immer wieder als Anhaltspunkt dienen. Daneben kann man sich hervorragend an den zahlreichen markanten Gebäuden orientieren. Riesige Kaufhäuser, westliche Ketten von Mc Doof über KFC bis Carrefour (ja richtig, die französische Kaufhauskette). Viele Gebäude sind bereits modernisiert und so finden sich in den unteren Etagen der Glitzerpaläste mit Glasfassaden teure Boutiquen von Nike über Converse, Louis Voutton, Calvin Klein und wie sie alle heißen. Aber auch viele „kleine“ Geschäfte gibt es noch, nur befinden sie sich meist nicht mehr in kleinen, dunklen, grauen und abgehalfterten „Garagenboxen“ sondern in hellen, modernen und sauberen „Garagenboxen“. Darüber, renovierte oder neue Fassaden mit Wohnungen dahinter. Der Fortschritt scheint unaufhaltsam. Aber auch wenn es weniger romantisch erscheint, wem will man wirklich zumuten in den alten, schmutzigen und meist nicht mal ans Wassernetz angeschlossen Wohnungen und Geschäften sein Dasein zu verdingen. Gut, über die Art, wie manch‘ neues Gebäude in die Höhe gezogen wird und von welch‘ minderer Qualität die verwendeten Baustoffe und Installationen sind, lässt sich kaum streiten, aber dass auch der Chinese nach einem besseren, sorgenfreieren Leben à la Westen strebt – wer könnte es ihm verdenken? Ein kleines bisschen Wohlstand, mal einen Kaffee in einem der schicken Cafés, ein gemütliches Abendessen mit Freunden beim „Thailänder oder Inder“, ist es nicht das, was wir auch genießen? Es ist halt dann nicht mehr „DAS“ China (das man auf dem Land wohl noch sehr, sehr lange vorfinden wird), sondern eine weitere Großstadt dieser globalisierten Welt. Langweilig für uns Europäer? Vielleicht, aber dem Bewohner wie gesagt nicht zu verdenken…

Über der Stadt liegt also wie gesagt eine gewisse Zufriedenheit, die uns gut gefällt. Ein bisschen Sightseeing zwischen den Mahlzeiten, die hier ob der großen Auswahl einen gewichtigen Anteil haben, muss natürlich auch sein. Allerdings fallen die Besuche des Yuantong Sis (bedeutendster buddhistischer Tempel Yunnans), des Green Lake Parks (im Wesentlichen ein großer See mit mehreren Inseln mit verblassten Booten, Tempeln und anderen Gebäuden), des Zoos (ein Trauerspiel in Brauntönen), des Vogel- und Blumenmarktes (massenweise „illegale“ Singvögel aus den Wäldern Xishuangbannas) und des Stadtmuseums (wenn man nicht gerade ein Fan von Bronzetrommeln ist), eher ernüchternd aus. Aber, es gibt wie gesagt zahlreiche gemütliche Cafés und Restaurants, in und aus denen sich vortrefflich Passanten beobachten lassen. Selbiges trifft für den Cuihi (Green Lake) Park zu, in dem sich zahlreiche Erholungssuchende tummeln und von mehr oder minder „schrägen“ Musikern und Tänzern unterhalten lassen. Für uns ganz lustig anzusehen, für europäische Ohren aber mehr als gewöhnungsbedürftig. Die alten und übersteuerten Verstärker tun ihr übriges. Einmal folgen wir den leisen Tönen eines Saxophons, das vielversprechend aus der Ferne klingt. Nach ein paar Biegungen erreichen wir den alten Mann, der zu einer Untermalung von Kassettenrekorder improvisiert. Leider läutet in diesem Moment sein Handy, woraufhin zunächst nur noch die Hintergrundmusik dudelt und nach einem Druck auf die Stopp-Taste nur noch das laute Geschnatter des Musikers, der in sein Mobilfunkgerät plärrt, zu vernehmen ist.

Schöne Überleitung zur Bedeutung des Handys in China:

1.       Ein Netz hat man überall, selbst in entlegensten Winkel der Seidenstraße oder in den Schluchten Sichuans. Kein fließend Wasser, keine Abwasser- und Müllentsorgung in den kleinen Dörfern, aber schon von weitem thront der Handymast in der Landschaft.

2.       Jedes noch so kleine Kaff hat mindestens einen, meist aber viele, viele Handyläden.

3.       Wirklich so gut wie jeder hat ein Handy, sogar die oft in Lumpen gekleideten und ärmlich daherkommenden Müllsammler.

4.       Ständig werden Handys aufgeklappt, SMS gecheckt und natürlich immer wieder, gerne auch schreiend, telefoniert.

Uns drängt sich oft der Gedanke auf, dass das Handy das neue Mittel ist, die vielen unterbeschäftigten Angestellten am Nachdenken und dem Entwickeln eigener Gedanken oder gar Kritikfähigkeit, zu hindern. Das neue Opium fürs Volk. Und so sieht man oft in Supermärkten mit 50 Angestellten, bei Wachpersonal, das den ganzen Tag eine nicht benutzte Einfahrt bewacht, bei Dreiradfahrern, die über Stunden mit 8 km/h fünf Steine einen Gebirgspass hinauftuckern, das Handy am Ohr oder den Blick gebannt aufs Display gerichtet. So wird die Langeweile vertrieben und man kommt schon nicht auf dumme Gedanken, was man hier eigentlich gerade – wohl meist für einen Hungerlohn – tut.

Zurück im Alltag Kunmings. Das Visum ist fertig, wir können am 12.11. nach Vietnam einreisen. Ein komisches Gefühl beschleicht uns auch sogleich, denn das bedeutet ja, dass wir zunächst mal nur noch eine Woche in China sein werden und das Land, in dem wir uns die letzten drei Monate wirklich meistens sehr wohl gefühlt haben, verlassen werden. Vietnam, Laos, Thailand, das sind die nächsten Destinationen.

Zunächst aber werden wir noch eine Woche durch Südchina Richtung Hekou fahren und hoffen, dass wir diese Tage nochmals richtig genießen können.