11.08.2012   Briancon – Valloire

Heute weckt uns das Gequängel des belgischen Nachwuchses unserer Nachbarn aus dem Nebenzelt nicht. Nein, wir sind früher dran. Ha! Auch die münsteraner Studenten aus dem Rennrad-Camp gegenüber sind noch nicht vollzählig zum Frühstück angetreten. Vielmehr drücke ich einer Studentin, die gerade vom Waschhaus herüberstapft, unsere zwei übrigen Sahne-Päckchen in die Hand. Wieder einmal wollen wir möglichst wenig zusätzliche Gramm auf der heutigen Etappe über den 2642m hohen Col du Galibier schleifen. Ein ordentliches Radlerfrühstück nehmen wir am Supermarkt-Café ein, heute isst sogar Dirk eine Pizza – à la chèvre. Durch das Dickicht des stark touristisch geprägten und mit allerhand Bausünden angereicherten Briancon, kämpfen wir uns langsam empor und erhalten schnell nicht nur frischere Luft sondern auch einen freien Blick auf das Galibier-Massiv. Früh lässt sich auch schon die langgezogene, relativ kurvenfreie Straße zum vorgelagerten Col du Lautaret erkennen. Trotz des relativ hohen Verkehrsaufkommens macht die Anfahrt richtig Spaß. Dies liegt unter anderem an der fast durchgängig angenehmen Steigung von um die 5% und einem wieder mal strahlend blauen Himmel. Auf halber Strecke, in Monetier-les-Bains stoppen wir bei einem Straßencafé und genießen einen großen Schwarzen mit Milch. Die weitere Fahrt zum Lautaret verläuft ebenso stressfrei und schon bald befinden wir uns, umringt von den Gletscherkollegen des Meije und zahlreichen Chips in sich hineinstopfenden Franzosen, am Abzweig zum Galibier-Pass. Wir vespern ausgiebig und genießen das traumhafte Panorama. Irgendwann wird uns das Geplärre der anderen Touristen aber doch zu viel und wir „fliehen“ auf die Passstraße. Die Südrampe ist für den Radler nahezu ideal angelegt, nicht zu steil und so kurvenreich, dass sich immer wieder neue, reizvolle Ausblicke ergeben. Mal auf das weite Tal und die lange Teer-Schlange nach Briancon, auf der sich heute die Blechhaufen aneinanderreihen wir an einer Perlenschnur, mal auf die über 3000m hohen Kollegen des Galibier. Seine Berühmtheit erlangte dieser Pass, der Unterhalb des Gipfels die Departementsgrenze von den Hautes Alpes in die Savoyen darstellt, durch sein regelmäßige Erscheinen im Streckenplan der Tour de France und die hier immer aufs Neue stattfindenen Dramen, der leider so häufig gedopten Protagonisten Armstrong, Ullrich&Co.

Völlig unaufgeregt erfolgt hingegen unsere Auffahrt, nur ein übermotivierter Deutscher versucht uns in der letzten steilen Rampe noch von der Straße zu drängen, da er offensichtlich Angst hat, wir könnten sein Triumph-Foto verschadeln, das seine überstolze Frau von ihm schießen möchte. Wir lassen uns den Spaß nicht verderben und klatschen mit Erreichen der kleinen Plattform, auf dem sich zig Motorräder und Autos tummeln, ab. Wieder einer geschafft! Chapeau. Gut 1600 Höhenmeter haben wir uns in stundenlanger Arbeit nach oben geschoben und dabei doch – oder gerade deswegen – so viel Freude in uns verspürt. Weit abfahren wollen wir heute nicht mehr, da auf dem Weg ins Arc-Tal noch ein Zwichenanstieg zum Col du Télégraphe lauert. Uns zieht es ins kleine Örtchen Valloire, das mit einem bestens gepflegten Campinplatz aufwarten kann. Um die Muskeln mal auf andere Gedanken zu bringen, machen wir einen Spaziergang in den Ort, wo wir uns mit den Zutaten für ein sehr leckeres Hühnchen-Curry eindecken. Wir sitzen am rauschenden Bach, satt, ein Gläschen Wein in der Hand und sind so zufrieden, wie man es sein kann, ja muss, wenn man einen wohl perfekten Tag auf dem Reiserad erlebt hat.

2012-08-11