Die Sache mit dem Bus aus Sharjah heruas klappte dann auch porblemlos. An der großen Kreuzung in Masafi wurden wir etwa 80 Kilometer weiter wunschgemäß aus dem komfortablen Gefährt entlassen. Es war schon Mittag und die Sonne brannte ziemlich vom Himmel. Wir schnauften tief durch: so heiß! Wird das klappen mit dem Radfahren in der Wüste? Immerhin hatten wir durch die Busfahrt die lange Sandwüste bereits durchquert und standen jetzt an den imposanten Bergketten des Hadjar-Gebirges. In den Bergen ist es vielleicht zwei oder drei Grad kühler? Ich kaufte in einem der unzähligen indischen Läden noch ein paar Flaschen Wasser – und musste wieder mal darum kämpfen, KEINE Plastiktüte zu bekommen.

Das sorgt immer und überall für verwunderte Blicke mit weit aufgerissenen Augen: Wie soll das gehen? Drei Flaschen Wasser ohne Tüte? Manch ein Kassierer, der schon ein bisschen weiter aufgeklärt ist, springt dann schon mal helfend ein und erklärt dem „Eintüter“: „Global warming. You know global warming?“ Den Blicken nach zu urteilen weiß der Eintüter leider nicht, was „global warming“ bedeutet. Scheint ihm und dem Rest der hier lebenden Menschen, einschließlich den „einheimischen“ Emiratis, eigentlich derzeit auch ziemlich egal zu sein. Denn was hier an Energie verpulvert wird scheint grenzenlos. Man muss sich einfach nur vor Augen halten, dass hier ein Lebensraum von Menschen besiedelt wird, der eigentlich kein Lebensraum für Menschen ist. Im Sommer werden über 50° C erreicht, man pendelt zwischen den Klimaanlagen der Wohnungen, Autos, Malls und Restaurants. Draußen hält sich keiner auf. Mal abgesehen von denen, die müssen: die vielen Arbeitskräfte im Straßen- und Hausbau. Jährlich kippen zahlreiche von ihnen einfach tot um: Hitzschlag, Kreislaufkollaps, Herzinfarkt oder Sturz aus dem x-ten Stockwerk der Großbaustelle. So zynisch es klingen mag, die nächsten stehen schon bereit. Das Heer der Arbeitskräfte aus Indien, Pakistan, Südostasien – wohl nahezu unerschöpflich. Die Aussicht auf ein „besseres“ Leben treibt sie in Scharen ins Land.

Wir folgten der Hauptstraße in Richtung Dibba. Eine landschaftlich schöne Strecke durch schroffe Felsen und Bergketten. Der Fahrtwind machte das Treten halbwegs erträglich. Zunächst hatte die Straße noch keinen Seitenstreifen, wir waren vorsichtig, denn Fahrräder kennt der Emirati wohl nur aus dem Fernsehen. Oder vom indischen Gastarbeiter. Wer radelt ist demnach arm, schmuddelig, Arbeiter. Keine besondere Rücksicht vonnöten. Näherte sich eine bullige Edelkarosse im Rückspiegel, wichen wir meist in den Kiesstreifen neben der Straße aus. Im GPS entdeckte ich eine kleine Piste, der wir folgten. Wir hoppelten gut zehn Kilometer durch das Wadi Tibbayah.

Wadi Tabbiyah hinter Masafi

Hier war es sofort ruhig, die dunklen, scharfkantigen Felsen ragten teilweise fast senkrecht nach oben. Wir kamen an kleinen Oasen vorbei, ein paar dürre Ziegen kauten an dem, was sie in der kargen Landschaft finden konnten. Da es bergab ging, waren wir rasch zurück an der vierspurigen „Autobahn“. Das Tempolimit beträgt in den VAE auf diesen Straßen allgemein 120 km/h, aber es gibt einen sehr breiten Seitenstreifen, der uns meist halbwegs sicher radeln lässt. Richtig wohl fühlt man sich dabei natürlich nicht. Nach Dibba hinein fanden wir die „alte“ Straße, auf der wir wiederum fast autofrei ins Zentrum rollten.

Tolle Straßen, schöne Landschaft und ausnahmsweise mal kein Auto in Sicht

Nun muss man sich vorstellen, dass die Städte in den Emiraten keinen besonderen Charme ausstrahlen. Die Häuser sind meist weiß, kastenförmig, unten mit indischen Restaurants, Supermärkten und Läden bestückt, oben mit Wohnungen. Alles ist logischerweise (Wüste!) sehr staubig. Bis auf die allgegenwärtige „Corniche“, eine Uferpromenade, die oft mit parkartigen Grünanlagen gesäumt ist. Hier spielt sich das Leben am Wochenende ab. Es werden Picknickdecken, Campingstühle, Zelte und große Essenvorräte dorthin geschleppt. Dann lässt man sich im Schatten nieder und schaut. Und isst und schaut. Und spielt am Handy rum und schaut. Und so weiter. Baden tun die Wenigsten, die Kinder spielen manchmal Fußball oder toben herum, der Rest….richtig! Schaut zu.
Es sei denn, man campt an einem Strand, so wir wir das am Ende der ersten Etappe taten. Es handelte sich um einen zwei Kilometer langen Streifen am Strand entlang. Hier traf sich alles, was einen Motor hat und so wurden wir von aufheulenden Motoren der Quads, Sportwagen und Motorräder in die Nacht begleitet. Übertönt wurde der Sound nur noch von der ohrenbetäubenden arabischen Musik aus den riesigen Boxen unserer Nachbarn.

