13.02.2010 (k) – Zhenyuan – Jingdong: 75km, 650Hm

Morgen ist der große Tag! Man kann es spüren, man kann es sehen. Morgen ist Chinesisches Neujahr. Der Ochse darf gehen, der Tiger kommt! Was kann man vom Jahr des Tigers erwarten? Er gilt als selbstbewusst, angriffslustig, durchsetzungsstark aber auch unberechenbar.  Vielleicht kann er ja mehr ausrichten, als der lahme Ochse vom letzten Jahr, der den Chinesen nicht gerade die tollsten 12 Monate beschert hat.

Wir folgen heute die ganze Zeit dem Babian Fluss, das Profil entspricht nicht ganz unserem Lieblingsprofil, es geht ständig etwas bergauf und wieder bergab. Der Fluss ist zwar ungefähr vergleichbar mit der Iller, aber nicht, dass jemand denkt, es gäbe hier einen Illerdamm. Das Tal ist recht stark besiedelt, ständig durchfahren wir kleinere bis mittlere Orte und können uns so hautnah ein Bild von den Vorbereitungen der Leute machen. Besonders leiden müssen heute die Hühnchen. Sind sie ja immer schon diejenigen, die in engste Körbe gepresst auf allen Märkten Asiens auf Käufer warten, die in Großgruppen verbunden kopfüber von Motorrädern hängen oder zu tausenden in Plastikkäfigen auf LKW verladen werden. Heute geht es ihnen jedoch richtig an die Gurgel. Jeder dritte, den wir sehen, hat so eine Kreatur mit zusammengebundenen Füßen in der Hand, im Sack oder auf dem Moped. Wir werden von einer Familie überholt, deren Huhn mit dem Schnabel direkt auf Höhe Auspuff hängt. Das hat wahrscheinlich bis zur Schlachtung so viel Giftstoff eingeatmet, dass schwarzes anstatt weißes Fleisch in der Suppe schwimmt. Ach ja, es schwimmt in China ja sowieso schwarzes Huhn in den Suppen. Diese Exemplare, die uns vom Aussehen schon ein Grauen einjagen. Wir wissen noch immer nicht, wie man ein Huhn so blau-schwarz kriegt. Als Molle in einem kleinen Laden etwas zu trinken kauft, setzt der Hausherr gerade das scharfe Messer an die Hühnerkehle. Man bringt uns Stühle – setzt euch, dann könnt ihr zusehen. Äh danke, nein, wir haben es gerade etwas eilig.

Durch die Orte – die sich heute entlang der Hauptstraße in lebende Märkte verwandelt haben, fegt so ein Einkaufsrausch wie bei uns am Tag vor Heiligabend. Das Straßenbild ist in die Farbe Rot getaucht. Fische sind besonders begehrt – auch sie fristen ein jämmerliches Dasein – zu zehnt in 2cm Wasser, kurz vor dem Erstickungstod. Aber darum geht es heute nicht, ist ja alles nur potentielles Futter. Neben Fischen sind Böller der Knaller. Wer jetzt noch keine hat, der sollte sich ranhalten. Es liegen nur noch ein paar hunderttausend Kilo herum! Unwillkürlich denken wir an die Warnungen, die alljährlich zu Silvester die deutschen Medien durchziehen: Finger weg von den billigen Feuerwerkskörpern aus China. Tja, gibt es vielleicht ein unterirdisches Hotel in Jingdong?

Man muss in den Orten gar nicht anhalten, um zu sehen, was alles gekauft wird, vielmehr werden wir ständig von Mopeds überholt, voll mit Menschen und Waren, die auf dem Weg zurück in ihre Dörfer sind. Heute gilt für jedes Moped: es müssen mindestens 4 Personen, darunter 3 Generationen auf einem Moped sitzen; jedes Moped muss mit zweierlei Böllerarten, eine davon mit der Mindestlänge 1,50 Meter beladen sein; die Anzahl der mitgeführten, mit Obst, Gemüse und Federvieh gefüllten roten Plastiktüten muss den zur Verfügung stehenden Händen entsprechen. Wer mit einem Auto fährt, muss sicherstellen, dass die ganze Familie Platz gefunden hat und der Kofferraum bis unter das Dach gefüllt ist.

