02.02.2010 (k) – Chiang Saen – Ganlei-Port (Schiff Mekong)

Schwarz fließt das Wasser, das seinen Ursprung in Tibet hat, unter meinen Füßen hindurch. Ich stehe auf dem Deck des Schiffes, das uns als Zustieg in unser modernes Boot dient und schaue nach Norden. In Richtung China. Der Mond versucht noch verzweifelt, sein Licht auf den Fluss zu werfen, doch er weiß, dass er in zwei Stunden seinen Platz an die Sonne abtreten muss. Neben mir stehen fünf Chinesen, zwei in ordentlicher Kapitänsuniform, drei in Hemd und Hosen. Es wird noch ein wenig gerotzt, ein wenig geredet und natürlich: geraucht. Chinesische Männer rauchen extrem viel, so kommt es uns zumindest vor. Uns allen gemeinsam: wir warten. Eigentlich sollte um 5.00 Uhr Abfahrt sein und wir waren auch pünktlich um 4.30 Uhr am Anleger, doch was noch fehlt, sind unsere Pässe. Das „Office“ wollte uns ausstempeln lassen und uns in der Früh die Pässe zurückgeben. Gut, dass mein Chinesisch noch so weit reicht, dass ich, bevor wir ablegen, nach unseren Pässen fragen kann. Denn die kleine chinesische Stewardess, in ein güldenes Festtagskostüm gehüllt, kann ebenso wenig Englisch wie die in ein schwarzes Businesskostüm gekleidete und mit einem silbernen Schildchen versehene, ebenfalls sehr junge Oberstewardess. „Deng ixia“ – „Ein bisschen warten“ ist die Antwort. Gut. Ich hoffe, sie haben verstanden und frage in regelmäßigen Abständen nochmal nach. „Deng ixai.“ Na gut. Außer uns scheint auch für niemanden das „deng ixia“ ungewöhnlich zu sein und so legt sich auch meine leichte Anspannung – irgendwann wird schon jemand mit den Pässen erscheinen. Gegen 6.00 Uhr kommt das Mädel vom „Office“ mit einem Mann mit Aktentasche im Schlepptau, der uns die Pässe überreicht und uns mit Handschlag verabschiedet. Besatzung an Bord und los. Das Boot ist ein geschlossenes, modernes „Speedboat“. Wie ein Flugzeug auf dem Wasser, mit  Gepäckfächern über den Sitzen, die in 5er und 6er Gruppen um Tische mit einer Plastikrose in einer Holzvase angeordnet sind. Andere Gäste mussten nicht wegen uns warten, denn wir sind die einzigen, wie die freien Sitze und der Blick auf die Passagierliste zeigt. Wie schon vermutet, muss dies heute ein außerplanmäßiges Boot sein und der Serviceschlüssel ist mal wieder chinesisch phänomenal: 8 Besatzungsmitglieder, 2 Passagiere. Was will man mehr. Normal heißt es, sie fahren erst ab 30 Personen – dann wäre es hier drin wohl wieder heiß und laut geworden. Jetzt ist es kalt (Klimaanlage) und leise (weil alle, die gerade nichts zu tun haben, noch eine Mütze Schlaf nehmen). Wenn man die Augen schließt, hat man wirklich das Gefühl, zu fliegen. Kleine Stromschnellen rütteln am Boot wie Turbulenzen, ansonsten gleitet es ruhig dahin. Als die Sonne das Ufer erhellt, sehen wir Möwenschwärme flach über dem Wasser vor dem Grün des Dschungels mit uns um die Wette fliegen. Links liegt Burma, rechts Laos – zu erkennen höchstens, wenn ein Mann im Longyi am Ufer steht und Gold (?) schürft. An flachen Stellen müssen wir uns einige Male regelrecht voranstochern. Mit langen Bambusstangen, die nur noch gut einen Meter einsinken, stellen die Jungs sicher, dass wir nicht auflaufen. Wir gleiten an dichtem Dschungel entlang und kilometerlangen, nur von mächtigen Felsbrocken unterbrochenen Sandstränden. Die Wasserfarbe wechselt allmählich von braun zu grün, an manchen Stellen scheint der Fluss sich zu freuen, nicht mehr den großen, berühmten Strom mimen zu müssen, sondern spielerisch hüpfend wie ein echter Gebirgsfluss mäandern zu dürfen.

Gegen Mittag legen wir kurz am Ufer Burmas an. Es erfolgt ein Gefangenenaustausch: Plastiktüte voll irgendwelcher Waren gegen Kübel voll frisch gefangenem Fisch. Wenig später schaut uns aus unserem Topf einer dieser schmalen Flussköpfe mit seltsam milchig gewordenen Augen an. „Steamed whole live fish“ – mit Reis, versteht sich. Molle hält sich nur an letzteres und so hängt es wieder mal an mir, mich eine halbe Stunde durch die Killergräten zu kauen. Wenn man die großen Gräten rausgenommen hat, muss man sich nur noch mit den äußerst feinen, fiesen Wiederhaken herumschlagen. Der freigelegte, zermalmte Fischbrei schmeckt im Grunde sehr gut. Aber das dauert! Doch auf einem chinesischen Speedboat zwischen Burma und Laos jämmerlich ersticken – das kann auch kein ehrenvolles Ende sein!