Damit ließ sich aber einschlafen. Am nächsten Morgen, wir schliefen etwas länger, waren alle weg. Außer dem Müll. Der türmte sich unter allen Bäumen, am Strand, einfach überall. Manche hatten ihn wenigstens in Mülltüten gepackt. Ansonsten galt hier wie auch sonst überall: Lass fallen, lass liegen, es kommt schon jemand, der das aufhebt. Jugendliche werfen bei Mc Donald‘s die leeren Flaschen einfach über den Zaun (obwohl natürlich Mülleimer da sind), die Kleinen stopfen Chips in sich hinein und lassen die Tüte mit einem Lächeln vom Wind forttragen. Das Erstaunliche ist, dass das hier absolut keinen stört. Wir Wertstoffhof-Gelber Sack-Deutschen können mit dieser Denkweise einfach sehr wenig anfangen und schütteln jedes Mal aufs Neue den Kopf.

Marko und Patrick aus Deutschland auf dem Weg nach Indien bzw. Peking

Wir fuhren weiter, der Küste lang, nach Khor Fakkan. Wir wollten an der Corniche zelten, doch wir waren viel zu früh dran, es war erst Mittag und wir wollten und konnten ja nicht schon unser Zelt errichten und so tun als wäre das ein Campingplatz – zumal überall Verbotsschilder prangten.

Strandleben in Khor Fakkan

Hinter dem Hafen sollte es eine kleine Insel geben, auf der man angeblich zelten können sollte. Doch so weit kamen wir gar nicht. Auf dem Weg dorthin rannte ein Philippino auf uns zu und begann ganz aufgeregt Fragen zu stellen. Er sei selbst auch begeisterter Biker. Wir ließen uns in einem Café nieder und er lud uns zum Tee ein. Sofort zeigte er uns Bilder seiner Fahrräder auf dem Handy und quetschte uns aus: Woher ist das Bike, was kostet so was? Wo fahren wir hin?

Villa zeigt mir Fotos seiner Fahrräder auf dem Handy

Lustigerweise bestellt er viele seiner Anbauteile bei Rose in Deutschland. Er erzählte uns, dass er mit seinen Freunden, die er alle aus dem Krankenhaus kennt, in dem sie als Pfleger arbeiten, eine Fahrrad-Clique haben. Sie machen regelmäßig Ausfahrten und verbringen als sehr gute Freunde auch die die meiste ihrer Freizeit miteinander. Gleich darauf brachte er uns in eines seiner Lieblingsrestaurants – indisch! Das beste Curry, die besten Fladenbrote der bisherigen Reise. Ein Traum. Seinen Freund Pepito telefonierte er inzwischen herbei und sie gaben uns per Bike eine kleine Stadtrundfahrt. Später verabredeten wir uns zum Abendessen, ein anderes, in diesem Falle pakistanisches Restaurant – Weltklasse! Wieder wurden wir eingeladen, was uns sehr peinlich war. Aber ablehnen war nicht drin. Unterdessen hatten sie sich auch darauf geeinigt, dass wir auf keinen Fall zelten, sondern bei einem von Ihnen über Nacht bleiben sollten. Ein bisschen „stritten“ sie noch rum, wer denn die sauberste Wohnung habe, schließlich bekamen wir ein WG-Zimmer bei Pepito, dessen Bewohner gerade in Dubai weilte. Dort fand dann noch ein kleines Konzert statt. Gitarre, Cajon und zwei melancholische Stimmen von Pepito und seinem Freund. Ein Gänsehaut-Erlebnis! Wir rollten schließlich unsere Matten aus, schupften die paar Kakerlaken zurück in ihre Löcher und schliefen ein.

Mehr über die Biker von Khor Fakkan gibt es hier

Um 8 Uhr lugte Villa zur Tür herein: „Breakfast!“. Er hatte sich ein weiteres Highlight überlegt. Masala Dosa. Hauchdünne Reispfannenkuchen mit einer Kartoffelfüllung, dazu leicht scharfe Kokossauce und ein weiteres Curry. Er meinte, dieses Gericht gehöre zu den 100, die man im Leben mal gegessen haben sollte. Recht hat er. Die Bilder sprechen Bände. Sie geleiteten uns noch aus der Stadt, auf die fast autofreie Umgehungsstraße, dann trennten sich unserer Wege. Auf der Fahrt dorthin unterhielten wir uns noch über das Touren-Radfahren: „My dream is to cycle in France one day!“ Was soll man da sagen? Es fehlen einem die Worte und es bleibt wieder mal das Gefühl, dass wir einfach nur verdammt froh und dankbar dafür sein sollten, das tun zu können, was wir möchten.