22.08.2012   Malbuisson – Besancon: 96km, 950Hm

Wirklich viel vom französischen Jura habe ich ja bislang nicht gesehen, zugegeben, dennoch beschließe ich an diesem Tag, ihm schon den Rücken zu kehren und die Grobrichtung „Nord“ einzuschlagen. Schließlich will ich ja nach Holland. Und der Weg bis dahin ist ohnehin noch weit. Die ständige Kletterei durch die Gebirgsketten des Jura wird zudem leider nicht durch besonders schöne Aussichten und überragende Landschaften belohnt. Zumindest nicht in dem Teil, in dem ich meine Kreise ziehe. Fährt man quer und hat eine Kette erobert, erhält man als Entschädigung den Blick auf die nächste samt steiler Abfahrt in das von beiden gebildete Tal. Natürlich kann man auch längs fahren, was die Aussicht nicht spektakulärer macht, den Anstieg jedoch erträglicher, da man oft einer kleinen Schlucht folgen darf. Alles in allem nicht unattraktiv, mir in diesem Moment jedoch zu wenig, um weitere Tage in Richtung Osten dafür einzutauschen. Als dicker Pluspunkt sei aber vermerkt, dass es zahlreiche kleine Straßen gibt, die angenehm autofrei sind.

Und so ziehe ich an diesem kühleren Morgen nach einer heftigen Gewitternacht und einer fast übergroßen Tasse „Grand Crème“ los, mit der Hoffnung auf einen beschaulichen Tag, der mich am Ende nach Besancon gebracht haben soll. Etappen wie diese, werde ich am Abend denken, die habe ich schon öfters erlebt. Sie entwickeln eine seltsame Eigendynamik. Aber der Reihe nach.

Ich entscheide mich für eine kleine, „weiße“ Straße, die nördlich von St.Point-Lac hinaufführt. Die erste richtige Entscheidung des Tages. Es handelt sich um ein herrlich einsames Waldsträßchen, das von einer rauschenden Abfahrt gekrönt wird. Im Wald begegnet mir ein großer Greifvogel, der aufschreckt, als er mich sieht und dann versucht, parallel zum Weg das Weite zu suchen. So fahre ich eine ganze Weile neben dem fast mühelos durch die Luft gleitenden Tier her. Ein majestätischer Anblick.

Ich erreiche eine Ebene, die von einem großen Schweinemastbetrieb beherrscht wird. Weder baulich noch geruchtstechnisch von besonderer Brillianz. Die Hitze drückt um die Mittagszeit jetzt gewaltig. Immerhin bin ich nun 500Hm tiefer als heute Morgen. Das Befahren einer größeren Zufahrtsstraße lässt sich nicht vermeiden und so versuche ich mal wieder meinen Bock auf Kurs zu halten, wenn die Mehrtonner an mir vorbeirauschen. Die Straße verläuft schnurgerade über mehrere Hügel. Weltklasse. Mit leichtem Unterzucker erreiche ich einen kleinen Ort, in dem ich mich mangels Alternativen an ein Bushäuschen pflanze und Weißbrot mit Mini-Chorizo verputze. Zu wenig Zucker im Blut des Radlers duldet eben keinen Aufschub. Ab hier geht es wieder äußerst beschaulich weiter, durch Wald und Wiesen. Am Ende eines kurzen und nicht allzu beschwerlichen Anstiegs folgt eine kilometerlange, gigantische Abfahrt durch eine Schlucht, geradewegs hinein nach Longueville. Das Gefälle ist so gleichmäßig, der Straßenbelag so gut und ich befahre das Traumsträßchen fast alleine. Schnell sind anschießend noch die wenigen Kilometer bis Ornans gemacht, wo mich ein kleines Künstlercafé anlacht. Im Schatten einiger Bäume schwelge ich auf der Karte und rechne mir aus, dass es nurmehr 25 Kilometer bis zum Ziel seien. Im Grunde müsste es flach sein, vielleicht leicht hügelig. Und hier, im Kopf, bei solchen Gedankenspielen, beginnt die Eigendynamik solcher Etappen. „Nur noch kurz da rüber, gleich bin ich da…“.

250 Höhenmeter zieht die Straße aus dem Ort heraus an. Breit, viel befahren. Sinnigerweise habe ich zum Kaffee nur zwei kleine Kekschen gehabt. Und so stürze ich mich kurz vor Ende des Anstiegs zitternd in den Straßengraben und schaufle Riegel, Apfelmus, Brot, Chorizo, eben alles, was gerade greifbar ist, in mich hinein. Wie schon gesagt, zu wenig Zucker im Blut des Radlers…

Eine etwas längere Abfahrt besänftigt mich, doch schon legen die nächsten Hügel ihre Schlingen um meine Oberschenkel. Einersteits wieder diese wunderbar kleinen Sträßchen durch das stark landwirtschaftlich geprägte Gebiet,vorbei an alten Gehöften mit noch älteren Maschinen, andererseits auch wieder viel Schweiß und Kraft, die auf diesen Wegen liegen bleiben.

Der Großraum Besancon ist erreicht, ich wähne mich dem Glück recht nahe, da beginnt der Kampf gegen eine chaotische, auf Autoverkehr ausgelegte Straßenführung. Trotz Karte, GPS und Google Maps auf dem Handy gelingt es mir nicht, das Wirrwarr zu entschlüsseln und prompt befinde ich mich auf einer rauschenden, kilometerlangen Abfahrt nach Besancon hinein. Ist doch toll, oder? Nicht, wenn der Campinplatz acht Kilometer außerhalb liegt. Jedenfalls sehe ich rechts unter mir den Radweg an der Doubs, der mich in wenigen Augenblicken wieder entgegengestzt und flussaufwärts aus der Stadt herausführen wird, bis zu der Abzweigung, an der ich eigentlich hätte herunterkommen wollen. Alles Fluchen hilft nichts, nur wer die Pedale weitertritt, wird ans Ziel kommen. Und so sind nochmals viele Pedalumdrehungen nötig, bis der Tacho bei Kilometer 96 stehen bleibt. Und zwar nach mehr als fünf Stunden reiner Fahrzeit, an einem herzlosen Stadtcampingplatz direkt an der Zufahrtsstraße nach Besancon. Einen Supermarkt hat der Platz selbstredend nicht und so ist noch „lockeres Ausradeln“ vonnöten, ehe das „Centre Commercial“ erreicht ist und ich auf der riesigen Verkaufsfläche noch etliche Extrameter zurücklege, bis alle Schätze im Korb sind. Und trotzdem – oder gerade – nach Etappen wie diesen, sitzt man glücklich, geschafft und sau zufrieden vor seinem Zelt, den Weinbecher in der Hand und ein weiteres Abenteuer in der Tasche.

2012-08-22