02./03.03.2010 (k) Kunming – Guangzhou mit dem Zug

Es ist 12.00 Uhr und damit Zeit, auszuchecken, das geniale Fairylandhotel Tudong Branch, zu verlassen. Mit sieben Nächten in Folge schlägt Kunming nun den bisherigen Spitzenreiter Chiang Mai. Unser Gepäck dürfen wir noch im kleinen Zimmer hinter der Rezeption hinterlegen, bis wir in ein paar Stunden zum Bahnhof müssen. Noch einmal schwimmen wir mit dem Zweiradverkehr die „lanes“ entlang. Diese Stadt ist äußerst angenehm und zum Radfahren wirklich perfekt. Auf den schmalen Radwegen Münchens fährt es sich mit Sicherheit angespannter und gefährlicher als hier. Wir genießen die frühlingshaften Temperaturen und den strahlend blauen Himmel – anders haben wir Kunming sowieso noch nie gesehen. Unser Ziel ist der Cuihue Park beim Univiertel – wir müssen etwas erkunden: Richie hat im Skype gefragt, ob denn die Kirschen schon blühen und wir konnten es nicht ganz klar beantworten. Die Bäume in der Stadt treiben zwar, aber sie blühen noch nicht und sind auch keine Kirschen, denken wir zumindest. Doch wir haben den Verdacht, dass es in einem Park anders sein könnte. Und siehe da, schon von der Ferne stechen uns die rosaroten Baumkronen ins Auge! Wir vertrauen die Räder einem Zweiradwächter am Parkeingang an und mischen uns unter die Blumen- und Blütenfreunde. Einige Damen posieren für ein Foto im roten Tulpenmeer, Alte und Enkel füttern hungrige Möwen und fette Enten. Zahlreiche Fotoanbieter werben mit laminierten Bildern der Machart „Ich vor den Tulpen“ oder „Ich unter dem blühenden Baum“ um die Gunst der Kunden, doch ich denke, sie haben es zunehmend schwer, angesichts der flächendeckenden Ausstattung der Bevölkerung mit Digitalkameras. Die Leute machen ihre Bilder heutzutage selbst. Wenn es aus nicht immer leicht ist, wie wir beobachten: ein alter Mann möchte von seiner Frau ein Foto in den roten Tulpen machen. Er hält die kleine, silberfarbene digitale Kompaktkamera unsicher in seiner Hand und die Frau ziert sich. Sie setzt sich nicht in Position und er versucht von der Seite, Blumen und Frau auf ein Bild zu bekommen. Beherzt greife ich ein. Ich biete an, ein Foto von den beiden zu schießen, nehme dem Alten die Kamera aus der Hand und verpflanze das betagte Paar in das leuchtende Tulpenmeer. Als ich die Kamera zurückreiche und sie einen Blick auf die Bilder werfen, formen die Falten ihrer Gesichter sich zu einem zufriedenen Lächeln. Was gibt es Schöneres?

 Am meisten ist bei den rosa Bäumen los. Hobbyfotografen mit langen Objektivtüten und Mädels mit Handykameras streben nach dem ultimativen „Shot“. Selbst wir werden zum begehrten Objekt – und ein Brautpaar wird professionell in Szene gesetzt. Sehr schön hier, doch sind das Kirschen? An einem Baum hängt ein lateinischer Name, doch welcher Botaniker kann uns das jetzt übersetzen? Also, Richie, wir sagen mal, die Kirschen blühen schon, in Kunming.

