20.09.2009 (k) – Obozhen – Jingshizui: 78km, 450Hm

…und wie! Kurz nach sieben linsen wir skeptisch aus unserem Zeltchen, das wir auf dem Bett der Unterkunft aufgestellt haben und in dem es ca. 10 Grad wärmer ist als im übrigen Raum. Draußen sieht es hell aus, aber wir rechnen mit Nebel. Als Molle sich herausschält und den Vorhang zurückzieht entfährt im ein lautes: „Hey, es ist Vollbomba!“ …Tatsächlich – die umliegenden, schneebezuckerten Viertausender glänzen unter dem Himmel, der von der gerade aufgegangenen Sonne sanft blau getönt wird. Das ist das tolle an den Bergen – kennt man doch von daheim: an einem Tag sieht es aus, als gäbe es kein Morgen mehr – und dann erstrahlt dieses Morgen mächtiger und schöner, als man es sich vorstellen kann! So schnell haben wir schon lang nicht mehr aufgesattelt. Über die gefrorene Matschrampe schieben wir die gepackten Esel hinunter und starten in die Kühle des Morgens. Weit kommen wir nicht, denn bei so viel Sicht müssen wir sofort fotografieren. Als nach ein paar Kilometern die ersten Yakherden im Grün neben der Straße noch etwas Nichtgefrorenes zu fressen suchen, ist die Idylle perfekt! Blau-weiß-grün-Yak – so die Reihenfolge von oben nach unten. Die Straße führt uns wieder leicht ansteigend über die aktuelle Hochebene hinauf; Yaks und ein paar wirklich gut gepflegte Höfe säumen den Weg. Kein Wunder, dass wir um 10.00 Uhr erst 16km weit gekommen sind. Die Hochebene gipfelt in einem 3767m hohen Pass, der je nach dem, wie man das Foto macht, idyllisch mit Gebetsfähnchen und kleinem Marterl oder aber mit riesigem Handymast und großem chinesischen Schild daherkommt. Menschen, die die Passhöhe mit dem Auto passieren, werfen eine Handvoll kleine quadratische Zettel mit Gebetsbildern hinaus und der Wind trägt die Gebete ein Stückchen mit sich, bis sie sich zu den übrigen in Schnee und Matsch auf die Erde senken.

Passhöhe heißt auch gleichzeitig: es geht mal bergab! Wir rollen gut 10km in einer gigantischen Kulisse hinab in ein breites Flusstal, bis wir eben diesen überqueren und es leicht steigend weitergeht. Links reiht sich ein weißer Riese an den anderen, zusammen mit dem Grün der Wiesen und dem Blau des Himmels heute das bestimmende gigantische Bild des Tages! Wir sind begeistert! Den kurzen Tränen von gestern folgt heute ein langanhaltendes Grinsen.

Nach dem Überqueren eines weiteren kleinen Bergrücken-Ausläufers folgt der Rest der Strecke (ca. 30km) bis Qingshizui einem weiteren Hochtal, diesmal aber abfallend. So rollen wir locker hinab und mit fallender Höhe duften die Weiden zunehmend nach Kräutern, es mehren sich Schafe und Kühe, die Behausungen nehmen mit steigender Fruchtbarkeit zu, bestellte Felder und geerntete Gräser (schön zu Bündeln aufgereiht) lösen die Yakwiesen ab.

Als wir Qingshizui erreichen läuft auch der uns wie eine Kulisse begleitende Bergrücken zu unserer linken aus und es erscheinen wiederum neue mächtige Berge vor und rechts von uns. Als wir die Augen zusammenkneifen und überlegen, wo es bitte morgen über dieses Gebirge hinüber gehen soll, erkennen wir ganz leicht eine Straße, die sich in großen Serpentinen hinaufwindet um oben im Schnee zu versinken…das muss der Dapo-Pass sein, der geradewegs und ganz direkt über den Daban Shan hinüberführt! Wow – wär noch schön zu wissen, wie hoch der wirklich ist!

Qingshizui ist eher ein Verkehrsknotenpunkt und Handelszentrum denn ein Ort. Wir finden ein einfaches Zimmer in einer kleinen Absteige am Busbahnhof – ein anderes Hotel scheint es hier nicht zu geben. Das Zimmer ist überteuert und schmuddelig, doch das ist nicht weiter schlimm – wir haben ja unser Zelt ;-) Wenn es die Nacht einigermaßen ruhig ist, sind wir schon zufrieden. In Qingshizui scheint eine ethnische Minderheit zu leben. Wir sind nicht gut informiert, aber die Männer tragen alle ein weißes Käppi, die Frauen eine besondere Art von schwarzem, gehäkeltem Kopftuch, es scheinen auf jeden Fall Moslems zu sein. Alle sind sehr freundlich zu uns – einige stellen die üblichen Fragen nach dem Woher und Wohin. An den erstaunten Blicken vieler kann man jedoch erkennen, dass hier sicher nicht oft solche Westnasen durchkommen, geschweige denn übernachten! Zum Abendessen gibt es heute Tütensuppe auf dem Zimmer – denn wenn man in einem Ort mehr Leute Tütensuppe kaufen sieht, denn in den Restaurants sitzen, so meinen wir, sollte man sich auch an die Gepflogenheiten anpassen.

20Sep2009