Wer nicht gerade mit Einkaufen oder Mopedfahren beschäftigt ist, muss sich heute um die Neugestaltung der Eingangstüren und –tore kümmern. Am Türstock oder dem Tor müssen die aktuellen Glücksspruchbänder aufgeklebt werden. Sie sind rot  mit leuchtend goldenen Zeichen – die beiden Glücksfarben in China. Sie werden umgedreht aufgehängt, da das Wort für „umkehren“ (dao) das gleiche ist wie das für „ankommen“, und das Glück soll ja schließlich ankommen. Die alten Spruchbänder werden abgerissen, ebenso das Bild des Ochsen. Er wird abgepfriemelt, dann wird der Tiger darüber geklebt. Wenn alles hält, müssen noch die beiden roten Lampions, die rechts und links von oben herabhängen, ersetzt werden. Vergilbte, verstaubte, verknickte Letztjährige werden einfach über die Straße getragen und dem übrigen Dorfmüll hinzugefügt. Was kümmert mich das Glück vom letzten Jahr?

Kein anderes Fest lähmt China so sehr wie … War das was? Wir fahren gegen halb sechs in die Kleinstadt Jingdong ein. Keiner werkelt, keiner verkauft, keiner kauft, keiner isst! Keiner isst! Beinahe alle Blechrolläden sind heruntergelassen. Die Stadt verrammelt wie im Kriegszustand. Immerhin sind die Hotels noch offen und an denen mangelt es nicht. Bevor wir einchecken fahren wir eine Stadtrunde, um uns mit dem Nötigsten einzudecken und noch etwas Essbares zu finden. Aber auswärts essen ist heute nicht mehr! Wir kaufen in einer Bäckerei zwei Kastenzöpfe. Dazu wird’s dann wohl ein paar Bier geben – Prost Neujahr!

Im Hotel fragt man auch gleich besorgt, ob wir schon gegessen hätten. Als wir verneinen, fragt die Tochter (die in Kunming studiert und eben auf Familienbesuch ist) auf Englisch, ob wir traditionelles chinesisches Essen möchten. Ihre Mutter muss sowieso im Hotel bleiben und der Vater würde kochen, sie würden uns gerne etwas davon bringen. So klopft es eine Stunde später an unserer Zimmertür und wir erhalten vom „Roomservice“ diverse Spezialitäten und Reis. Sogar eine typisch chinesische Suppe, die bei keinem Essen fehlen darf, stellt uns das Mädel hin. Also, ran an den … Oh weh, aus einem Gefäß schauen uns die Knochen und die Haut des – ratet mal – schwarzen Huhns an! Es lebt zwar nicht mehr, schwimmt aber noch. Und zwar in Öl. Essbares finden wir daran nicht. Aus dem nächsten Töpfchen schaut uns ein Fisch an. Klar, man hat uns mal wieder den Kopf gegeben – ist wohl auch das Leckerste! Aber die andere Hälfte des Tieres findet sich auch noch unter dem Gemüse – schmeckt würzig und lecker. Eine weitere Spezialität ist irgendeine Fleischart, in Teig gehüllt. Schmeckt säuerlich und matschig. Nicht so unser Fall. Dann bleibt noch der letzte Topf: etwas Gemüse bedeckt von riesigen Stücken der Wurst, die hier überall auf den Balkonen trocknet. Eine Mischung aus Salami und Blutwurst, die nach Leber schmeckt. Hm, naja, da bleibt uns noch Reis. Die chinesische Hausmannskost ist wohl doch nochmal etwas anderes und wir sind froh, dass wir nicht zum Essen eingeladen wurden, sondern hier im Zimmer entscheiden konnten, was wir essen.

Unser Hotel liegt ein wenig am Rande der Neustadt – wir haben es extra so gewählt, damit wir nicht mitten in den Feuerwerken liegen. Die Böller sind extrem laut und wenn man gesehen hat, welche Massen die Leute heimgeschleppt haben! Naja, das Jahresmonster „ Nian“ fürchtet sich nun mal vor Lärm und roter Farbe – was soll man da machen?

Wir werfen auch noch ein paar Knallerbsen aus dem Hotelfenster und freuen uns aufs neue Jahr und besonders auf morgen. Denn dann gibt es hoffentlich Jiaozi – das Nationalessen für den Neujahrstag.

13Feb2010