Auf dem Rückweg zum Hotel decken wir uns noch mit Nahrungsmitteln für die kommende 24-Stunden-Zugfahrt ein und füllen unsere Mägen mit viererlei Gerichten in unserem Stammrestaurant. Dann satteln wir auf, winken dem Fairyland zum Abschied und sind kurze Zeit später am Bahnhof, der noch immer vor Leuten wimmelt. Die Sonderschalter sind noch nicht abgebaut und vor dem Eingang liegt ein Teppich aus Wartenden. Die Gepäckannahme östlich des Gebäudes ist mit einer Nachfrage schnell gefunden und problemlos können wir unsere Räder in den Cargobereich verabschieden. Wir sind froh, dass wir sie los sind – das Gepäck allein ist schon schwer und unförmig genug, doch immer hin ohne Beinahezusammenbrüche über eine mittlere Strecke auf einmal zu tragen. 45 Minuten vor Abfahrt öffnen sich drei Schleusen, die eine unbeschreiblich große Menschenmenge zum Zug mit der Nummer K484 nach Guangzhou hinauslassen. Am Gedränge beteiligen wir uns nicht, wir reihen uns erst ein, als der größte Aderlass erfolgt ist. Immer wieder faszinierend, wie viele Menschen die Chinesen zusammenpferchen, um sie dann mit Megaphonen und Gebrüll ordentlich aufzustellen, was aufgrund der Enge aber unmöglich ist. Würde man gar nicht erst so eine riesige Menge (unser Zug ist ja nicht der einzige, auf den hier in der Halle gewartet wird) auf so engem Raum kreieren, müsste man sie auch nicht ordnen oder zusammenscheißen. Na gut, die Tore sind offen und über die gewohnte Treppe geht es hinunter zum Bahnsteig und für uns hinein in Waggon Nummer 11. Diesmal war es nicht ganz so weit, wie zuletzt in Xiaguan, doch ich bin bei jedem Schritt froh, dass ich nicht auch noch das Rad bei mir habe. So finden wir doch wesentlich entspannter unser Schlafwagenabteil, in dem zwei von 6 Liegen auf uns warten. Ganz oben klemmt ein Geschäftsmann im Anzug und telefoniert, die andere oberste Liege gehört einer jungen Frau, die noch den halben Abend mit Knabbereien auf dem Sitz im Gang verbringt. In der Mitte liege später ich, neben mir ein mit seinem mp3 Player bewaffneter Teenager. Auf Molles Ebene hat ein Iraker chinesischer Abstammung – oder ein Halbchinesehalbiraker (so genau haben wir es nicht verstanden) eine Liege ergattert. Er hat sechs Jahre lang die arabische Sprache studiert und arbeitet jetzt als Übersetzer in Guangzhou. Leider lassen sein begrenztes Englisch und mein ebenso rudimentäres Chinesisch eine tiefere Unterhaltung über diese sicher sehr interessante Arbeit und das Studium nicht zu. Seine Frau liegt neben ihm aber im benachbarten Abteil. Unsere Box ist also insgesamt sehr ruhig und angenehm, was uns nachts auch sehr gut schlafen lässt. In den ersten Stunden der Fahrt verlieren wir über 1800 Höhenmeter. Uns ist es zwar aufgrund der Gebirgsstrecken in den letzten Wochen gar nicht aufgefallen, dennoch sind wir auf dem Weg nach Kunming auf das … Plateau geklettert, von dem wir nun (der Druckausgleich in den Ohren beweist es), wieder hinuntergebracht werden.

Die Tagfahrt führt uns bereits wieder durch subtropische Gefilde, sind wir doch südlicher als Hanoi. Felder, die grüner als grün sind, säumen die Zugstrecke und in der Nähe malen bewaldete Berge und Hügel ein Landschaftsbild, das wir vor wenigen Monaten in Vietnam gesehen haben. Schmale Langhäuser erblicken wir bei den Stadtdurchfahrten – Palmen, Bambus, Büffel außerhalb. Ja, die Grenze ist nicht weit!

Guangzhou (Kanton) ist eine Großstadt mit fünf Millionen Einwohnern. Sie liegt am Scheitelpunkt des Perlflussdeltas und ist einer unter zahlreichen Molochen in dieser Ecke Chinas. Eine Millionen Wanderarbeiter halten sich hier permanent auf – es gibt viel zu tun und wenig zu verdienen. Wir bleiben nur eine Nacht hier und möchten morgen mit dem Expresszug weiter nach Hongkong. Sicher gäbe es auch hier viel zu entdecken, doch allzu große Stadtfans sind wir ja nicht und mit Hongkong stehen uns nun noch ein paar Stadttage bevor. Ganze 2 Kilometer Luftlinie sind wir noch vom gebuchten Hotel „Elan“ entfernt, zeigt das GPS, doch der Zug bekommt keine Einfahrt in den Bahnhof und so stehen wir knapp vor dem Ziel gut 40 Minuten. Der Bahnhofsbereich von Guangzhou ist riesig. Der gesamte Vorplatz ist voller Menschen, die hier auf ihre Züge warten. Familien sitzen beim „Abendbrot“ zusammen, Arbeiter sind über ihrem wenigen Hab und Gut eingeschlafen, Männergruppen sitzen auf Zeitungspapier und spielen Karten. Ich frage mich zur Gepäckausgabe durch und erhalte die Information, dass die Räder erst in einer Stunde zur Abholung bereit sind. Um unser Zimmer nicht zu verlieren, fahren wir mit dem Taxi ins Hotel, laden die Taschen ab und laufen dann zurück, um die Räder zu holen. Von einem netten, jungen Angestellten werden wir in die hintersten Katakomben der Logistikabteilung geleitet und treffen in einer dunklen Ecke unsere Steppenwölfe schön nebeneinander geparkt, auf uns wartend, an. Gut, dass wir in einer Großstadt sind – wir bekommen in einem Restaurant gegenüber des Hotels um 23.00 Uhr noch etwas zu essen. Wir haben heute einen großen Sprung nach Südosten gemacht – fühlt sich an wie ein Saunabesuch: schwülheiß.