18.05.2010 (m) Besichtigungstag in Shanhaiguan

Über Nacht hat sich der Regen verzogen. Das heißt für uns, dass wir das Besichtigungsprogramm am heutigen Tag durchführen können. Wir lassen es aber ruhig angehen, schlafen aus und schlürfen den Morgenkaffee samt ein paar süßen Teilchen bei der Morgenlektüre im Zimmer hinein. Gegen 11 Uhr machen wir los, der Himmel ist noch grau und die vor Feuchtigkeit strotzende Luft gibt noch keine Fernblicke frei. Unweit unseres Hotels ragen die Mauern der Altstadt in die Höhe, die als Rechteck eine Fläche von gut zwei Quadratkilometern begrenzt. Jenseits der Mauern finden sich alte Teile der Stadt, die größtenteils dem Verfall preisgegeben und teils schon geplättet sind, aber auch bereits neu errichtete Bereiche. Diese wirken verständlicherweise nicht sonderlich alt, sind aber dem alten Stil ordentlich nachempfunden und schön herausgeputzt. Ein Teil der Stadtmauer bildet wiederum einen Teil der großen Chinesischen Mauer, die ihrerseits ihren langen Weg aus dem Westen hier, fünf Kilometer weiter, am Gelben Meer, beendet. Dazu später mehr. Wir erstehen eine mittelpreisige Eintrittskarte, die zum Besuch diverser Tempel und Türme und natürlich des „First Pass Under Heaven“ berechtigt. Aufgrund des noch nicht allzu berauschenden Wetters sind die Touristenströme gering und wir müssen uns den Mauerlauf nur mit einigen kleineren Tourgruppen teilen. Diese „Rotmützen“ werden von megafonschwingenden Studenten und Studentinnen begleitet, die bei jeder Gelegenheit sicherlich höchstinteressante Informationen in ihrer Verstärker plärren. Ja, im Gegensatz zu Japan, tobt hier das pralle Leben. In denTürmchen sind einige Reliquien aus dem 13. bzw. 14.Jahrhundert – z.B. Pfeile, Mauersteine, Kleidung oder Schwerter – ausgestellt. Die Tempel sind typisch chinesisch, das heißt mit bunten Figuren und Souvenirständen gefüllt. Für uns mäßig beeindruckend, die Chinesen scheinen sich jedoch dafür zu begeistern. Für wichtiger halten sie aber noch DAS Erinngerungsfoto vor, sagen wir mal…allem. Hauptsache das eigene Gesicht und das Victoryzeichen sind darauf zu erkennen. Ob die Mauer nun hier in Shanhaiguan oder woanders steht, egal. Wir wären gerne noch ein wenig länger auf der Mauer spaziert, eine sauber gebaute Backsteinbarriere verhindert dies jedoch. So steigen wir die Treppen hinab, auf den Vorplatz, auf dem bereits Fotografen mit Kamel oder Pferd auf zahlungskräftige Kundschaft warten. Die kommen auch gleich, nicht jedoch, bevor sie oben am „Ersten Pass unter dem Himmel“ für etwa einen Euro auf die große Trommel geschlagen haben.

Eine „Westnase“ erregt unserer Aufmerksamkeit, allzu oft sieht man ja in China keine. Wir kommen mit Arnauld aus den Niederlanden ins Gespräch und setzen dies beim Baozi-Mittagessen fort. Er ist mit einem über 30-kg schweren Rucksack unterwegs und hat seiner Heimat gerade für unbestimmte Zeit den Rücken gekehrt. Wir leiden beim Anblick des Rucksacks richtig mit. Er nimmt schließlich auch ein Zimmer in unserem Hotel und wir laufen gemeinsam – wir unsere Räder schiebend – Richtung Meer los, wo sich das offizielle Ende der Mauer befindet. Da dies jedoch fast fünf Kilometer sind, schwingen wir uns schließlich auf unsere Räder und lassen Arnauld, der sich kein Taxi gönnen will, marschierend zurück. Vorne angelangt, treffen wir auf eine perfekte touristische Infrastruktur. Riesige Parkplätze, englische Schilder und hohe Preise. Wir wollen ja eigentlich nur das Ende am Meer sehen und müssen nicht zwingend darauf herumstapfen. Nicht an dieser so erschlossenen Stelle. Wir radeln ein wenig außen herum und sind rasch ein einem langgezogenen Strand, der einen wunderbaren Blick auf den „Alten Drachenkopf“, das Ende der Chinesischen Mauer, ermöglicht. Drachenkopf heißt es deshalb, da das letzte Stück mit dem letzen Turm eben so aussieht, als läge dort ein Drache. Jedenfalls scheinen auch andere schon auf die Idee gekommen zu sein, warten am Strand doch schon ein Kamel und mehrere Pferde nebst deren Besitzer darauf, Touristen herumschleppen zu dürfen bzw. zu lassen. Wir haben unsere Thermoskanne mit dabei, brühen uns ein Tässchen Kaffee auf und genießen den Ausblick in der wärmenden Sonne. Als selbige sich immer mehr dem Gelben Meer annähert, kurbeln wir in die Stadt zurück und gleich durch die Altstadt hindurch zu den Bergen, die jetzt sichtbar prachtvoll hinter dieser liegen. Gute zwei Kilometer sind es bis zum Eingangstor, das einem den Zugang auf ein weiteres Mauerstück ermöglicht. Ja, wenn dieses noch geöffnet wäre. Wir sind aber zu spät dran, um einem Stückchen des Weltwunders an dieser Stelle einige hundert Meter steil ansteigend in die Berge zu folgen. Stattdessen kraxeln wir auf ein ganz altes, nicht renoviertes und grasbewachsenes Stück und schießen ein paar Fotos. Es ist einerseits faszinierend, sich die Dimensionen eines solchen Bauwerks zu vergegenwärtigen, andererseits muss man schon ziemlich ängstlich, größenwahnsinnig oder auch nur wahnsinnig oder alles sein, solch eine Baumaßnahme in die Wege zu leiten. Wir können ja in den nächsten Tagen noch ein wenig darüber nachdenken bzw. nachforschen, denn die Mauer begleitet uns auf unseren Etappen bis Peking immer wieder.

Als sich der Tag dann wirklich dem Ende entgegen neigt, fahren wir zum Hotel und ruhen uns ein bisschen vom Sightseeing aus. Das Abendessen entfällt, da wir einfach noch zu satt sind. Ja gibt’s denn sowas!?