21.09.2009 (m) – Jingshizui – Datong: 89km, 1000Hm

Die Nacht verläuft ruhig, aber wir sind trotzdem ausnahmsweise mal froh, als der Wecker um kurz vor 7 klingelt. Wir hören das Guesthouse langsam erwachen, immer mehr Zimmertüren knarzen und knallen, das Spucken und Rotzen wird immer lauter. Die Morgentoilette wird im anaeroben Bereich (ohne Sauerstoff) bewältigt, trotzdem brennt der Ammoniak in den Augen. Wir füllen unsere Lungen mit frischer Morgenluft, als wir unter staunenden Blicken der Busfahrer in Uniform wieder mal routinemäßig alles zur Abfahrt klar machen. Ein Gruppefoto noch, dann rollen wir vom Platz. Katrin bricht leider noch ihren Rückspiegel ab, den wir behelfsmäßig mit Klebeband am Lenkerhörnchen fixieren. Und so nähern wir uns rasch den großen Kurven, die sich den Berg hinauf schlängeln. Unsere motivierten Pedaltritte werden wieder mal von allerlei Landleben begleitet. Es geht gemütlich zu, jeder geht seiner Arbeit nach und strebt auf seine Weise diesem sonnigen Tag entgegen.

Obwohl wir rasch wieder über 3000m sind, wärmt die Sonne uns tüchtig, so dass wir bald wieder in kurzen Hosen nach oben streben. Die Straße ist ein Traum! Bester Belag und angenehme Steigung. Durch die Serpentinen gewinnt man geschwind an Höhe, jede Kehre verspricht neue, faszinierende Ausblicke Richtung Pass oder zurück in die weite Ebene aus der wir gestern kamen und die durch die natürlich immer noch schneebedeckten Gipfel des Danban Shan begrenzt wird. Es ist leicht diesig, so dass die Schneewipfel fast unwirklich in der Ferne schweben. Nach beglückenden Stunden der Auffahrt erreichen wir eine Brücke, die schnurstracks auf einen Tunnel zuführt. Die kalte und dunkle Röhre verschluckt uns und spuckt uns nach gut 1,5km auf der anderen Seite am Passschild bei 3765,95m ü.N.N. wieder aus. Wir stärken uns etwas, ziehen unsere warmen Sachen an und sausen – immer wieder gestoppt von Foto- und Filmmotiven – gen Tal. Es ist eine fantastische Bergstrecke, ebenso schöne Kehren schlängeln sich Meter für Meter nach unten. Bald hat uns die Wärme der tieferen Regionen wieder und wir schälen uns Schicht für Schicht aus den Klamotten, bis wir wieder in kurzer Hose und T-Shirt radeln. Ein kilometerlanger Stausee fordert von uns nochmals größere Anstrengungen, da die Fahrt an ihm entlang wieder mehr Anstiege bereit hält. Doch nach der Staumauer geht es noch einmal kräftig bergab, ehe das Flusstal sanft bis Datong ausläuft. Gut 40km müssen wir noch am Fluss entlang, bei leider recht starkem Gegenwind bewältigen. Erste Fabrikschlote, Kohleberge und andere Industrieanlagen verraten uns, dass wir bald da sein müssen. Als wir uns im Zentrum wähnen, sticht mir zur Rechten eine gut besuchte Nudel-Budel ins Auge. Wir stoppen, um erst mal unsere Kohlehydratspeicher wieder zu füllen. Ah, das auf den Tellern des Nebentisches sieht gut aus. Zwei Mal bitte! Wenig später trauen wir unseren Augen kaum: zwei dampfende Teller Spaghetti mit Hackfleischsauce, Pilzen und Knoblauch stehen in einer äußerst würzigen Sauce vor uns. Im Hintergrund sehen wir noch die fleißigen Köche, die den Teig kneten, ausrollen und mit geschickten Handbewegungen aus den Teigstücken die dünnen Nudeln zaubern! Es schmeckt hervorragend und wir lassen keinen Krümel auf dem Teller zurück. Fast schämen wir uns, nur 50 Cent pro Person zahlen zu müssen.

Auf die Empfehlung eines alten Mannes hin erreichen wir schnell das Hotel. Als wir gerade am Einchecken sind, merke ich, dass er uns gefolgt ist. Er wollte nur noch sicherstellen, dass wir es auch gefunden haben. Stolz zeigt er auf das Schild mit den zwei Sternen. Und wir sind in der Tat zufrieden. Nach den einfachen Unterkünften und drei Tagen ohne Dusche nehmen wir den größeren Komfort gerne wieder in Anspruch uns schrubben den Staub der vergangenen Etappen gründlich von der Haut.

Das Abendessen mundet vorzüglich in einem überfüllten, rauchgeschwängerten Restaurant, wo uns eine halbe Ente, scharfes Gemüse und ein Gurken-Nuss-Salat aufgetischt werden. Zufrieden schleichen wir über den „Marktplatz“, auf dem die üblichen Fitness-Tänze abgehalten werden, ins Hotel, wo wir uns die verdiente Mütze Schlaf abholen.

21Sep2009