Die weiteren Stunden vergnügen wir uns mit unseren Büchern und dem Blick aus dem Fenster auf teilweise sehr große, zerfressene Felsen, die Engstellen bilden, durch die wir uns hindurch manövrieren. Angenehm, so ein Boot für uns!

Der Hafen von Ganlei dient gleichzeitig als Grenzkontrolle zur Einreise nach China. Drei Grenzer betreten unser Boot, möchten den Inhalt unserer Lenkertaschen und unseres kleinen Rucksacks sehen. Der kleine Rucksack ist der „Foodrucksack“ – sie wühlen in geöffneten Keksen, Trockenbananen, die von Philip und Franzi als „ekelhaft“ ausgespuckt wurde,n und fünf Packungen gemahlenen Fertignudelsuppen, die noch aus China stammen, ein Reimport also. Achja, ein halbes Kilo vietnamesisches Kaffeepulver und Trinksuppen, Kartoffelbreipulver und Gulaschwürfel aus Wien sind nach noch in der untersten Ecke. Ich muss in mich hineinlachen – was für eine Gepäckkontrolle! Die restlichen Packtaschen und die Radsäcke interessieren sie nicht. Stattdessen heißt es für uns aussteigen und hundert Stufen hinauflaufen zur Passkontrolle. Auch die anderen steigen aus und ich kann sogar aus der Flut der Worte, die uns zur Erklärung geliefert werden verstehen, dass wir in dieser Hafenstadt übernachten werden, da wir bei dem niedrigen Wasserstand heute nicht mehr bis Jinghong fahren können. Ob es wegen der nahenden Dunkelheit ist oder weil uns die Chinesen erst morgen wieder mehr Wasser schicken, kann ich nicht dekodieren. Wir werden auf Kosten von Delta Travel in ein Hotel einquartiert – für das Essen sollen wir selbst aufkommen. Kein Problem. Wir ziehen los, mit Buzzlefaktor-Antennen. Eine Runde durch den kleinen Ort, der wie eine Retortenstadt im Dschungel zu liegen scheint, führt uns ohne Ergebnisse zurück zum Gebäude des Hotels, wo in den angrenzenden Restaurantgaragen die Hölle los ist. Ein Gegröle, auf allen Tischen noch Essen oder was davon übriggeblieben ist, Schnapsflaschen darauf und darunter. Hier muss es doch lecker sein. Wir stehen etwas unbeholfen herum – das genügt, dass uns ein grölender, lachender Chinese in seine Arme nimmt und an den Tisch setzt. Die Schlacht ist schon geschlagen, doch es wäre noch genug für ein paar Familien übrig. Unser Gegenüber setzt an, uns in die eilig herbeigebrachten frischen Schalen zu schöpfen. „Oh, no,no,no, … bu yao (nicht wollen) whole live fish!“ Achso, na gut, und wie wär’s mit kalten, undefinierbaren Fleischstücken? „Äh, no, no, no, … bu yao“. Na wenigstens bei Schnaps und Bier schlagen wir nicht aus. Wir stoßen an – es ist der 40. Geburtstag des Mannes, der uns hereingeholt hat. Wir erfahren, dass alle hier im Raum zum Zoll bzw. zur „Immigration“ gehören. Was wir denn nun essen wollen? Wir ziehen unsere Speisekarte mit den zahlreichen Leckereien heraus und unser Gastgeber wählt ohne unser Zutun zwei unserer liebsten Gerichte aus: „Sichuan Style Kartoffeln“ und „Fisch-duften-Aubergine“, außerdem noch zwei Riesenportionen gebratenen Reis – da kann man wohl bei Langnasen nichts falsch machen, hat er gedacht. Es wird ein lustiger Abend. Vor lauter Aufstehen, Gröhlen und mit Bier anstoßen (nach zwei Schnapsrunden können wir ernsthaft verklickern, dass wir als Fahrradfahrer nicht so viel Schnaps – den sie hier lustiger weise „Wein“ nennen (hat ja auch nur 52%!) – vertragen, und dürfen auf Bier wechseln) kommen wir kaum zum Essen. Nacheinander will fast jeder mit uns anstoßen und uns in China willkommen heißen. Anstoßen bedeutet auch „Glas ganz austrinken“ – immerhin sind die Gläser klein! China und Deutschland seien enge Freunde, alle wollen Frieden, Japaner aber seien Feinde. So einfach ist’s. Gut, dass wir die richtige Flagge mitgebracht haben! Wir bekommen noch eine Vorführung in: wie lecker kann kalte, zentimeterdicke gebratene Schweineschwarte schmecken – wir lachen uns kringelig. „Welcome to China“ – Danke, schön, wieder hier zu sein!